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Die Wasserversorgung der antiken Großstadt Side

  • Geschrieben von Wolfgang Dorn
Die Wasserversorgung der antiken Großstadt Side

An einem schönen Frühsommertag habe ich mich aufgemacht, eines der technischen Meisterleistungen der Antikezu erkunden, die römische Wasserleitung von der Dumanlı-Quelle im Oymapınar-Stausee bis zur Stadtmauer von Side, von der aus die Versorgung der öffentlichen und privaten Wasseranlagen, der Nymphäen und Brunnen, der Thermen und der privaten Haushalte erfolgt ist.

Von der stadtinternen Wasserversorgung ist nur noch wenig erhalten. 

 

Ein Meisterwerk römischer Ingenieurskunst

Das Besondere dieser fast 30 km langen und 13 km durch Tunnel geführten Wasserleitung besteht darin, dass die gesamt Stecke (Luftlinie 25 km) mit einem Minimum an Gefälle, dem Äußersten, was technisch überhaupt möglich ist, auskommen musste, um die Stadt selbst zu erreichen. Die Daten sprechen für sich: Die Quelle, übrigens die größte Karstquelle der Welt mit einem Ausstoß von 50 Kubikmeter pro Sekunde, liegt nur ca. 42 m über dem Meeresspiegel. Sie speist den Manavgat-Fluss und ergießt sich heute in den Stausee, kann deshalb nicht mehr gesehen werden. D.h., dass bei einer Gesamtlänge der Wasserleitung von ca. 30 km und einem Höhenunterschied von ca. 35 Metern bis zum 7 Meter hoch gelegenen Einflussloch der Wasserleitung in der Stadtmauer von Side die Baumeister den natürlichen Geländeverlauf nur zu einem sehr geringen Teil nutzen konnten, sondern, um die Strecke möglichst kurz zu halten, durch Tunnel und Aquädukte den technisch realisierbaren kürzesten Weg finden und bauen mussten. Denn eines ist unumstößlich sicher. Wasser fließt nur bei einem Gefälle von 2 Prozent, hinzu kommt der Wasserdruck der gewaltigen Quelle, der aber im Verlauf der Strecke naturgemäß nachlässt, mit der Folge, dass jede Möglichkeit der Verkürzung genutzt werden musste, die sich bot, um einen genügenden Wasserdruck aufrecht zu erhalten.
Die Wasserleitung von Side war eine Freispielleitung, d.h. man nutzte für den Transport des Wassers ausschließlich das natürliche Gefälle. Insgesamt waren 22 Aquäduktanlagen nötig, um das Wasser nach Side zu führen, von denen noch einige erhalten, die anderen nachweisbar sind.

Das Ergebnis ist eine faszinierende Anlage, auf deren Spuren ich mich begeben werde.
Ich beginne beim Nymphäum vor den Toren der Stadt, beim heutigen Parkplatz. Hier war der Endpunkt der antiken Wasserfernleitung. Ein Teil wurde zum Nymphäum geleitet, der Hauptteil durch ein großes Wasserloch durch die Stadtmauer geführt, um die innerstädtische Wasserversorgung und -verteilung zu sichern. Dieses Loch ist heute noch erhalten. (Stadtauswärts gehend linker Hand zwischen dem zweiten und dritten Mauerpfeiler zu erkennen). 
Die Fahrt geht zuerst nach Manavgat, wobei nach den Km 1.8, 2,2 und 2,6 rechts der Fahrstrecke die ersten Reste der Aquäduktbögen zu sehen sind. Man erreicht die Fernstraße Antalya - Alanya und fährt in Richtung Manavgat, biegt dann nach links ab, um zu den Wasserfällen (Selale) zu kommen, die man bei km 8,7 erreicht. Hier werde ich, wenn ich alles gesehen habe, eine Rast bei einem heißen Tee an den Ufern und dem Wasserrauschen derManavgat-Wasserfälle einlegen und meine Exkursion beenden.
Doch zunächst geht es weiter flussaufwärts. Ich folge der Straße bis zu ihrem Ende, am Fuße des Staudamms. linker Hand erreicht man bei km 10,4 die Reste eines römischen Aquädukts, der über den Naras-Fluss führt. In seldschukischer Zeit wurden die Fundamente und Baureste genutzt und in eine fünfbogige Straßenbrücke umgebaut. 
Aus römischer Zeit stammt noch der 7m hohe Pfeiler sowie zwei weitere Pfeilerfundamente im Flussbett. Die malerische Lage und ein kleines Teehaus laden viele Einheimische und besonders Jugendliche zu einem Picknick an den Ufern des Flusses ein. Es ist ein beliebter Ausflugsort geworden.
Bei km 12,0 erreicht man die Reste einer doppelstöckigen Aquäduktbrücke über den Akcay-Fluss. Es lohnt sich, in den Feldweg hinein zu fahren und hinter dem Aquädukt zum Mundloch des hier endenden Tunnels hinauf zu steigen. Mann kann diesen Tunnelabschnitt noch auf einer Länge von ca. 300 Meter begehen (Taschenlampe, evt. auch Schutzhelm) und sich ein Bild von der besonderen Qualität der der Steinmetzarbeit machen. Etwa 30m oberhalb des Mundlochs trifft man auf einen Schacht, der aus dem massiven Fels geschlagen wurde und der zum Tunnelgang hinunter führt. 

