Frühromantischer Park am Wasserschloss Lütetsburg

Frühromantischer Park am Wasserschloss Lütetsburg

Unsere vorbereitenden Planungen für das kommende Jahr hatten uns einmal mehr auch in den Norden Deutschlands geführt, diesmal war die Region um Norden und Norddeich unser Ziel.

Im Mittelpunkt unseres Interesses lag diesmal das Wasserschloss Lütetsburg, seiner Vorburg und vor allem seinem einzigartigen Landschaftsgarten, der als Park für die Öffentlichkeit zugänglich ist und zu den wenigen auf dem Kontinent erhalten gebliebenen Beispielen frühromantischer Gärten zählt.

Aber beginnen wir in der Geschichte dieser Wasserschlossanlage, wo es bereits seit 1212 einen so genannten Uthof (Außenhof) des Häuptlingsgeschlechts der Manninga, den Herren von Westeel, Pewsum und Bergum gegeben hat. Diesen Außenhof ließ Lütet I. Manninga vermutlich um die Mitte des 14. Jahrhunderts zu einem Steinhaus ausbauen. Er, Lütet, wurde so zum Namensgeber des Schlosses und der sich darum herum entwickelnden Ortschaft Lütetsburg.

Da es zu der Zeit noch keine geschlossene Deichlinie entlang der Küste als Hochwasserschutz gab, verlegte sein Neffe Lütet II. schließlich den Stammsitz des Geschlechts auf den sturmflutsicheren Geestrand östlich der Stadt Norden nach Lütetsburg. Vorangegangen war der Untergang der alten Residenz in Westeel im Jahre 1374 durch die Erste Dionysiusflut. Ostfriesland wurde im Jahr 1374 und im folgenden Jahr von verheerenden Deichbrüchen durch Hochwasser heimgesucht. Die Leybucht erreichte nach der Flut mit etwa 13.000 Hektar ihre größte Ausdehnung wobei auch das Dorf Westeel aufgegeben werden musste. In der Folge soll die Flut die Stadt Norden erreicht haben, wo die Wogen bis an die Mauern des Dominikanerklosters dringen konnten. Die Stadt hatte fortan einen Zugang zur Nordsee und bekam einen Hafen. Über die heute verlandeten Buchten von Sielmönken und Campen drang das Wasser zudem tief ins Landesinnere ein. Am Rysumer Nacken wurden im späten 14. Jahrhundert die Kirchspiele Drewert und Walsum sowie das Dorf Ham zerstört. Der Geschichtsschreiber Ubbo Emmius berichtet in den 1590er Jahren von den Auswirkungen:

„Am 9. Oktober 1373 erfolgte eine große Überschwemmung, wie sie seit Menschengedenken nicht gewesen war, welche sich über die ganze friesische Küste erstreckte und den Einwohnern zu schwerem Unglück gereichte. Denn sie bedeckte das ansehnliche Dorf Westeel, in einer fruchtbaren Gegend fast 2000 Schritte im Süden von Norden gelegen und gegen Aufgang der Sonne Osten schauend mit einer solchen Menge Wassers, dass alle Gebäude mit der Kirche niedergerissen und zerstört wurden, ja ein Teil des Bodens verschlungen ist und Menschen und Tiere verschwanden.“ – Ubbo Emmius

Der Enkel von Lütet II baute dann aufgrund des Verlustes des Stammsitzes in Westeel das erste Steinhaus in Lütetsburg bis 1430 stetig weiter zu einer vierflügeligen Burg aus. Die Grundmauern des heutigen Schlosses stammen noch aus dieser Zeit. Im Jahre 1514, während der Sächsischen Fehde, zerstörten Truppen der Schwarzen Garde die Burg aus Rache dafür, dass ihnen der ostfriesische Graf Edzard II. drei Munitionsschiffe geraubt hatte.

