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An den Wurzeln des Christentums in der Türkei

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tarsus_2Am heutigen Donnerstag feiert Bundespräsident Christian Wulff im türkischen Tarsus eine Messe. Es ist mehr als ein Gottesdienst, es ist ein politisches Statement: für die Freiheit der Religionsausübung. Und es ist eine Erinnerung daran, dass in Anatolien die Ursprünge des Christentums liegen.

Schwester Maria faltet die Hände. „Sie lieben uns hier“, sagt sie und lächelt dabei. Aber ihre Augen hinter der großen Brille bleiben ernst und wachsam. „Wir haben keine Probleme, es gibt keinen Druck. Der Polizeipräsident zum Beispiel, der ist uns wie ein Bruder.“ Der Polizeipräsident steht draußen auf dem Hof der Paulus-Kirche im südtürkischen Tarsus und bespricht letzte Vorbereitungen für die Messe, zu der am Donnerstag Bundespräsident Christian Wulff erwartet wird. Die katholische Kirche am Geburtsort des christlichen Apostels mitten in der muslimischen Türkei wird für das Ereignis herausgeputzt, es riecht nach frischer Farbe. An den Straßenlampen hängen türkische und deutsche Fähnchen.

„Der Islam gehört auch zu Deutschland“, hat der Katholik Christian Wulff gesagt und dafür in Deutschland viel Kritik einstecken müssen. Jetzt, bei seinem ersten Besuch der Türkei, hat er die Formel um die türkische Komponente ergänzt: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei“, lautete ein Schlüsselsatz in Wulffs Rede vor dem türkischen Parlament. In Tarsus will Wulff sein Engagement für die kleine Minderheit der rund 100 000 Christen in der Türkei mit der Teilnahme an einem ökumenischen Gottesdienst in der Paulus-Kirche unterstreichen. Er wird bei seinem Besuch viel hören von dem gemeinsamen Glauben von Christen und Muslimen an den einen Gott. Und er wird erfahren, dass Bekenntnisse zur Toleranz das Eine sind, Taten das Andere.

Seit 16 Jahren lebt Schwester Maria in Tarsus, und kümmert sich um die Kirche des Apostels Paulus. Trotz ihrer 74 Jahre wirkt die italienische Nonne alert und energisch. Nur dass sie eine Nonne ist, sieht man ihr nicht an. Schwester Maria und die beiden anderen Ordensfrauen in Tarsus, die „Töchter der Kirche“, dürfen außerhalb des Gottesdienstes in der Öffentlichkeit keine religiösen Gewänder tragen. „Kein großes Problem“, sagt Schwester Maria und lächelt wieder.

Sie und ihre beiden Mitschwestern, die eine Art christlicher Stallwache in der Paulus-Stadt bilden, sind die einzigen Christen in Tarsus. Eine christliche Gemeinde gibt es im Ort schon lange nicht mehr. Die Teilnehmer für den Gottesdienst des Bundespräsidenten werden über hunderte und tausende Kilometer herangeschafft, aus Istanbul und Ankara, aus Adana und Iskenderun, und natürlich aus Deutschland. Zelebriert werden soll der Gottesdienst von den Pfarrern der deutschen Gemeinde in Istanbul, beide mit diplomatischem Status als deutsche Konsulatsmitarbeiter im Lande.

Die Kirche, die erst über tausend Jahre nach dem Tod des Apostels errichtet wurde, wird mangels Gemeinde heute als Kulturdenkmal und Museum geführt. Der Kleinstadt Tarsus, die vor allem vom Anbau von Zitrusfrüchten lebt, beschert der Glaubenstourismus einen unerhofften Boom. Allein im vergangenen Jahr besuchten 15 000 Ausländer die Paulus-Kirche, vor allem Italiener, aber auch Deutsche, Polen und andere katholische Europäer. Seit die Kirche im Paulus-Jahr kürzlich für Gottesdienste geöffnet wurde, rollen die Touristenbusse von Frühjahr bis zum Herbst vom Flughafen der nahen Großstadt Adana aus in die Stadt. In den Altstadtgassen um den so genannten Paulus-Brunnen und die mit einem Glasdach gesicherten Reste des angeblichen Wohnhauses des Apostels haben sich Cafés und ein schickes Hotel angesiedelt.

Mit seiner Solidaritätsaktion für die bedrängten Christen in der Türkei hätte Wulff an vielen Orten in Anatolien sein Zeichen setzen können: in Antiochien, wo die Anhänger von Jesus Christus erstmals Christen genannt wurden; in Ephesus, wo eine der ersten christlichen Gemeinden lebte; in Nizäa, wo das erste Ökumenische Konzil zusammentrat; in Konstantinopel, wo das christliche Glaubensbekenntnis formuliert wurde, wie es bis heute Millionen Christen in aller Welt rezitieren.

