Sie wollte immer ihre Heimat sehen. Und oft wollte sie es auch nicht. Dann schlug die Sehnsucht in Wut und Traurigkeit um. Dann weinten sie und ihre Familie um die Ermordeten und das Verlorene. Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan ist sechzig Jahre alt. Sie wurde dort geboren, wo sie auch wohnt, im Libanon. Vor wenigen Augenblicken aber hat sie den Ort, den sie Heimat nennt, zum ersten Mal betreten. Shoushan Faradschjan-Tschiftdsch- jan ist nach Kozan gereist, einer kleinen Stadt im Südwesten der Türkei, die früher einmal Sis hieß.
Am Himmel steht die Dämmerung, der Tag neigt sich dem Ende zu. Shoushan Faradschjan-Tschiftdsch- jan blickt um sich, betrachtet still die vor ihr liegenden Häuser. Sie geht ein paar Schritte die Straße entlang: eine gepflegte weißhaarige Dame. Sie atmet tief ein, so als wolle sie den Duft der Luft kosten und nie mehr vergessen. Sie lächelt. Obwohl sie die Sehnsucht und den Schmerz von drei Generationen in sich trägt, hat sie in diesem Augenblick die Augen einer jungen Frau.
Der Imam von Sis rettete die christliche Familie
Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan ist Armenierin. Über Jahrhunderte hatte ihre Familie in Sis gelebt. Doch dann kam der Erste Weltkrieg und mit ihm in den Jahren 1915 bis 1917 der von den Jungtürken angezettelte Genozid an den Armeniern. Sie wurden umgebracht oder starben während der Deportation. In Sis wurden die Armenier, die nicht geflüchtet waren, im Jahr 1920 vom Mob gemeuchelt, nachdem die französischen Kriegssieger und Beschützer es verlassen hatten. Dass die Familie von Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan überlebte, hat sie dem Mut eines einzigen Mannes zu verdanken: Der Imam von Sis, Hoca Camurdan, holte ihren Großvater, den Armenier, den christlichen Prediger, mit Frau und Kindern in sein Haus. Er versteckte sie, zwei Jahre lang. Dann half er der Familie zu flüchten, sie emigrierte in den Libanon.Während des Völkermords wurden die armenischen Bewohner umgebracht oder vertrieben. Die Stadt wurde in Kozan umbenannt, sie liegt im Südwesten der Türkei.Die Familie Faradschjan-Tschiftdschjan ist zum ersten Mal in die Heimat ihrer Vorfahren gereist. Sie wollen den Ort sofort erkunden.Es ist eine Suche nach der armenischen Vergangenheit......von der die Menschen in Kozan nichts wissen oder nichts wissen wollen.Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan möchte das Haus ihres Großvaters finden. Auch jenes, in dem der Imam des Ortes ihn während des Genozids versteckte.Es könnte jenes sein, aber sicher ist sie sich nicht.
Der Kontakt nach Sis verlor sich, die Courage des Imams aber vergaßen selbst die Nachgeborenen nie. Sie wurde zu einem Halt, der sie davor bewahrte, in der Erinnerung an den Genozid unterzugehen. Sie schrieben Bücher über Rettung und Flucht. Erzählten Journalisten davon. Bis vor drei Wochen dachte Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan aber, dass es niemanden mehr gebe, der auch in der Heimat noch an diese Geschichte denkt. Doch dann klingelte in Beirut das Telefon. Am Apparat war der Urenkel des Imams. Monatelang hatten er und seine Mutter nach der geretteten armenischen Familie gesucht, von der sein Urgroßvater und auch der Großvater bis zu ihrem Tod wieder und wieder erzählten. Ob man sich nicht kennenlernen könnte? Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan sagte ja. Und jetzt sind es bis zum Treffen am nächsten Morgen nur noch wenige Stunden.