Häuptling Unico (Onneke) Manninga (1529–1588) ließ die von einer Graft umgebene Burg in den Jahren 1557 bis 1576 an der ursprünglichen Stelle als Schloss im Stil der Renaissance wieder aufbauen und fügte der Anlage eine Vorburg hinzu, die bis heute erhalten ist. Nach Unico Manningas Tod erbte seine einzige Tochter Hyma die Burg. Durch ihre Heirat mit dem Reichsfreiherrn Wilhelm zu Innhausen und Knyphausen gelangte Lütetsburg im Jahre 1588 in den Besitz der Familie Knyphausen (heute Grafen zu Innhausen und Knyphausen), die bis heute Besitzer von Schloss Lütetsburg mit Park und Wald sind.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag 1893 kam es in Lütetsburg zu einem schweren Brand. Auslöser war ein umgestürzter Weihnachtsbaum. Dieser entzündete die Leinwandtapeten. Es dauerte sehr lange, bis die Feuerwehren aus Hage und Norden in Lütetsburg eintrafen, so dass sie ein nahezu vollständiges Niederbrennen der innerhalb einer breiten Graft gelegenen Hauptburg nicht mehr verhindern konnten. Dabei gingen auch viele künstlerisch und historisch wertvolle Objekte verloren, so etwa hunderte von Gemälden holländischer Maler des 17. Jahrhunderts, ein Ölgemälde des preußischen Hofmalers Antoine Pesne, wertvolle friesische und holländische Schränke, Tapisserien sowie die gesamten Rüstkammerbestände. Graf Edzard zu Innhausen und Knyphausen ließ das Schloss von 1894 bis 1896 durch den renommierten Hannoverschen Architekten Hermann Schaedtler im Stil der Neorenaissance wieder aufbauen. Schaedtler orientierte sich mit seinem Entwurf einerseits an historischen Vorbildern der niederländisch-dänischen Renaissance, andererseits aber auch an jüngeren Schlossbauten in der Verwandtschaft des Bauherrn. Ein weiterer Ausbau des Schlosses erfolgte bis 1908.

Während des Zweiten Weltkriegs fielen im März 1944 140 schwere Bomben auf das Burggelände. Dadurch kamen mehrere Personen ums Leben und das Schloss erlitt schwere Beschädigungen. Es wurde danach provisorisch wieder hergerichtet, so dass es teilweise bewohnbar war. 1956 fiel es aus ungeklärte Ursache erneut einem Großfeuer zum Opfer. Fürst Wilhelm Edzard zu Innhausen und Knyphausen ließ daraufhin den heute vorhandenen Bau in modernerem Stil auf den Grundmauern der früheren Schlösser wieder aufbauen. Von den Vorgängerbauten sind nur der lang gestreckte Backsteinbau der Vorburg und der Torturm erhalten. Den parallel zur Straße gelegenen Backsteinbau der Vorburg hatte die Familie Inn- und Knyphausen im 16. Jahrhundert in der Formensprache der niederländischen Renaissance erbauen lassen. Der zweigeschossige Torturm mit Rundbogen Durchfahrt, seitlichen Pilastern, geschwungenem Sandsteingiebel und Wappen haltenden Löwen entstand 1731 im Zentrum der Vorburg.

Schlosspark Lütetsburg - Erste Erläuterungen durch den Hofgärtner

Einmal mehr hatten wir Glück. Vom großen Parkplatz kommend, geht man direkt auf die Vorburg des Schlosses Lütetsburg zu, der Eingang zum Schlosspark befindet sich rechts, wo auch ein kleines Teecafe und Infocenter den Besucher erwartet. Im Infocenter sahen wir einen älteren Herren, der sich mit der Dame am Empfang unterhielt. Nach unserer kurzen Vorstellung waren wir schnell in ein Gespräch eingebunden und lernten, das dieser Herr Folkert Fischer der langjährige Schlossgärtner und danach der Parkführer war. Noch heute denkt Folkert Fischer oft an die Zeit, als Wilhelm Edzard zu Inn- und Knyphausen (1908 - 1978) sein Chef war. "Haben Sie Zeit?", hatte ihn der Schlossherr an jenem letzten Märztag im Jahr 1954 gefragt. Und Fischer hatte kaum bejaht, da hatte von Knyphausen gesagt: " Dann fangen Sie morgen an!"

