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Tur-Abdin - Aramäer begrüßen die Ankündigung Erdogans

Tur-Abdin - Aramäer begrüßen die Ankündigung Erdogans

Seit vielen Jahren ist der Streit um das Eigentum an einigen großen Grundstücksparzellen um das Kloster Mor Gabriel in der Region Tur-Abdin zwischen den umliegenden Dörfern, also letztendlich dem türkische Staat und dem Kloster immer wieder in den Gerichten anhängig gewesen.

Selbst vorgelegte Eigentumsnachweise konnten bislang die türkische Justiz nicht davon überzeugen, das die Ländereien bereits seit Jahrhunderten im Besitz des Klosters waren. Das Kloster Mor Gabrielwurde im Jahre 397 gegründet und gilt damit als eines der ältesten Klöster der Christenheit überhaupt. Wir hatten mehrfach über die Hintergründe berichtet.

Seit dem Jahr 2008 sieht sich Mor Gabriel einer Flut von Gerichtsverfahren ausgesetzt, die es in seiner Existenz bedrohen, obwohl Steuerunterlagen und Besitzurkunden aus osmanischer Zeit wie auch nach Gründung der Republik Türkei das Eigentum belegen. Das Kloster im Südosten der Türkei gilt als religiös-kulturelles Zentrum der aramäischen Christen. Im Zuge der jetzt veröffentlichten Schritte zur weiteren Demokratisierung des Landes will die Regierung Erdogan diesen Streit beilegen.

Verständlicherweise hat der Bundesverband der Aramäer in Deutschland die Ankündigung des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan zunächst begrüßt. Im Rahmen der jetzigen Demokratisierungsschritte sollen der von der Enteignung bedrohte Grundbesitz an das Kloster Mor Gabriel zurück gegeben werden. Der Verband der Aramäer zeigte sich in Heidelberg gegenüber den Reformankündigungen des türkischen Regierungschefs" verhalten optimistisch", nach den Erfahrungen der letzten Jahre nur zu verständlich.

"Wir bewerten die angekündigten Reformen positiv, auch wenn die Bekanntgabe von weiteren Details zur konkreten Umsetzung der Maßnahmen zunächst abzuwarten sind", erklärte der Verbandsvorsitzende Daniyel Demir. Das syrisch-orthodoxe Kloster Mor Gabriel im Osten der Türkei war in einem jahrelangen Rechtsstreit mehrfach von Enteignung bedroht.

Erdogan hatte kürzlich ein Reformpaket vorgestellt, demzufolge er unter anderem das Kopftuchverbot im türkischen Staatsdienst teilweise aufheben will. Zugleich sollen auch die kulturellen Rechte von Volksgruppen und Minderheiten sowie der Datenschutz verbessert werden. Die Rückgabe der Klosterländereien bezeichnete er in einem Gespräch als "Beseitigung eines Unrechts".

Kritik übte der Bundesverband daran, dass die Aramäer in der Türkei bis heute als Minderheit nicht anerkannt seien und daher ihre Rechte, etwa das Menschenrecht auf Religionsfreiheit, nicht entsprechend ausüben könnten. "So ist der Bau oder Erhalt von Kirchengebäuden mit massiven Schwierigkeiten und Hindernissen verbunden; die Ausbildung des Priesternachwuchses oder aber auch der Unterricht der aramäischen Sprache, der Sprache Jesu, ist bis dato verboten", betonte Demir. Zudem gebe es erhebliche Rechtsunsicherheit und Willkür der örtlichen Behörden.

Wenn die türkische Regierung hinsichtlich ihrer Minderheitenpolitik tatsächlich und glaubwürdig eine Kehrtwende einleiten wolle, sei eine neue Verfassung zwingend erforderlich. In dieser müsse die Anerkennung der Aramäer als offizielle Minderheit im Sinne des Lausanner Vertrages (1923) verankert sein, so Demir, und weiter: "Die Enteignungsprozesse mit Blick auf Kirchen und Klöster der aramäischen Gemeinschaft im Südosten der Türkeimüssen gestoppt werden". Anmerkung: Was grundsätzlich auch für andere religiöse Minderheiten gilt, denn oftmals wurden Kirchen zu Klöstern "umgestaltet".

Im Rahmen des angekündigten "Demokratisierungspakets" will Erdogan den Minderheiten in der Türkeientgegenkommen. So soll zum ersten Mal seit der Staatsgründung der Türkei in Privatschulen der Unterricht in nichttürkischer Sprache zugelassen werden. Damit könnten die aramäischen Klosterschulen eine reguläre Zulassung beantragen. Auch sollen die Dörfer ihre alten aramäischen oder kurdischen Namen zurückerhalten dürfen. Ab 1930 waren alle nichttürkischen Dorfnamen durch künstliche türkische Namen ersetzt worden. Darüber hinaus soll der erstmals 1933 eingeführte "Schüler-Eid" auf das Türkentum, den alle Schüler beim morgendlichen Schulappell aufsagen müssen, abgeschafft werden.