Antakya, Efes, Iznik und Istanbul heißen diese Städte heute, und weder in der Türkei selbst noch in Westeuropa wissen die meisten Menschen noch, dass die christliche Religion vor allem aus Anatolien stammt. Dass die Christen höchstens als Fußnote in die Geschichte eingegangen wäre, wenn die byzantinischen Kaiser in Konstantinopel sie nicht von einer verfolgten Sekte zur Staatsreligion ihres Weltreiches erhoben hätten. Dass die Fundamente der christlichen Theologie auf den sieben Ökumenischen Konzilen allesamt in Anatolien und am Bosporus gelegt wurden. Dass die große Kirchenspaltung zwischen West und Ost sich in der Hagia Sophia im heutigen Istanbul vollzog.

Die Initialzündung für all diese Entwicklungen zur größten Religion der Welt ging aber von Tarsus aus, der damaligen Hauptstadt von Kilikien, und ihrem berühmtesten Sohn, dem Apostel Paulus, dort noch als Saulus geboren im Jahr 4 oder 5 nach Christus. Ohne ihn und seine unermüdlichen Missionsreisen kreuz und quer durch die Welt wäre die Botschaft Jesu Christi nicht breit ausgesät worden, ohne seine Gemeindegründungen hätte der Glauben keine Wurzeln geschlagen, ohne seine Briefe und Schriften wäre die europäische Geistesgeschichte eine andere geworden. Wer heute in Europa behauptet, die Türkei gehöre nicht zum westlichen Kulturkreis, der hackt an seinen eigenen Wurzeln: auch dies eine Botschaft, die von Tarsus ausgeht.

Wulffs Besuch soll auch Tarsus als christliches Symbol stärken. Die türkische Regierung hat angedeutet, dass sie bald der Forderung der katholischen Kirche nachkommen könnte, die Kirche wieder dauerhaft für Gottesdienste zu öffnen. Auch im Bazar der Stadt findet dieser Gedanke viele Unterstützer. Einen Steinwurf von der Kirche entfernt steht Durmus Binay in seiner offenen Werkstatt in einer Basargasse und schleift Messer. Von der Forderung der Christen hat er gehört – und er begrüßt sie. „Die ganzen Probleme, die wir mal hatten, die sind doch vorbei“, sagt Binay. „Jeder soll seinen Glauben leben können. Sollen sie die Kirche doch aufmachen.“ Ein paar Gassen weiter pflichtet Textilhändler Necati Deveci der Forderung des Bundespräsidenten bei, das Christentum gehöre auch zur Türkei. „Wir verehren doch dieselben Propheten.“

Vor seiner Reise nach Tarsus hatte Wulff in Ankara mit dem türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül gesprochen. Wulff war beeindruckt von Güls öffentlicher Feststellung, er sei als türkischer Staatsschef auch der Präsident der Christen und Juden. Tatsächlich sind Gül und Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bei aller eigenen muslimischen Frömmigkeit aufgeschlossen für die Forderung der Christen nach mehr Rechten. Mehrere Reformen zugunsten der Minderheit wurden in den vergangenen Jahren durchgesetzt, doch noch immer haben die Christen Probleme beim Kirchenbau und bei der alltäglichen Religionsausübung.

In Tarsus etwa brauchen alle Gottesdienste in der Paulus-Kirche bisher eine behördliche Genehmigung, und Schwester Maria und die anderen beiden Nonnen müssen nach jeder Messe die für den Gottesdienst benötigten Utensilien und besonders die Kreuze wegpacken. Vom Besuch des Bundespräsidenten erhoffen sich die Katholiken zumindest einige Verbesserungen für Tarsus.

Einer, der für diese Geste weniger Begeisterung aufbringen kann, ist Rainer Korten, der deutsche Pfarrer von Antalya, das weiter westlich an dieser Mittelmeerküste liegt. Reine „Symbolpolitik“ sei der Gottesdienst in Tarsus, wo es doch ohnehin keine christliche Gemeinde gebe. Korten betreut die rund zehntausend deutschen Rentner, die sich zwischen Antalya und Alanya in der Sonne niedergelassen haben; in der Sommersaison schwillt seine potenzielle Gemeinde auf zweieinhalb Millionen deutsche Urlauber an. Als erster ausländischer Geistlicher überhaupt erhielt Korten bei seiner Ankunft vor sechs Jahren eine Arbeitsgenehmigung der Türkischen Republik.

Seine Gemeinde der Sankt-Nikolaus-Kirche war eigentlich zum Gottesdienst mit dem Bundespräsidenten eingeladen, doch die deutschen Rentner hatten wenig Lust auf die 500 Kilometer lange Fahrt. Korten hat sie auch nicht weiter angetrieben. Deutsche Politiker würden besser daran tun, einmal eine christliche Gemeinde in der Türkei zu besuchen, findet er, um sich über deren „erhebliche Schwierigkeiten“ zu informieren.

