Stuttgart - Ihre neue Wohnung hat eine kleine Stube, zwei Kinderzimmer und eine Seele hat sie auch. Vor dem Fenster hängen weiße Vorhänge mit bunten Tupfern, der Tisch ist zeremoniös dekoriert. Es gibt türkischen Tee und schwäbische Brezeln, dazu Salamibrötchen, für die kein Schwein dran glauben musste. Fatma Kalkan, 29, empfängt in beigen Pantoffeln.
Ein Gesicht wie gemalt, umhüllt von einem rosa Kopftuch. Ein Körper, in Schwarz gewandet, der beim Lachen wie Pudding wackelt. Ein Ort, mit Behaglichkeit geheizt. Willkommen bei den Kalkans. Auf dem Sofa sitzt Oma Serpil, umrahmt von ihren Enkeln Rana und Raika. Die Zwillinge sind sieben, Oma Serpil ist 50. Dazwischen liegt die Geschichte einer Emanzipation. Dazwischen liegt die Geschichte türkischer Immigranten, die ihren Platz in der deutschen Gesellschaft gefunden haben.
"Wir sind nicht nur in diesem Land, um Geld zu verdienen." Fatma, 29, über ihren Lebensrahmen
Oma Serpil hat kräftige Hände und müde Augen. An diesem Morgen ist sie wieder früh auf den Beinen gewesen. Mit ihrem Mann führt Serpil Yildizele den Gutshofmarkt im Burgholzhof. Über Mittag gönnt sie sich heute eine Pause bei ihrer Tochter Fatma, danach geht es wieder zurück hinter die Theke. "Schaffe, schaffe, Häusle bauen", sagt sie. Geboren ist Serpil 1960 im zentralanatolischen Yozgat, im Tal hinter den Akbergen. Ein Jahr später schließt Deutschland das Anwerbeabkommen mit der Türkei. Es bricht so manche Biografie. Ihre Eltern gehören zu den Ersten, die ins Wohlstandsland fortziehen. Die Deutschen hoffen auf starke Hände, die Türken auf gutes Geld.
Serpils Vater Hasbi wird in Kornwestheim gebraucht. Er arbeitet bei der Bahn, seine Frau Gülnaz kommt in der Schuhfabrik von Salamander unter. Mehr als ein paar Brocken Deutsch sprechen beide nicht. "Schöne Beine", sagt Hasbi, wenn er gefragt wird, wo seine Wohnung liegt. Sie ist in der Schönbeinstraße. Ihre kleine Tochter lassen die Wanderarbeiter in der Türkei von der Großmutter versorgen. Hasbi und Gülnaz wollen nicht für lange bleiben und die fremde Kultur nur streifen.
Mit zehn steht Serpil plötzlich vor einer Grundschule in Stuttgart. Ihre Eltern haben verlängert. Die Tochter kommt direkt aus der Türkei, spricht kein Wort Deutsch, wird in die dritte Klasse eingereiht. Sie gibt ihr Bestes, zum Abschluss reicht es nicht. Ihre Kultur trägt sie nicht nur im Namen. Über das Kopftuch wird in ihrer Familie nicht geredet, es wird getragen. Die Eltern wachen streng darüber, dass sich ihre Tochter betont islamisch gibt. Einen Führerschein darf Serpil nicht machen. "Das schickt sich nicht für eine Frau", heißt es.
Serpil lernt Cemal kennen. Bei Bosch in Feuerbach montiert er Pumpen im Zweischichtbetrieb. Sie heiraten, wie es Brauch ist. Serpil zieht in Stuttgart vier Kinder groß und putzt nebenbei im Bürgerhospital. Irgendwann wird unter ihrer Wohnung in der Heilbronner Straße ein Laden frei. Aus dem Nichts bauen sie sich eine neue Existenz auf. Serpil ist mit ihrem Mann auf sich gestellt. Ihre Eltern wollen nicht länger bleiben im fremden Land. Sie gehen mit dem Ersparten zurück in die Heimat.
Deutschland verändert sich, und die Grenzen, die in der türkischen Familie gesetzt schienen, verändern sich mit. Serpil wird selbstbewusster, erobert sich Räume. Mit 35 macht sie den Führerschein. Mit 40 wird sie noch einmal Mutter. Mit 45 wechselt sie Stadtteil und Laden. Der alte ist ihnen längst zu klein geworden.
Auch Fatma, die Tochter, lebt das Neue, das dem Alten nicht sehr gleicht. "Wir glauben an dieses Land", sagt sie mit fester Stimme und streicht dabei über den Stoff auf ihrem Haupt. "Wir sind nicht nur hier, um Geld zu verdienen." Die dritte Generation. 1981 in Cannstatt geboren, verbringt Fatma ihre Jugend ohne Kopftuch. Als sie die Realschule mit der mittleren Reife abschließt, meldet sie sich für die Sommerfreizeit eines türkischen Vereins an. "Da habe ich meine Religion zum ersten Mal richtig kennengelernt." Fatma findet zu sich. Anders als ihre beiden Schwestern will sie in Zukunft ein Kopftuch tragen.
Mit 17 beginnt sie eine Lehre als Bürokauffrau. Auf dem Heimweg begegnet ihr Orhan. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Der junge Türke, ein ruhiger Mann mit spärlichen Gesten, arbeitet in einem kleinen Dönerladen. Ein Jahr später gründen sie eine Familie und in Untertürkheim ihren eigenen Imbiss. Deutschland ist offen für Karrieren. Es gibt hier 72.000 türkische Unternehmen, im Durchschnitt haben sie fünf Mitarbeiter. Orhan versucht sein Glück.