Folkert Fischer hat tatsächlich am nächsten Tag angefangen und ist geblieben. Zwanzig Jahre war er in den Gewächshäusern des Schlosses tätig. "Ich habe mit meiner Familie im Gebäude der Parkverwaltung gewohnt. Also direkt am Park. Das waren schöne Zeiten". Im Jahr 1973 hat Fischer dann alles Gärtnerische von seinem Vorgänger Kaiser übernommen; 1995 folgte der Ruhestand, nach 41 Jahren. Die Parkführungen blieben sein Metier, und es vergeht kaum ein Tag, an dem Fischer nicht nach dem Rechten schaut. Seinen damaligen Chef hat er stets "Fürst" genannt, und ihn auch so angesprochen; so wie es alle taten in Lütetsburg und Umgebung. Unterhalten haben sich die beiden Männer immer in Plattdeutsch, so verstanden sie sich am besten.

Der Schlosspark Lütetsburg war Anfang des 18. Jahrhunderts im Stil des niederländischen Barock gestaltet worden und wies dem damaligen Zeitgeist entsprechend eine kleinteilige Parzellierung auf. Ende des 18. Jahrhunderts war er aufgrund von Auseinandersetzungen kriegerischer Art wüst gefallen. Edzard Mauritz Freiherr von Inn- und Knyphausen ließ ihn daraufhin in den Jahren 1790-1813 von dem Oldenburger Hofgärtner Carl Ferdinand Bosse neu anlegen. Nach seinen Plänen entstand auf dem etwa 30 Hektar großen Areal der größte private Englische Landschaftsgarten Norddeutschlands. Deutlich ist der Anlage die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einsetzende Hinwendung zur Romantik im Sinne Jean-Jacques Rousseaus anzusehen. Er zählt zu den wenigen auf dem Kontinent erhaltenen Beispielen dieses frühromantischen Gartentyps mit 30 Hektar altem Baumbestand, seltenen Exoten, Rhododendren und Azaleen.

Wir machen uns nach all den Erzählungen und Erklärungen Folkert Fischers auf den Weg hinein in den Park, folgen den Hinweisen zu besonderen Punkten mit uralten Bäume, in deren Schatten mindestens ebenso alte Parkbänke stehen. Von Teichen und Wasserläufen, die manchmal komplett grün vom Entenquark überzogen sind, gelangen wir zu einem Aussichtshügel, zu einer hölzernen Kirche nach norwegischem Vorbild, finden Baumarten und Pflanzen in einer großen Vielfalt. Kurz, es ist eine wundervolle Parklandschaft, die nicht allein aufgrund der idyllischen Wege zu einem ausgiebigen Spaziertag einlädt. Stunden sind wir im Park unterwegs, allein um Licht- und Schattenspiele im Wasser der Teiche zu beobachten.

"Ein uraltes Schloss am Meeresstrand; ein herrlicher Park im baumlosen Land ...."- zu diesen poetischen Zeilen ließ sich Theodor Fontane im Jahr 1882 bei einem Spaziergang durch den Schlosspark inspirieren. Besonders reizvoll ist natürlich die Zeit, wenn die Rhododendren blühen. Noch auch der Herbst mit der einsetzenden Verfärbung der Blätter hat durchaus seine Reize. Ein Besuch des Schlossparks des Wasserschlosses Lütetsburg lohnt folglich in jeder Jahreszeit. Zum Abschluss unseres Rundgangs verweilten wir noch einen Moment im Schlosscafe bei einem Ostfriesentee mit zünftigem Kluntje und einem Schuss Sahne.

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