Im Verlauf des letzten Sommers stießen wir (alaturka) per Zufall auf einen Blog im Internet, der sofort unser Interesse weckte. Zu unserer Überraschung waren wir auf den Blog von Martin Höpke gestoßen, der gerade im Begriff war, den Taurus zu Fuß zu überqueren.
Er nutzte dabei nicht den doch schon recht bekannten St. Pauls Weg, einem dem Lykischen Weg vergleichbar ausgeschildertem Wanderweg mit Unterkünften und Einkaufsmöglichkeiten, sondern hatte sich eine eigenständige Route per Satellitenbilder ausgedacht, die er nun abwanderte. Im Folgenden finden Sie den ersten Teil seiner Wegbeschreibung, die zu einigen erlebnisreichen Begegnungen führte und zu reichlich Erkenntnissen aus der Natur und Umwelt in diesem Teil der Türkei beigetragen hat. Doch lesen Sie selbst:
Martin Höpke
Im Frühjahr 2009 entwickelte sich meine Liebe zur Türkei. Damals bin ich einen Teil des Lykischen Weges zwischen Antalya und Fethiye gegangen und fuhr mit dem Zug quer durch das Land: Istanbul, Aydin, Kaş, Antalya, Konya, Ankara, Sivas, bis nach Kars. Es wurde mir schon zum Beginn dieser sechswöchigen Reise klar, dass ich wieder kommen würde, und so geschah es ein Jahr später auch...
Die neue Türkeireise stand zunächst im Zeichen einer Exkursion meiner Universität mit Geo-Archäologischem Hintergrund, doch das war nur ein zweiwöchiger Teil des gesamten Aufenthalts von sechs Wochen. Die restlichen vier Wochen plante ich eine Wanderung von Kayseri nach Yumurtalik, durch den höchsten und wohl schönsten Teil des Taurusgebirges: dem Aladağlar. Eine ausgewiesene Route wie man das etwa vom Lykischen Weg kennt, gab es bislang nicht und die Streckenplanung wurde durch mangelhaftes Kartenmaterial erschwert. Zunächst standen nur Start und Ziel fest - der Rest musste noch irgendwie gefunden werden. So nahm ich Luftbilder zur Hilfe die für jeden leicht zugänglich sind. Anhand der zum Teil deutlich und zum Teil nur zu erahnenden Strukturen sich auf den Luftbildern abzeichnenden Straßen und Wegen, plante ich die Route, welche zunächst aus zwei Varianten bestand. Beide sind circa 300 km lang und unterschieden sich im Wesentlichen im Schwierigkeitsgrad, der sich durch das Relief der Natur definierte.
Mit jedem neuen digitalisierten Routenabschnitt stieg die Begeisterung und die Neugier darauf, wie es da wohl sein möge, dass ich fast die Verpflichtungen des Alltags vergaß.
Neben der Route markierte ich auch vermeintlich gute Plätze um das Zelt auf zu schlagen sowie Wasserstellen, Aussichtspunkte, Ortschaften und Besonderheiten. Ich druckte mir meine Wanderkarte schließlich selbst. Es konnte also losgehen!
Die „einleitende“ Exkursion begann in Istanbul und führte an der Ägäisküste entlang nach Antalya und schließlich durch Kappadokien mit dem Ziel Ankara wo die Exkursion schließlich ihr Ende nahm. Von da an ging es zusammen mit einem guten Freund, der mich auch im letzten Jahr auf dem Lykischen Weg begleitete, per Bus weiter nach Kayseri - dem Ausgangspunkt der Wanderung. Wir sind jedoch so spät los gefahren, dass wir erst mit Einbruch der Dunkelheit am Otogar in Kayseri ankamen – es zeichnete bereits hier das erste Abenteuer ab: Auf meine Karte stand der Erciyes als erstes Etappenziel. Der Erciyes ist mit 3.891 Metern der zweithöchste Vulkan der Türkei. Er und dutzende anderer vulkanischer Erscheinungen wie Parasitärkrater, Lavadome und Schlackenkegel sind die Künstler, die vor 100.000 bis 10.000 Jahren die Grundlage der einmaligen Tufflandschaft Kappadokiens schufen. Der Erciyes und der Hasandağ waren vor rund 10.000 Jahren noch aktiv und sind die zuletzt erloschenen mittelanatolischen Vulkane.
Noch begegneten wir vielen Familien die in den Bergen Picknick machten. Sie kamen von Yahyalı oder Kayseri hier her. Wir gingen an ihnen vorbei, grüßten sie und sie grüßten zurück. Wir bekamen Nüsse und Honig mit auf dem Weg.
Irgendwann jedoch wurde uns bewusst, dass wir bald allein sein würden, denn wir bogen auf immer schmalere Wege ab, auf die sich kaum noch einer der „Touristen“ mehr wagen würde. Wir betraten das Land der Nomaden und Halbnomaden.