Sie bekommen Zwillinge, zwei Jahre später wird Ravza geboren, die dritte Tochter. Die Kinder sprechen in den ersten Jahren zu Hause überwiegend Türkisch. Beruflich läuft es bei Orhan nicht gleich rund. Sein Geschäft trägt sich nicht, weil um ihn herum überall gebaut wird. Orhan hat keinen Job mehr. "Unsere Krisenzeit", sagt Fatma, die sich nicht unterkriegen lässt.
Die Zwillinge stellen die ersten Fragen. "Mama, warum trägt Tante Aysu kein Kopftuch wie du?" - "Weil ich ich bin!" Die Kalkans suchen für sich nach einem neuen Platz. Sie finden ihn in Ludwigsburg. Dort wird in der Lindenstraße ein Imbiss frei. "Ala Turqua" nennt Orhan sein neues Geschäft, in dem er häufig von morgens halb neun bis kurz vor Mitternacht steht, sieben Tage in der Woche. Fleiß zahlt sich aus.
Orhan macht Pizza und Döner, Fatma kümmert sich um den Nachwuchs. Die Zwillinge gehen in den Kindergarten. Für die Mutter ist es eine fremde Welt. Fatma stößt auf das Projekt "KiFa" und nimmt an einem Elternkurs teil. Es geht um Kinder, um Sprache, um Grenzen, um Ernährung. Vorne steht keine fremde Referentin, sondern eine türkische Mutter vom Kindergarten.
Integration an der Basis, dort, wo alles beginnt und Familien ihre Kinder zum ersten Mal von der Leine lassen: Fatma ist begeistert, will sich einbringen. Sie lässt sich zur Mentorin ausbilden und gibt ihr Wissen seitdem einmal in der Woche ehrenamtlich weiter. Manchmal stellt sie in ihrem Kurs eine türkische Mutter in die Ecke und plaudert mit den anderen fröhlich weiter. Danach reden sie in der Gruppe darüber, wie sich psychische Gewalt anfühlt.
Es hat sich viel getan bei den Kalkans von nebenan. Die Zwillinge Rana und Raika sprechen jetzt zu Hause mit Fatma nur noch Deutsch. Ihr Vater hat einen türkischen Pass, ihre Mutter einen deutschen. Manchmal verbessern sie Orhan, wenn er die Worte verwechselt und giggeln dabei vor Freude. Die Zwillinge gehen in den Schwimmverein, machen das Seepferdchen, tanzen im Folkloreclub. In ihren Poesiealben stehen vor allem deutsche Namen, und wenn sie angeben wollen vor ihren Freundinnen, geht es zu Papa in den Imbiss. "Döner macht schöner", sagt Rana.
Die vierte Generation hat eine rosige Zukunft, wenn sie ihre Chancen nutzt. "Wir sind deukisch", sagen die Kinder. Das Wort haben sie von Fatma. Ihre Mutter hält zu Hause den Laden zusammen. Vor dem Fastenmonat macht Fatma für ihre Töchter einen Kalender mit Geschenken, wie ihn die deutschen Kinder im Advent haben. Bei denen ist an Weihnachten Bescherung, bei den Zwillingen an Bayram, am Ende des Ramadans, dem höchsten islamischen Feiertag.
"Früher waren Türken türkischer und Deutsche deutscher"
In Deutschland leben mehr als vier Millionen Muslime, fast fünf Prozent der Bevölkerung. Damit ist der Islam die zahlenmäßig größte Konfession hinter Protestanten und Katholiken. Eigentlich geht es ganz gut miteinander, findet Fatma. Wenn die Terrorangst hochkocht, wie in diesen Tagen, wird es schwieriger. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland beklagt ein Klima der Angst. Islam und Terror verschwimmen in manchem Mund. Fatma zuckt mit den Achseln. Sie lebt in keiner Parallelgesellschaft, hat ihren Mann nicht unter Zwang geheiratet, trägt keinen Bombengürtel. Sie will nur eine Bombenmutter sein.
Es ist spät geworden über der Geschichte der Kalkans. Auf dem Sofa naschen die Zwillinge türkische Bonbons. Vor der Türe steht Ravza mit Frau Schultze, die alle nur Lisa nennen. Sie ist eine Kindergartenpatin und bringt die Kleine zurück. Einmal in der Woche reserviert Frau Schultze zwei Stunden für Ravza. Sie kehren Laub im Garten, backen Plätzchen, spielen Memory. Die Idee ist, dass Migrantenkinder auf diese Weise deutsche Kultur schnuppern. Frau Schultze sagt, die Kalkans bräuchten sie eigentlich gar nicht. "Ich sehe da keinen Unterschied zu anderen Familien."
Ein Handy schnarrt. Oma Serpil muss nach Hause in den Laden. "Güle güle, anne anne", wird sie von den Zwillingen verabschiedet. Für die Heimfahrt im japanischen Kleinwagen nimmt sie als Proviant eine schwäbische Bgutterbrezel in die Hand. Ihre Tochter bringt sie zur Türe. Oma Serpil dreht sich noch einmal um. "Gell Fatma", sagt sie, "früher waren die Türken türkischer und die Deutschen deutscher."