Spuren eines Lebens
Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan ist nicht allein in die Türkei gekommen. Zu groß ist ihre Furcht vor dem Moment, in dem die Erinnerung an der Wirklichkeit zerbricht. Zu groß die Angst, als Armenierin nicht sicher in der Türkei zu sein. Noch immer gibt es Ressentiments, noch immer hat die Türkei den Genozid nicht anerkannt, noch immer müssen Armenier dort ihre Herkunft verleugnen. Deshalb hat sie ihre beiden Söhne mitgebracht: Der eine, Ischchan, promoviert in Deutschland über den Genozid und engagiert sich für dessen Anerkennung. Auch der andere knüpft an Vergangenes an: Pater Krikor lebt in einer Bruderschaft im Libanon, deren Hauptsitz früher Sis gewesen ist. Lasst uns ein paar Schritte gehen, sagt Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan zu ihren Söhnen. Wir wollen doch mal sehen, was das heutige Sis nachts zu bieten hat; nur ein kleiner Spaziergang nach der langen Reise.Sie gehen die Straße hinunter, biegen nach rechts und links ab, erst vorsichtig und tastend, dann mit immer selbstbewussteren Schritten: drei Menschen auf den Spuren eines Lebens, das nur noch als Anekdoten existiert. Wieder und wieder haben sie vor ihrer Abreise im Libanon vergilbte Fotos angeschaut, sind eingetaucht in die Erinnerungen, die der Urgroßvater dem Sohn, dessen Kinder den Kindeskindern und Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan ihren Söhnen weitergegeben hat. Kozan ist darin noch Sis, ein Ort, an dem Armenier und Türken gemeinsam Feste feiern, in dem es eine Moschee, ein jahrhundertealtes Kloster mit Kathedrale - Sitz des armenischen Katholikosat des Großen Hauses von Kilikien - und auf dem Berg eine mächtige Festung gibt.
Irgendwo muss das Haus des Urgroßvaters sein
Dieses Sis ist Geschichte. Das Kloster und die Kathedrale fielen während des Genozids in Schutt und Asche, die Burg wurde zur Ruine, die Stadt wurde in Kozan umbenannt. In die Häuser der Armenier zogen Türken ein. Nichts sollte mehr von der armenischen Gemeinde zeugen, nichts bleiben, was ihr Schicksal erzählt. Aber die Nacht über Kozan riecht noch immer nach Jasmin und Feigen, sagt Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan. Auch davon hatte der Urgroßvater gesprochen.Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjans Hände streichen Häuserwände entlang, greifen nach Zweigen, die aus Gärten in die Straße ragen, sie berührt einen Türklopfer, er ist geformt wie eine Hand - schaut, so einen hatten wir auch in Tripolis, flüstert sie den Söhnen zu und ist schon wieder weiter, irgendwo muss das Haus des Urgroßvaters sein und jenes, in dem man ihn versteckte. Sie könnte sie beide zeichnen, so oft war die Rede davon. Da nähert sich ein Auto, verlangsamt seine Fahrt, neugierige Augen streifen Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan und ihre Söhne. In der nächsten Kurve hält es an. Drei Frauen und zwei Männer mit einem Baby auf dem Arm steigen aus, blicken den Fremden entgegen.
Der Dialog tanzt um das Unaussprechliche
Ihr Gespräch erstirbt, der Gang wird angespannt. Man ist fast aneinander vorbei, da spricht die jüngere der Frauen, ein Mädchen von vielleicht siebzehn Jahren, Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan an. Guten Abend, sind Sie zu Besuch hier? Ja. Sie besichtigen die Stadt? Ja. Woher kommen Sie? Aus dem Libanon. Das Mädchen mustert die Fotoapparate der Fremden. Haben Sie Bilder gemacht? Shoushan Faradschjan- Tschiftdschjan versucht ein Lächeln, nickt, wie man zum Abschied nickt. Sie möchte weitergehen. Da berührt das Mädchen sie am Arm: Ich sehe doch, dass Sie etwas auf dem Herzen haben. Wie kann ich Ihnen helfen?Shoushan Faradschjan- Tschiftdschjan zögert, sucht die Augen der Söhne. Sie antwortet in einem Türkisch, das den Akzent von Kozan trägt: Meine Familie hat vor langer Zeit hier gelebt. Wir suchen das Haus von Hoca Camurdan, unseres war nebenan. Wie heißt du? Ayse, sagt das Mädchen. Jetzt treten auch die übrigen Insassen des Autos heran. Von nun an werden Ayses Vater und Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjans Söhne sprechen. Es ist ein Dialog, der um das Unaussprechliche tanzt. Fiele das Wort Genozid, dann wäre die Brücke, die in diesem Augenblick zwischen den Türken und den Armeniern entstanden ist, wieder entzwei.