Eine sich in der Ferne abzeichnende Schafherde war nach längerem Gehen das erste was uns wieder an Menschen erinnerte, doch war es kein Mensch der uns entgegen kam, sondern einer dieser so gefürchteten türkischen Hütehunde. Groß wie ein Schaf und wild wie ein tollwütiger Wolf rannte er auf uns zu. Wir erinnerten uns an die Worte des Professors von der Exkursion, der sagte, dass diese Hunde weder vor Wölfen noch Bären Halt machten, und auf alles losgingen, was sie als Bedrohung einstuften – schließlich war es ihre Aufgabe, wilde Tiere von der Herde fern zu halten. Nur machte dieser Hund keinen Unterschied zwischen Tier oder Mensch, so wurden wir zu Gejagten. Wir versuchten keine Angst zu zeigen (was angesichts dessen, dass wir vor Angst bald in die Hosen machten, unmöglich schien), und gingen dicht an dicht um groß zu wirken weiter unseren Weg entlang, der links an der Herde vorbeiführte. Die Hoffnung war, dass er sich zufrieden gibt, wenn wir uns von „seinen Schafen“ entfernen. Die Schärfe dieser Bestie mit seinem Stachelhalsband und den abgeschnittenen Ohren ( man legt diesen Tieren Stachelhalsbänder an und schneidet ihnen die Ohren ab; manchmal auch den Schwanz, denn das sind die empfindlichsten Stellen des Hundes worauf vor allem Wölfe abzielen) machte uns jedoch so eine Angst, dass wir uns plötzlich an das Pfefferspray erinnerten, das wir irgendwo dabei hatten - das Problem hierbei jedoch war, dass es sich offensichtlich im Rucksack von Robert befand. An Anhalten um danach zu suchen war nicht zu denken, so lief ich hinter ihm und suchte in seinem Rucksack während wir gingen nach dem Spray. Die Sonne stand hinter uns, so dass ich den Schatten des Hundes neben mir sehen konnte. Schließlich fand ich das Spray, benutze es aber nicht, da ich meinte, die Bewegung des Tieres durch seinen Schatten gut einschätzen und im Falle einer Attacke rechtzeitig genug reagieren zu können. Schließlich wollte ich um keinen Preis, dass wir dieses Vieh noch aggressiver machen als es ohnehin schon war.
Nachdem die Schafherde kaum noch sichtbar war, ließ er ab. Damit fühlten wir uns zwar unendlich erleichtert, jedoch wurde uns auch schnell klar, dass uns dieses Vieh um unseren Lagerplatz brachte, den ich für uns vorgesehen hatte (eine ebene Wiese in einem kleinen Tal mit frischer Quelle – ein Idyll!) Und ich wusste, dass das die letzte Stelle sein würde, bevor wir in einen Canyon einbiegen würden, wo es weder Wasser noch Platz für ein Zelt geben sollte.
Der Abend kündigte sich bereits an als wir in die Flanke des Canyons einbogen – der Anblick dessen war zwar überwältigend, doch steckte der Schrecken noch so tief in unseren Gliedern, dass wir ihn kaum wahr nahmen. Hinzu kam die Ungewissheit, wann wir nun einen Schlafplatz finden würden, sowie die ernüchternde Tatsache, dass wir nur noch etwa einen halben Liter Wasser für uns beide hatten. Wir fanden einen ungemütlichen Platz für unser Zelt, aber kein Wasser.
Am nächsten Morgen machten wir uns durstig und ohne Kaffee (!!) auf den Weg. Nach rund sechs Kilometern sahen wir von unserer erhöhten Position aus ein kleines Dorf, das auf den Satellitenbildern nicht zu erkennen gewesen war und mich daher überraschte (der Schatten eines nahe gelegenen Berges, verdeckte zur Zeit der Bildaufnahme das Dorf). Jedoch lag es weiter unten im Tal, fern ab von unserem Weg. Sollten wir aber kein Wasser finden, wäre das unsere Rettung gewesen. Wir fanden aber schließlich doch noch welches in Form eines kleinen Baches. (Der Taurus besteht zum Großteil aus Kalkstein. Dieser ist wasserlöslich was dazu führt, dass Gewässer meist in unterirdischen Tunnelsystemen abfließen. Man nennt Kalklandschaften „Karst“. Sie sind für ihre Oberflächenwasserarmut auch in regenreichen Zeiten bekannt). Wir richteten uns für eine längere Pause ein: Waschen, Kaffeekochen und in der Sonne liegen war unser Plan. Nach den körperlichen und nervlichen Strapazen, fühlten wir uns an diesem Bach plötzlich wie im Paradies!
Wie wir da so saßen, kam ein alter Hirte mit seinem Esel, rundum bepackt mit gesammeltem Feuerholz scheinbar aus dem Nirgendwo kommend, den Berg herunter und winkte uns lächelnd zu, als wolle er uns seine klare Überlegenheit demonstrieren...
Nach fast zwei Stunden Kaffeetrinken und Nichtstun, packten wir wieder unsern Krempel und machten uns weiter auf den Weg.
Wir verliefen uns. (Fortsetzung folgt!)






