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Bremen - Stadtmusikanten und Bremer Roland

Bremen weit mehr als nur Stadtmusikanten

Immer ist die Zeit zu knapp bemessen! Wir hatten die Fahrt zum Flughafen nach Hannover so geplant, das wir uns zumindest noch einen halben Tag in der Innenstadt von Bremen aufhalten konnten.

Natürlich war uns klar, das dieser halbe Tag nicht annähernd ausreichen würde, all die interessanten Gebäude und Plätze der alten Hansestadt zu besuchen. Aber wenn man schon mal wieder so weit im Norden ist, sollte zumindest die Partnerstadt Izmirs besucht werden, auch wenn es nur für eine kurze Stippvisite reichen würde.

Noch am frühen Vormittag hatten wir via Internet nach Parkmöglichkeiten nahe der Innenstadt gesucht und gefunden, so das wir nun mit Hilfe der Navigation recht einfach bis an das Stadtzentrum heranfahren konnten. Zukünftig werden wir zur Erkundung der Städte verstärkt auf das Fahrrad setzen, so gut sind Radwege in die Zentren und Parkmöglichkeiten an den Ortsrändern ausgebaut. Dies gilt besonders auch für Bremen, das über ein exzellentes Radwegenetz verfügt, das gar andere Städte über Radwanderwege einfach und naturnah erreicht werden können. Bekannt sind vor allem die Radwege entlang der Weser, die bis zum Ursprung des Flusses, wo sich die beiden Quellflüsse Werra und Fulda vereinigen und hinab nach Bremerhaven bis an die Nordsee genutzt werden.

Nach dem Einparken des Fahrzeugs Nähe Martinistraße war dann der Weg durch die Fußgängerbereiche bis zum Rathausplatz von Bremen schnell erledigt. Die historische Bebauung des Platzes mit den ornamentierten Backsteinfassaden des weltberühmten Rathauses, dem St. Petri Dom, der Bremischen Bürgerschaft, dem Marktplatz mit dem Bremer Roland und all den Cafes und Bars in den historischen Gebäuden waren schon auf den ersten Blick weit mehr als nur beeindruckend. Das kleine Turmwärterhäuschen hatte es dann meiner Frau auch besonders angetan. Mehrfach wiederholte sie den Satz, wie schön es sein müsste, dort zu wohnen, ohne je in das Häuschen hinein gesehen zu haben, so anmutig war das Äußere. Ja, auch ich muss zugeben, das mir das Ensemble der historischen Gebäude mit ihren imposanten Fassaden gemischt mit dem bunten Markttreiben der anwesenden Marktbetreiber an ihren Ständen sehr gefallen hat.

Das Alte Rathaus wurde 1405 - 1409 als repräsentativer und wehrhafter Bau zeitlich fast parallel mit dem Bremer Roland von 1404 auf einem Höhepunkt der mittelalterlichen Stadtgeschichte errichtet. Der Saalgeschossbau aus wechselndem rotem und schwarz glasiertem Ziegelstein ist 42 Meter lang und 16 Meter breit, sein Innenausbau erfolgte bis 1412. Im dreischiffigen Ratskeller, den zu besuchen allein Aufgrund der Architektur sich lohnt, ruht das Gewölbe auf 20 Pfeilern aus Sandstein, in der Unteren Halle stützen 20 Eichenholzständer die Holzbalkendecke, die unter den Schritten der Besucher obligatorisch knarren. Die Obere Halle ist als ungeteilter Saal mit freitragender Decke reich mit Wandbildern, Schmuckportalen und Holzschnitzereien ausgestaltet.
An der Marktfassade zeigen acht Monumentalskulpturen den Kaiser und die Kurfürsten. Der Figurenzyklus verdeutlicht den Anspruch der Stadt auf Reichsfreiheit. An den Schmalseiten über den Eingängen "Prophetenfiguren", so schaut Petrus zum Dom hingewandt, wobei später eine weltliche Umdeutung hin zu Philosophen erfolgte. Vor der Fassade eine Arkadengalerie mit elf Jochen, im Norden erfolgten seit dem 16. Jahrhundert verschiedene Anbauten.

Von 1608 - 1614 erfolgten mehrere Umbauten am Rathaus, so die Umgestaltung der Marktfassade im Renaissancestil unter dem Bremer Baumeister Lüder von Bentheim. Ein Mittelrisalit wurde vorgesetzt. Es entstand ein gläserner Erker mit flandrischen Giebel, rechts und links davon je ein weiterer Schmuckgiebel. Die schmuckvolle Fassade ist ein Meisterwerk der Weserrenaissance, ihr reichhaltiges Bildprogramm ist als ein moralischer Apel an die Regierenden im Sinne republikanischer Bürgertugenden zu verstehen.