Wer hat all die alten Häuser hier gebaut?
Wo genau ist das Haus gewesen? Was hat man Ihnen erzählt?, fragt der Türke. Unser Freund soll neben der kleinen Moschee gewohnt haben, sagt Ischchan Tschiftdschjan. Kenne ich. Sind Sie sich sicher? Ja. Wieso? Weil das meine Nachbarschaft ist. Und? Das steht schon lange nicht mehr, da wurde neu gebaut. Diese letzten Worte hängen in der Luft, werden schwer wie Blei. Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan und ihre Söhne starren den Türken an, als habe er ihnen die Nachricht eines Todes überbracht. Als Ischchan Tschiftdschjan wieder anhebt, ist Schärfe in seiner Stimme. Wer hat all die alten Häuser hier gebaut? fragt der Armenier. Die Franzosen, sagt der Türke. Und das große am Berg? Ein Ungläubiger. Hier sollen Armenier gelebt haben, wo sind die hin? Sie kamen mit den Franzosen und verschwanden mit ihnen, sagt der Türke. Hör endlich auf damit, er weiß es nicht besser, zischt Pater Krikor den Bruder auf Armenisch zu. Sie verabschieden sich.
Am nächsten Morgen wartet die Familie im Hotel auf das Eintreffen von Nihal Karahaliloglu, der Enkelin des Imams, als eine weitere armenische Familie dazustößt, die in dieser Geschichte Hagopian heißen soll: Mutter Vanuhi und Tochter Anna, beide leben in Los Angeles. Mit dem Bankencrash hat die Tochter ihre Arbeit verloren. Die entstandene Lücke habe sie mit Recherchen über die Geschichte ihrer Familie gefüllt, sagt sie.
Auf Zypern waren sie als türkische Armenier für Griechen nur die Türken
Auch ihre Familie stammt aus Sis, auch sie wurde aus dem Ort vertrieben. Sie flüchtete nach Zypern, wo sie fremd blieb, weil sie als türkische Armenier für Griechen nur die Türken waren, und emigrierte deshalb von dort aus nach Frankreich, Südamerika, in die Vereinigten Staaten. Auch sie sprechen ein Türkisch, das den Akzent von Kozan trägt. Sie lächeln verhalten, sind zum ersten Mal hier. Anders als Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan wollen sie niemanden in Kozan besuchen. Es gibt hier niemanden, der auf sie wartet. Denn als der Genozid ausbrach, war niemand da, der ihnen half. Jetzt möchten die Enkelin und die Urenkelin das Haus ihrer Familie wiederfinden. Es soll groß und prächtig gewesen sein. Deshalb sind sie hier. Vielleicht kann der Kontakt der anderen Armenier helfen.Man begrüßt sich, man hat schon einmal zwischen Los Angeles und Beirut telefoniert und sich geeinigt, die Reise nach Kozan zum gleichen Zeitpunkt anzutreten; irgendwie gehört man zusammen, auch wenn man einander nicht kennt. Es ist die Erfahrung, die verbindet: Der Genozid hat beide Familien über Generationen hinweg geprägt. Und doch ist ihr Umgang damit verschieden. In dem Grauen, das die Familie Hagopian erlebte, gab es kein Zeichen von Hoffnung, von Licht. In der Erinnerung sind es schwarze Jahre. Nichts ist weiß oder grau. Die Türken haben uns vertrieben, sagt Vanuhi Hagopian, wenn sie vom Schicksal ihrer Großeltern spricht - als gäbe es eine türkische Kollektivschuld an deren Vertreibung und an ihrem eigenen Leben. Die Schergen der jungtürkischen Regierung haben meine Großeltern gezwungen zu flüchten, sagt hingegen Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan. Es sind Nuancen, mit denen die Vergangenheit erträglich wird.
