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Der lautlose Braindrain in die Türkei

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Wittgenstein - Braindrain in die TürkeiDie meisten Studenten aus der Türkei verlassen Österreich nach Universitätsabschluss. Dort erwarten sie steile Karrieren. Wittgenstein hatte es ihm angetan. Gürsel Dönmez wollte den Wiener Philosophen in dessen eigener, sperrigen Sprache lesen. Und kam deswegen nach Österreich, verbrachte 22 Jahre hier. Bis sein Deutsch gut genug war für Wittgenstein, Erich Fromm, Karl Popper und viele andere. „Wissen Sie“, sagt Dönmez in bedächtigem Deutsch, „Österreich kann man nicht verlassen.“ Dönmez tat es doch. Er ist vergangenes Jahr wieder in die Türkei zurückgekehrt – just als außenpolitischer Berater des gemäßigt-islamischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Dönmez steht für viele andere. In jeder Generation seit den 1960er-Jahren sind türkische Studenten nach Österreich gekommen und irgendwann nach ihrem Abschluss wieder in die Türkei zurückgekehrt. Verlorene Talente, wie Sami Akpinar meint. Der 40-Jährige ist Beauftragter für ethnische Ökonomien bei der Wirtschaftskammer. Es wäre ein erheblicher Verlust, würden die rund 3000 türkischen Studenten an den Wiener Unis das Land verlassen. Schließlich handle es sich um eine gut ausgebildete, bereits sozialisierte Gruppe. „Österreich finanziert ihr Studium mit und gibt ihnen später keine Arbeit“, klagt Akpinar. Denn die Studenten würden selten eine Arbeits- und Niederlassungsbewilligung bekommen. Auch würden sie nicht das (akademische) Arbeitsumfeld finden, wonach sie suchen. Für potenzielle Arbeitgeber sei die Hemmschwelle oft groß, jemanden einzustellen, der Deutsch mit Akzent spricht. Und: „Wenn man das Gefühl hat, man ist das fünfte Rad am Wagen, sucht man die Ferne.“



In der Ferne, also in der Türkei und insbesondere in Istanbul, sind die Kurzzeitösterreicher sehr gut vernetzt, berichtet ein türkischer Volkswirt, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er hat mit einem Dutzend Kollegen in den 1990er-Jahren in Wien studiert. Als einer der Letzten ging er heuer in die Türkei zurück – zunächst auf Zeit. Mit seinen ehemaligen Studienkollegen treffe er sich regelmäßig zum (beruflichen) Austausch. Den jüngeren türkischen Studenten in Österreich, die wieder zurückkehren, prophezeit er eine steile Karriere in der Türkei. Er selbst hatte keine Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden. Kurz nach seiner Ankunft bekam er eine Anstellung bei einer Fluggesellschaft in Istanbul.

Migranten gefragt. Die Reemigration in die Türkei wird in Deutschland diskutiert – Anstoß war eine 2008 veröffentlichte Studie des Instituts futureorg. Darin heißt es, dass 38Prozent der deutschtürkischen Akademiker Deutschland den Rücken kehren werden. Inzwischen verlassen mehr Türken Deutschland als umgekehrt. Den Alt-neu-Türken wurde mittlerweile ein Spitzname verpasst: „Almancilar“, die „Deutschländer“. In Österreich, so scheint es, wird der Braindrain zum Bosporus kaum wahrgenommen.

Dabei expandieren immer mehr österreichische Firmen in die Türkei. Sie brauchen Arbeitskräfte, die beide Länder kennen, die Sprachen sprechen und „keine Mentalitätsprobleme“ haben, wie Akpinar es nennt. Das ruft auch jene Migrantenkinder auf den Plan, die in Österreich geboren wurden und hier eine Zwischenexistenz in Generationen, Kulturen und Sprachen führen. Sie sind in der Türkei gefragter denn je, bestätigen Dönmez und Akpinar unisono.

Akpinar selbst ist ein Gastarbeiterkind – inzwischen hat er die österreichische Staatsbürgerschaft. Er ist in Vorarlberg aufgewachsen und hat in Wien Medizin studiert – um dann eine Karriere als Unternehmer zu starten. „Ich bin hier zu Hause“, sagt Akpinar. Ein fließender Satz, der selbstverständlich klingt. Beruflich sei er immer wieder in der Türkei unterwegs, zuletzt mit einer türkisch-österreichischen Handelsdelegation vor einigen Wochen. Das Ergebnis der Reise war, dass mehrere Unternehmer ernsthaft über eine Niederlassung am Bosporus nachdenken. So wolle ein Austrotürke, der hier ein Unternehmen für Solartechnik gegründet hat, sogar ganz übersiedeln. Ob er auch einen Umzug erwägen würde? „Die Angebote sind schon da“, sagt Akpinar, „ich bin nicht abgeneigt.“

von Duygu Özkan (Die Presse)

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