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Brücke der Sehnsucht / Von Wolfgang Martin Hamdorf

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grossstadt_bosporus_1Die Bosporusbrücke, die den asiatischen mit dem europäischen Teil Istanbuls verbindet, steht im Zentrum des Debütfilms von Asli Özge. Die Schicksale und Träume ganz unterschiedlicher Menschen werden durch die Brücke verknüpft. Die Brücke zwischen Asien und Europa. Autos und Lastwagen verstopfen die vierspurige Straße. Ein Taxifahrer steht im Stau, ein Polizist kontrolliert die Papiere und abgerissene Jugendliche bieten den entnervten Autofahrern Rosen zum Verkauf an.

Schon von den frühen Morgenstunden an stockt der Verkehr, kommt immer wieder ganz zum Stillstand. Für Regisseurin Asli Özge ist das charakteristisch für den Zustand ihres Landes:

"Weil die Türkei will ein Teil von Europa sein, aber die Türkei steht in der Schlange und es gibt Stau in Richtung Europa. Und ich dachte auf der Bosporusbrücke gibt es auch ständig Stau zwischen zwei Kontinenten und selbst in Istanbul können wir nicht einfach von Asien nach Europa gehen, weil es ist genauso: gibt es Stau."

Stau und Stagnation, verlorene Lebensperspektiven und Zukunftsängste. Der Film führt ins Leben drei sehr unterschiedlichen Männer, die ihre Arbeit aus ganz unterschiedlichen Gründen auf die Bosporusbrücke führt.

Der 28-jährige Sammeltaxifahrer Umut kann mit seinem geringen Einkommen gerade seinen Lebensunterhalt erwirtschaften, aber seine Frau hat höhere Ansprüche, träumt von einem besseren Leben, von eleganten Markenschuhen, einer größeren Wohnung und davon, ihr ärmliches Wohnviertel so bald wie möglich zu verlassen.

Noch armseliger leben der 17-jährige Fikret und seine Freunde. Ohne Schulabschluss und Ausbildung bleibt ihnen nur der illegale Verkauf von Rosen auf der Bosporusbrücke. Wie begrenzt seine Möglichkeiten sind, merkt Fikret, als er versucht, einen anderen Job zu finden.



Der 24-jährige Verkehrspolizist Murat wohnt mit einem Kollegen zusammen und sucht über den Chat im Internet in der 15-Millionen-Metropole nach der großen Liebe. Immer wieder trifft er sich mit Frauen, die er im Internet kennengelernt hat. Seine Mutter drängt ihn zur Heirat, aber er findet nicht die Richtige und bald wird er in den Osten des Landes versetzt werden. .

"Men on the bridge" bleibt nah an seinen Protagonisten, ist ein Spielfilm, der wie ein Dokumentarfilm inszeniert ist:

"Und am Anfang wollte ich einen Dokumentarfilm, der so wie ein Fiktionsfilm aussieht. Aber dann habe ich doch die interessanten Charaktere an der Bosporusbrücke kennen gelernt und die haben mir ihre Geschichte erzählt und ich dachte, Okay, jetzt ist es aber umgekehrt, ich muss das Drehbuch schreiben, weil ich würde das nie schaffen, die Geschichten vielleicht spontan zu drehen."

Asli Özge hat an den Originalschauplätzen gedreht und Laiendarsteller spielen ihr eigenes Leben: der junge Straßenverkäufer, der Taxifahrer und seine Frau. Nur der Polizist wurde von seinem Bruder gespielt, denn in der Türkei, so die Regisseurin, sei es verboten, die Gesichter von Polizisten im Film zu zeigen.

Die Regisseurin sucht diese Ambivalenz zwischen Inszenierung und Wirklichkeit, sie verzichtet auf jede Filmmusik, um die emotionalen Momente zu unterstreichen. Fast wirkt ihr Film wie eine teilnehmende Beobachtung und die Form sei ihr ebenso wichtig, wie der Inhalt:

"Ich will eben nicht nur eine Geschichte erzählen, es ist mir sehr wichtig, wie ich das erzähle. Und ich bin tatsächlich auf der Suche nach anderen Sprachen, anderen Formen und deswegen passe ich auf, was ich mit der Musik mache, ich will nicht sentimental sein, ich will emotional sein, aber nicht sentimental, ich will nicht Musik benutzen, ich will nicht Emotion durch Musik unterstützen, der Film muss selber das schaffen."

Sehr subtil erzählt der Film spezifisch Türkisches. So beobachtet Asli Özge einen zunehmenden Nationalismus und zeigt das mit einem Meer türkischer Fahnen am Nationalfeiertag. Sie zeigt die Betroffenheit und die Wut nach dem Anschlag der PKK auf türkische Soldaten und wieder die patriotischen Aufmärsche, diesmal über die Bosporus-Brücke.

Spätestens seit Mitte der 1990er-Jahre, seit den Filmen von Yücsel Yavuz oder Fatih Akin ist die türkische Gemeinschaft ein beliebtes Thema im deutschen Film. Einen großen Erfolg verbuchen auch türkische Blockbuster, Komödien und Genrefilme bei einem zumeist türkischsprachigen Publikum in Deutschland.

"Men on the bridge" gehört zu einer dritten Kategorie türkischer Filme in deutschen Kinos: Autorenfilme, die mit einer gewissen Distanz auf die türkische Gesellschaft blicken und oft als deutsch-türkische Koproduktionen entstehen. Für Asli Özge war dieser Abstand zu ihrer Heimatstadt Istanbul sehr wichtig. Seit zehn Jahren lebt sie in Berlin. Ohne den "klaren Blick von Außen", so die Regisseurin, wäre ihr Film so nicht entstanden.

"Men on the bridge" zeigt die Metropole Istanbul aus ungewöhnlichen Blickwinkeln jenseits der touristischen Highlights. Er zeigt auf ruhige und unsensationalistische Weise eine Gesellschaft zwischen zwei Kontinenten im Umbruch und drei Männer, die alle auf ihre Weise Auswege aus der persönlichen und wirtschaftlichen Krise suchen.

"Men on the bridge" zeigt die Türkei im Umbruch
Von Wolfgang Martin Hamdorf

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