Obwohl meist nur noch Ruinen stehen, umweht die Kreuzfahrerburgen ein Hauch von Abenteuer und vergangener Größe. Vor allem aber zeugen die steinernen Festungen entlang der türkischen Küste
heute noch von dem strategischen Wissen, dem eisernen Willen und der Baukunst ihrer einstigen Besitzer, jener christlichen Kreuzfahrer, die im 12. und 13. Jahrhundert von Europa aus nach Anatolien eindrangen.
Präzisionsarbeit
Die Burgen waren gut durchdachte Instrumente einer militärischen Strategie. Gewöhnlich bestanden sie aus zwei konzentrischen, von Türmen unterbrochenen Mauerringen, einem großen Haupttor und einem oder mehreren Nebeneingängen in der Außenmauer. Im Burgfried befanden sich die Wohnung des Burgherrn, das Quartier für seine Ritter und genügend Platz für die Bauern aus der Umgebung, die sich während eines Angriffs in die Sicherheit der Burgmauern zurückzogen. Außerdem gab es eine Kapelle, Zisternen, Lagerräume für die Vorräte und Stallungen für die Tiere, und zur Zeit der Kreuzfahrer für jedes Heer unentbehrlich.Im Schutz der Rüstung und auf dem Rücken eines Pferdes konnte sich ein mutiger Ritter mit dem bloßen Schwert oft gegen überlegene Gegner durchsetzen. Auch die Burgen waren in gewisser Weise eine schützende Rüstung der Ritter.
Rammböcke
Die Auswahl an Waffen gegen die Ritter und ihre Burgen reichte von Schleudern, Pfeil und Bogen und Rammböcken bis zu Belagerungstürmen und Gräben. Unter der Deckung der Bogenschützen lösten Männer mit metallbeschlagenen Stöcken Mörtel und Steine aus der Mauer, um den Rammbock anzusetzen.
Schutz durch Türme
Die Eingangtore zu den Burgen stellten besondere Sicherheitsanforderungen. Oft brachte eine Rampe die Angreifer in eine ungünstige Position, weil sie bergaufwärts kämpfen mussten. In Silifke (südwestlich von Mersin) wurde diese Rampe noch durch einen Turm geschützt, von dem aus man jeden, der das Tor angriff, von hinten beschießen konnte. Manchmal, wie in Bagras südlich von Iskenderun, waren im Eingangsbereich auch mehrere Kurven eingebaut, die ein freies Manövrieren mit dem Rammbockverhinderten. Oft war auch ein Teil des Eingangsbereichs abgedunkelt, um die vorwärtsdrängenden Angreifer zu verwirren. Hölzerne Belagerungstürme, die die Burg überragten, wurden an die Mauern gerollt, um von oben auf die Verteidiger zu schießen. Sie konnten allerdings angezündet oder von der Burg aus umgeworfen werden. Mehr fürchteten die Verteidiger die Sappeure, die unter den Mauern Gräben anlegten. Diese stützten sich mit Holz ab, das sie dann in Brand setzten. Der Einbruch der Gräben konnte die Mauern zum Einstürzen bringen. diese Methode wandten die Araber im Jahr 1144 erfolgreich gegen Edessa (Urfa) an.
Rundumkontrolle
Der Standort einer Burg wurde so gewählt, dass der Besitzer sein Gebiet überblicken konnte und außerdem eine Verständigung über Signale möglich war. Von Yilankalesi aus, die in einer Biegung des Ceyhan-Flusses über der kilikischen Ebene thront, kann man im Umkreis von 50 km acht andere Burgen sehen, darunter Sis (Kozan), Anavaza und Toprakkale. Oft waren die Burgen auf Felsen über Bergpässen gebaut. Güllek ist so über der Kilikischen Pforte platziert, dass der Wächter eine sich nähernde Truppe bereits zwei Tagesreisen weit südlich am Staub erkennen konnte. Das gab den Verteidigern Zeit zur Vorbereitung. Ihr felsiger Untergrund machte die Burg auch unempfindlich gegen die Angriffe der Sappeure. Die zerklüftete Küstenlinie erleichterte die Verteidigung vieler Häfen. Korycos (Kizkalesi) war durch eine Mauer im Meer mit der Burg verbunden, die auf einer Insel lag. Toter Winkel: Die Burgmauern wurden oft noch durch einen Wassergraben geschützt. So konnten die Schützen auf den Zinnen nicht aus dem toten Winkel unter der Mauer angegriffen werden. Türme ermöglichten den Verteidigern den Überblick über das gesamte Angriffsgebiet. In Yilankalesi passen sich die Mauern den natürlichen Konturen des Hanges an, so dass sich die Verteidiger gegen Angriffe von verschiedenen Seiten wehren konnten. Die Mauern und das Eingangstor wurden außerdem durch Öffnungen geschützt, aus denen die Verteidiger Steine warfen oder heißes Öl gossen.
Militärische Architektur
Die letzte Kreuzfahrerburg, die in der Türkei gebaut wurde, ist die der Johanniter Burg bei Bodrum. Sie wurde im Jahr 1402 aus den Steinen des Mausoleums von Halikarnassos errichtet und ist ein ausgezeichnetes Beispiel der Militärarchitektur des 15. Jahrhundert. Der Bau wurde im 16. Jahrhundert eingestellt, als die Einführung des Schießpulvers als Treibladung solche Wehrbauten sinnlos machte. Heute enthält sie ein Museum für Unterwasser-Archäologie.