Dankbar, überlebt zu haben
Sie springt auf, läuft zur Tür, in der eine kleine ältere Dame mit weißer Handtasche steht. Es ist Nihal Karahaliloglu, die Enkelin des Imams. Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan umfängt sie mit beiden Armen. Sie lacht. Sie weint. Nihal Karahaliloglu umklammert ihre Handtasche, sagt ach, ach. Streicht der Armenierin ungeschickt über die Wange. Über Generationen erfahrenen Schmerz, Dankbarkeit, überlebt zu haben, kennt die Türkin nicht. Ihr Großvater hat Leben gewährt, gerettet, darüber sprach ihre Familie. Nach außen verschwieg man es lieber. Etwas anderes ließ das Klima in der Türkei nicht zu. Hoca Camurdan war ein sehr bescheidener Mann, fasst Nihal Karahaliloglu zusammen.Die Türkin legt ihr seidenes Kopftuch ab. Sie setzen sich. Keiner weiß, wo anfangen. Es ist, als sei mit lautem Knall ein Luftballon geplatzt. Und jetzt ist Stille. Erst nach und nach fliegen Erinnerungsfetzen durch die Luft, werden Bilder herumgereicht, ein Fotoapparat klickt. Der Moment, auf den man so lange gewartet hatte, ist ruhig, viel ruhiger als gedacht. Die Hagopians sitzen mit am Tisch, lauschen höflich. Den Tee, den man serviert, lehnen sie ab. Türkischen vertrage ich nicht, sagt die Mutter. Ob sie glücklich sei?, wird Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan gefragt. Sie nickt. Auch traurig, weil sie spüre, wie es bei einem anderen Lauf der Geschichte hätte sein können hier.
Sie wollen gemeinsam das Versteck anschauen
Sie zieht ein Geschenk hervor. Das Licht meiner Augen, sagt sie und überreicht es Nihal Karahaliloglu. Es ist eine wunderbare Häkelarbeit, eine Rosette, gefertigt von der Urgroßmutter, der Großmutter und ihr. Wir haben unsere Erinnerungen in sie einfließen lassen; sie soll ein Symbol sein für die Verbindung unserer Familien. Nihal Karahaliloglu verschenkt Süßigkeiten. Vanuhi Hagopian hat die Besitzurkunde vom Haus ihres Großvaters mitgebracht. Ob man ihr das Alttürkisch übersetzen könne? Keiner nickt. Vanuhi Hagopian ist enttäuscht. Sie haben die Cousine meines Großvaters auf dem Feld verbrannt, flüstert sie später.Sie gehen los. Sie wollen gemeinsam das Versteck anschauen. Die Türkin geht voran, jeder im Ort kennt ihre Familie, an ihrer Seite läuft Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan: Zwei Frauen, die eine ist hier zu Hause, die andere darf es nicht sein. Begegnen sie Menschen, dann stellt man Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan als Freundin der Familie vor. Dass sie Armenierin ist, wird verschwiegen. Die Häuser aber können jetzt, am Tag, die Vergangenheit nicht leugnen.