Seine Sankt-Nikolaus-Kirche könnte solche Probleme anschaulich illustrieren. Als Verein hat sich die deutsche Gemeinde bei den Behörden angemeldet, weil es Kirchengemeinden in der Türkei juristisch überhaupt nicht gibt. Nur durch diesen Kunstgriff konnten sie überhaupt Kirchenräume anmieten – ein ehemaliges Internet-Café in der Altstadt von Antalya. In der Vereinssatzung ist festgehalten, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: der freie Zutritt zur Kirche und die Einfuhr von religiösen Schriften. Ein behördlicher Inspektor wacht darüber, dass bei der Jahreshauptversammlung die türkische Nationalhymne angestimmt wird. Viel wichtiger als symbolische Gottesdienste findet Korten deshalb „klare Forderungen für die Freiheit der Christen hier – so wie sie Muslime in Deutschland genießen“.

Muslime könnten in Deutschland ihren Glauben „in würdigem Rahmen praktizieren“, erinnerte auch Wulff die Abgeordneten im türkischen Parlament und verwies auf die vielen Moscheen auf deutschem Boden. Deutschland erwarte, „dass Christen in islamischen Ländern das gleiche Recht haben, ihren Glauben öffentlich zu leben, theologischen Nachwuchs auszubilden und Kirchen zu bauen“.

Das Problem jedoch sind nicht Gül und Erdogan, das Problem sind Männer wie Ilker Cinar, auch er ein Sohn der Stadt Tarsus und zeitweise selbst Christ. Mit 23 Jahren zum protestantischen Christentum übergetreten, gründete Cinar in Tarsus eine Gemeinde und arbeitete sich darin rasch zum eigenen Gemeindepfarrer hoch. Zwölf Jahre lang reiste er als Protestant durchs Land, knüpfte Kontakte zu christlichen Gemeinden und nahm an ihren Veranstaltungen teil. Dann konvertierte er im Februar 2005 mit dramatischer Geste live im Fernsehen zum Islam zurück und kündigte an, nun das wahre Gesicht des Christentums zu enthüllen.

Es folgte eine üble Diffamierungskampagne: Die Christen hätten die Türkei unterwandert, erzählte Cinar überall. Die Missionare hätten ein Milliardenbudget, um im Auftrag fremder Mächte – der USA, der EU – das Land zu schwächen; ihm selbst hätten die Amerikaner hunderttausend Dollar geboten, um ihn ans Christentum zu binden. 40 000 geheime Untergrundkirchen gebe es im Land bereits, das Ende der Türkei sei nahe. Seine Geschichten bedienten alle Ängste und Vorurteile der Türken, Cinar wurde von Talkshow zu Zeitungsinterview herumgereicht und schürte die Hysterie immer weiter – bis sie umschlug: Im Februar 2006 wurde der katholische Priester Andrea Santoro in Trabzon ermordet, im Januar 2007 der armenische Christ Hrant Dink, im April 2007 drei Protestanten im osttürkischen Malatya – alle von türkischen Jugendlichen, die ihr Land vor der Gefahr christlicher Missionare schützen wollten.

Erst im Juni 2008 flog Cinar auf, dank einer kleinen türkischen Zeitung: Der zweifache Konvertit stand seit 1992 auf den Gehaltslisten des Militärgeheimdienstes, der seine Altersversorgungsbeiträge stets lückenlos weiterbezahlt hatte. „Ich habe alles für den Staat getan“, war Cinars Kommentar zu der Enthüllung.

Offiziell sind solche Umtriebe in Tarsus aber kein Thema. „Tarsus war schon immer ein Zentrum der Religionen und der Zivilisationen“, sagt Burhanettin Kocamaz. Ohne Jackett und mit aufgekrempelten Ärmeln stapft der Bürgermeister von Tarsus am Tag vor dem Besuch des Bundespräsidenten durch die Altstadt, um zu überprüfen, ob auch alles bereit ist. Kocamaz, ein Politiker der rechtsnationalistischen Partei MHP, ist seit Jahrzehnten im Amt und ein mit allen Wassern gewaschener Lokalpolitiker. Aber die Frage, ob das Christentum denn wirklich zur Türkei gehöre, so wie es der deutsche Präsident gesagt hat, will er lieber weder bejahen noch verneinen. „Das sind Sachen für die Staatsmänner in Ankara, wir kümmern uns hier um lokale Dinge.“

In der Paulus-Kirche werden derweil die Verstärker für das Keyboard getestet. Beim Gottesdienst mit dem Bundespräsidenten soll es als Orgel dienen.

 

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