1616 erfolgte die Fertigstellung der Güldenkammer in der Oberen Halle mit bedeutenden Holzschnittwerken. 1905 gestaltete Heinrich Vogeler die Kammer im Inneren zu einem Gesamtkunstwerk im historisierenden Jugendstil um. 2004 erfolgte dann die Aufnahme des Ensembles des Alten und des Neuen Rathauses gemeinsam mit dem Roland in die UNESCO Liste Welterbe der Menschheit - als ein außergewöhnliches Beispiel eines spätmittelalterlichen Rathauses, das für bürgerliche Autonomie und städtische Freiheit einer bis heute selbstständigen Stadtrepublik steht.

Der Bremer Roland

Direkt vor der imposanten Fassade des Rathauses steht als ein Wahrzeichen der Stadt der Bremer Roland auf einem etwa 60 Zentimeter hohem, gestuften Podest. Die Figur des Rolands hat eine Höhe von 5,47 Metern Höhe, wird allerdings von dem gotisch ornamentierten Baldachin einer Pfeilerkonstruktion im Rücken der Figur hinsichtlich der Höhe noch überragt. Mit seiner Gesamthöhe von 10,21 Metern ist der Bremer Roland damit die größte freistehende Plastik des Mittelalters inDeutschland.

Die Figur des Rolands, der angeblich ein Neffe Karls des Großen war und der als Heerführer in die Geschichteeinging, wie in Liedern und Epen besungen und berichtet wird, steht als Repräsentant des Kaisers an dieser Stelle, wo er die Marktrechte und Freiheiten verkündet und garantiert, die angeblich durch Karl den Großen der Stadt verliehen worden waren. Wie viel Wahrheit in diesen Epen und Sagen tatsächlich steckt, lässt sich leider durch Dokumente nicht eindeutig belegen. Die Inschrift auf dem Schild der Roland Statue deutet zumindest diesen Umstand an:
 „vryheit do ik ju openbar / d’ karl vnd mēnich vorst vorwar / desser stede ghegheuen hat / des danket god’ is mī radt“
„Freiheit tu ich euch öffentlich kund / die Karl und mancher Fürst fürwahr / dieser Stätte gegeben hat / dafür danket Gott, das ist mein Rat!“

Aus historischen Aufzeichnungen weiß man heute, das es zunächst eine Vorgängerfigur des Bremer Rolands gegeben hat, die aus Holz gefertigt war. Zur damaligen Zeit lehnten sich zahllose Städte und deren Bürger gegen die bischöfliche Vorherrschaft der Kirche auf, so auch in Bremen. In der Nacht vom 28. auf den 29. Mai des Jahres 1366 hatten Kämpfer des Erzbischofs Albert II als Demonstration der Macht der Kirche die hölzerne Rolandfigur umgestürzt und verbrannt. Auch der hölzerne Roland hatte schon das kaiserliche Wappen getragen und war wohl zwischen 1340 und 1350 aufgestellt worden. Auch davor soll es schon Rolandfiguren gegeben haben. Vor Beginn des Baus des Bremer Rathauses im Jahr 1404 ließ der Bremer Rat durch die Steinmetze Claws Zeelleyher und Jacob Olde einen Roland aus Elmkalkstein herstellen, der mit 170 Bremer Mark bezahlt wurde.

Während der französischen Besetzung sollte der Roland im Jahr 1811 abgerissen werden, da man den Bau einer Markthalle plante. Mit dem Ende der französischen Herrschaft verschwanden allerdings auch diese Pläne wieder. Eine Vielzahl von Deutungen hat es im Laufe der Jahrhunderte zur Figur des Rolands gegeben, ist doch die Figur mit Kettenhemd, Brustpanzer und Beinschienen grundsätzlich eher ein kriegerischer Ritter. Die Haartracht lässt allerdings den Schluss zu, das es sich um einen freien Mann  von ritterlicher Lebensführung handelt. Das erhobene Schwert ist hier eher ein Symbol städtischer Gerichtsbarkeit als das Standesabzeichen des Ritters, denn ihm fehlt die am Gürtel befestigte Schwertscheide. Der Schild mit dem Doppeladlerwappen des Reiches ist Zeichen des so lange umkämpften Bremer Anspruches auf Reichsfreiheit. Die kleine Gestalt unter den Füßen Rolands wird von der Forschung überwiegend als unterworfener Friesenhäuptling interpretiert.