Die Volksgruppe der Aramäer in der heutigen Türkei

Wie bereits zuvor erwähnt gibt es zwischen der Minderheitengruppe der Aramäer und den griechischen bzw. armenischen Minderheiten in der Türkei nicht nur gravierende Unterschiede in ihrer Geschichte und Kultur sondern im Besonderen auch den oftmals entscheidenden Unterschied im abweichenden Rechtsstatus dieser Minderheitengruppe. Während Griechen und Armenier durch den Vertrag von Lausanne als religiöse und ethnische Minderheit völkerrechtlich geschützt sind, gilt dies für die Aramäer nicht.

Die Aramäer lebten hauptsächlich im Südosten und im Osten der Türkei, Kilikien, Edessa, Mardin, Diyarbakir, im Tur Abdin und Gebirge von Hakkari waren die größten Siedlungsgebiete. Aufgrund erster Verfolgungen im Jahr 1915, flohen die semi-autonomen Bergstämme der Assyrischen Kirche des Ostens aus ihren Siedlungen um Hakkari und Qudshanis in die Ebene von Urmia, etwas später auch in den Irak und die Diaspora. Im Schatten des osmanischen Vorgehens gegen die Armenier kam es während des Ersten Weltkriegs auch zu Verfolgungen der anderen christlichen Minderheiten. Zahlreiche Angehörige der syrisch-orthodoxen und der chaldäisch-katholischen Kirche verloren so ihre Gesundheit, Heimat oder gar ihr Leben. Von den Überlebenden Christen emigrierten viele 1922 und 1924 nach Syrien und in den Libanon. Der traditionell im Kloster Zafaran bei Mardin residierende syrisch-orthodoxe Patriarch von Antiochia sah sich 1924 gezwungen, die Türkei zu verlassen, er verlegte seinen Sitz ebenfalls nach Syrien.

Heute leben im Südosten der Türkei kaum mehr als 10.000 syrisch-orthodoxe Christen, die Mehrzahl von ihnen in einigen Dörfern der Landkreise Midyat, Nusaybin und İdil. Wegen der Unterdrückung und Unsicherheit sind Zehntausende ins Ausland, überwiegend nach Syrien, Europa und Amerika geflüchtet oder fanden ihre neue Heimat in Istanbul, wo heute etwa 12.000 Aramäer leben und entsprechend ein syrisch-orthodoxes Bistum gegründet wurde („Patriarchalvikariat von Istanbul und Ankara“). Weitere Diözesen bestehen inMardin (Sitz: Kloster Zafaran), Midyat (Sitz: Kloster Mor Gabriel) und Adıyaman (1925–2006 vakant, ersetzt die zwölf untergegangenen Diözesen Malatya, Elazığ, Adana, Mersin, Iskenderun, Antakya, Gaziantep, Urfa, Kahta, Genger, Venk und Siverek).

Die chaldäisch-katholische Gemeinschaft zählt nur noch etwa 8000 Mitglieder in 15 Pfarreien oder Seelsorgestationen. Für sie wurde 1966 das seit 1918 vakante Erzbistum Diyarbakir (Amida, gegründet 1553) wiederbelebt, jetzt mit Sitz in Istanbul. Für die etwa 2000 Syrisch-Katholischen besteht ein Patriarchalvikariat inIstanbul.

Die Assyrische Kirche des Ostens besteht als Organisation in der Türkei nicht mehr; ihr früheres Zentrum Qudshanis in Hakkari ist heute ohne christliche Einwohner. Insgesamt leben heute 22.000 Aramäer in der Türkei.

Auf Türkisch werden die christlichen Aramäer „Süryaniler“ (von syr. Suryoyo, syrischer Christ) oder „Arami“ (von syr. Oromoyo, Aramäer) genannt. Der türkische Staat bemüht sich bislang kaum um den Schutz der aramäischen Christen. Im Tur Abdin, wo noch heute ein aramäischer Dialekt, das Turoyo, gesprochen wird, darf die Sprachenicht gelehrt werden. Auch eigene Schulen dürfen die Aramäer nicht haben. An der Mardin Artuklu Üniversitesi inMardin wurden jedoch jüngst am Institut für lebende Sprachen Lehrstühle für die kurdische und die aramäischeSprache und Literatur eingerichtet.

Lange litten die christlichen Aramäer unter den Auseinandersetzungen zwischen türkischem Militär und den Kämpfern der kurdischen Terrororganisation PKK (Die Organisation und ihre Nachfolger werden unter anderem von der Türkei, der EU und den USA als terroristische Vereinigung eingestuft). Die PKK-Kämpfer hatten sich in den Südosten der Türkei, die ursprüngliche Heimat der Aramäer, zurückgezogen. Durch die ständigen Angriffe der PKK auf türkisches Militär und die Operationen des türkischen Militärs im Südosten wurden auch Aramäer zu Opfern der Angriffe. So gerieten sie bis Ende 2012 zwischen die Fronten, da beide Parteien die Aramäer der Unterstützung des jeweils anderen bezichtigten.

Bei den letzten Wahlen am 12. Juni 2011 wurde der Aramäer Erol Dora als Abgeordneter ins Türkische Parlament gewählt. Er ist somit der erste christliche Abgeordnete seit mehr als einen halben Jahrhundert in der Türkischen Republik. Noch bleibt abzuwarten, ob sich die jetzigen Demokratisierungsbestrebungen auch in die Praxis umsetzen lassen. Den Menschen der Minderheitengruppen wäre es zu wünschen.

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