Graberde für Beirut
Jahrhundertealte Mauern säumen den Weg, manche schmücken Ornamente. Erst beim genauen Hinsehen sieht man, dass sie Außenwände stattlicher Gebäude waren. Nach ihrer Zerstörung wurde einfach der Schutt aus ihrem Kern entfernt, und neue, kleinere Häuser wurden in ihm gebaut. Die Menschen hier haben keinen Sinn für Schönheit, wir erst haben ihnen Zivilisation gebracht, sagt Vanuhi Hagopian, als sie an einem zerfallenen Balkon entlanggeht. Dass Barack Obama nicht mehr von Genozid spricht und nicht mehr dessen Anerkennung verlangt, seitdem er Präsident ist, findet sie gut: Weil Armenier in Amerika deshalb weiter dafür streiten müssen, bleibt der Genozid ein Thema. Und die Türkei ärgert sich.Nihal Karahaliloglu biegt in ein Tor ein. Niemand hatte es in der vergangenen Nacht bemerkt. Das Haus des Imams ist eine Ruine, aber noch da. Im Innenhof wachsen Gras und wilde Blumen. Ischchan Tschiftdschjan bückt sich, steckt einen Stein in die Hosentasche. Sein Bruder fotografiert. Die Mutter ist ganz still. Da sind die Überreste des Stalls, in den die Familie kroch, als der Mob eines Tages in den Hof eindrang, da der Raum, in dem sie aßen. Zwei Jahre lang hämmerte es immer wieder wütend an das Tor, jedes Mal verjagte der Imam die aufgehetzte Meute, drohte, jeden Einzelnen in der Moschee namentlich zu nennen und zu blamieren. Einmal bot er sein Leben für das der Armenier an. War die Lage wieder ruhig, dann reparierte der Urgroßvater der Faradschjan-Tschiftdschjans weiter kaputte Schuhe: Um für den Unterhalt seiner Familie einen finanziellen Beitrag zu leisten, ließ er sie sich von den Bewohnern von Sis zukommen. Ob die ehemaligen Nachbarn auf diese Weise Solidarität mit den Verfolgten signalisieren wollten oder ob sie sich so über sie mokierten, weiß heute niemand mehr. Lasst uns zum Friedhof gehen, sagt Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan.
Der Weg der Urgroßväter
Das Grab des Imams ist erhöht, hier ruht ein angesehener Mann. Vor der Stele hebt Pater Krikor beide Hände und spricht mit seiner Familie ein armenisches Gebet. Die andern warten im Hintergrund. Bruder Ischchan packt eine Tüte aus, in die alle drei eine Handvoll Graberde legen. Nach ihrer Rückkehr nach Beirut werden sie damit die Ruhestätte des Urgroßvaters bestreuen. Da kommt der Friedhofswärter und baut sich vor der Familie auf. Es sind die gleichen Fragen wie nachts zuvor: Woher? Wieso? Dann legt er los: Die Armenier seien alle Extremisten gewesen, Kollaborateure der russischen Armee; skrupellos, allen Warnungen ihnen gegenüber zum Trotz. Vor der Familie steht ein Vertreter der offiziellen türkischen Geschichtsschreibung. Pater Krikor geht zwischen den Gräbern davon. Seine übrige Familie und die Hagopians ertragen die Worte. Irgendwie.Am Abend, es ist der Abschied, lädt Nihal Karahaliloglu alle ein, in ein Restaurant außerhalb von Kozan. Sie und Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan plaudern jetzt bei Tisch von der Gegenwart, sie lachen. Die Amerikanerin Vanuhi Hagopian bleibt in sich gekehrt. Die Geschichte der Rettung sei ja ganz schön, gegen ihr tiefstes Inneres komme sie aber nicht an, dort sei der Türke noch immer der Feind. Ihre Tochter lächelt, der Wirt meint zu wissen, wo das Haus des Großvaters steht. Zwischen Pater Krikor und dessen Bruder hat der Urenkel des Imams Platz genommen. Sie unterhalten sich. Er ist ein offener Mann. Ihm gegenüber fällt das erste Mal an diesem Tag das Wort Genozid. Es bleibt unwidersprochen. Wir sollten den Weg unserer Urgroßväter weiterführen, sagt er. Sieben Menschen sitzen an der Tafel. Verbunden und entzweit durch ein fast hundert Jahre altes Verbrechen und durch eine Stadt, die für sie Heimat ist. Sie alle sollten dort leben können. Aber als sie später vor das Restaurant treten, betrachten sie nur ihre Lichter.
Text: F.A.Z.