In Bremen erzählt man gern, dass die Stadt Bremen so lange frei und selbstständig bleibe wie der Roland steht und über die Stadt wacht. Die Legende, dass deswegen eine zweite Rolandstatue als schnell verfügbarer Ersatz in den Kellergewölben des Rathauses versteckt sei, beruht wohl auf der Deponierung des Roland im Rathaus zwischen den Weltkriegen. Während man früher den etwa in Richtung Dom weisenden Blick Rolands als eine gegen den erzbischöflichen Stadtherrn gerichtete Machtgeste ansah, so wird heute mit guten Gründen eine demonstrativ gegen Kirche und Erzbischof gerichtete Botschaft dieser Ausrichtung bestritten.
Und so dichtete der Volksmund auch einen Vers, in plattdeutsch natürlich:
Roland mit dat kruse Haar,
Wat he kickt so sunnerbar!
Roland mit den Wapenrock
Steiht so stief as wi een Stock.
Roland mit de spitzen Knee,
Segg maal, deit di dat nich weh?

Die Bremer Stadtmusikanten

Wohl einem Jeden ist das Märchen um die vier Tiere (Hahn, Katze, Hund und Esel) der "Bremer Stadtmusikanten" ein Begriff, deren weltberühmte Figuren gleich neben dem Rathaus, klein und unscheinbar, anzutreffen sind. Die nur zwei Meter hohe Bronzestatue von Gerhard Marcks an der linken Seite des Bremer Rathauses aus dem Jahr 1953 ist das wohl bekannteste Wahrzeichen der Stadt Bremen. In den wenigen Jahren hat sich ein regelrechter Mythos um die Figuren entwickelt, der Menschen glauben lässt, dass sich ein Wunsch erfüllt, wenn man die Vorderbeine des Esels umfasst und dabei an seinen Wunsch denkt. Dieser Mythos ist mittlerweile weltbekannt und so trifft man Reisende aus aller Herren Länder, die die Vorderbeine von Esel oder Hund umfassen. Nur zu deutlich sind die blank geriebenen Fesseln des Esels zu erkennen.

Zur Erinnerung: Das Märchen "Die Bremer Stadtmusikanten" erzählt von vier Tieren, die ihren Besitzern infolge ihres Alters nicht mehr nützlich sind und daher getötet oder geschlachtet werden sollen. Es gelingt den Tieren zu entkommen, worauf sie sich zufällig alle Vier treffen. Alle folgen dem Vorschlag des Esels, in Bremen Stadtmusikanten zu werden, und so brechen sie nach Bremen auf. Da sie die Stadt nicht an einem Tag erreichen, müssen sie im Wald übernachten. Sie entdecken dort ein Räuberhaus. Sie erschrecken die Räuber, vertreiben sie mit lautem Geschrei und übernehmen das Haus als Nachtlager. Ein Räuber, der später in der Nacht erkundet, ob das Haus wieder betreten werden kann, wird von den Tieren nochmals und damit endgültig verjagt. Den Bremer Stadtmusikanten gefällt das Haus so gut, dass sie nicht wieder hinaus wollen und dort bleiben.
Soweit zum Märchen.

Allein der Titel des Märchens scheint irreführend und sachlich falsch, denn die Tiere sind niemals Bremer Stadtmusikanten geworden, da sie Bremen ja nicht erreicht haben. In der Urfassung des Märchens taucht auch der Stadtname Bremen überhaupt nicht auf. Es ist bisher unklar, wie sich der Name so festigen konnte. Vielleicht ist Bremen nur als ein Beispiel zu sehen, wie unterschiedlich sich das Leben zwischen Stadt und Land entwickelt hat. Der Gedanke der Tiere, sie könnten in Bremen Stadtmusikanten werden, weil ihnen trotz eines arbeitsreichen Lebens in ihrer bisherigen Umgebung ein gewaltsamer Tod droht, da sie infolge ihres Alters nicht mehr so leistungsfähig sind, spricht für eine bessere soziale Qualität der Bremer Kultur aus der Sicht der Bevölkerung des Umlands.

Die Geschichte zeigt die typischen Merkmale einer Gesindeerzählung: Die Tiere entsprechen den im Dienst bei der Herrschaft alt gewordenen, abgearbeiteten und durch den Verlust an Leistungskraft nutzlos gewordenen Knechten und Mägden. Mit ihrem Aufbruch, ihrem Zusammenhalt und Mut schaffen sie das fast Unmögliche. Sie überlisten die Bösen, schaffen sich ein Heim und somit ein neues Leben. Es ist eines der Märchen in der Grimmschen Sammlung, das auf die sozialutopischen Wünsche der Unterschicht in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts eingeht.

Vergleichbar dem Mythos des Umfassens der Beine des Esels gibt es einen Mythos auch zum Bremer Roland, der besagt, wer ihm einmal das spitze Knie gerieben hat, der wird nach Bremen zurückkehren. Rein vorsorglich haben wir unseren heutigen Kurzbesuch in Bremen mit dem Reiben des Knies des Bremer Roland abgeschlossen. Man kann ja nicht wissen!

Bitte lesen Sie auch den 2. Teil unseres Bremenbesuchs!

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