Die Tunnel von Side wurden in der in derAntike am häufigsten angewandten Qanat-Bauweise erstellt, die heute noch im Iran und in den Golfstaaten vorhanden sind und genutzt werden. Der Name Qanat bedeutet Wassergewinnungsstollen. Man teilte die gesamte Tunnellänge in kleiner Abschnitte ein und grub von oben Schächte, um mit Hilfe von Loten und Wasserwaagen das Gefälle so gering wie möglich zu halten und um die Tunnelführung möglichst ohne Richtungsabweichungen voran zu treiben. Das setzte eine exakte Vermessung voraus. Um die senkrechten Schächte möglichst kurz zu halten, musste man sich dem Geländeprofil anpassen und den Verlauf der niedrigsten Geländehöhe über den Berg finden. Das erklärt, warum die Trassenführung nicht genau gerade durch den Berg geführt worden ist, sondern einen versetzten Verlauf aufweist. Das kann man an dem Tunnelabschnitt bei dem Akcay-Aquädukt sehr gut beobachten.

Der nächste Brückenabschnitt ist bei km 13,0 die Yüksekkemer-Brücke bei dem Dorf Bucakseyhler. Wenn man einen Bergausläufer umfahren hat, biegt linker Hand ein Forstweg ab, dem man ca. 800m folgt, um an den Fuß des Aquädukts zu kommen, der noch in beeindruckender Gestalt aufrecht steht und das Tal überspannt hat. Vier Doppelbögen sind noch erhalten, die das Wasser über die ca. 140m lange Talsenke führten.
Man kann von hier aus zu dem Dorf hinauf fahren und an der Weggabelung nach links zur malerisch gelegenen antiken Ruinenstätte von Seleukeia abbiegen oder sich rechts halten und nach wenigen km die Hauptstraße wieder erreichen.
Bei km 20,3 und 20,6 liegen auf der linken Seite die Reste von zwei weiteren Brückenbögen. Am besten stellt man den Wagen an einem einmündenden Feldweg ab und geht ca. 300 Meter in den niederen Wald hinein. Am Rande einer Lichtung liegen die recht verfallenen Baureste in reizvoller Lage, die Bögen von Alcakkemer und Mezarönü.

Den großartigsten Eindruck in architektonischer Hinsicht und aufgrund der Lage bietet wohl der Kirkgöz-Aquäduktmit seinen 44 Bögen und einer Länge von 335m. Die Brücke erreicht eine mittlere Höhe von 12,5m und wird zu den antiken Großbauten gezählt. Besonders am späten Nachmittag bieten die Bögen aus Sandsteinquadern ein prächtiges Farbenbild.

Die letzten zu besichtigenden Aquäduktbögen liegen hinter dem Kontrollpunkt, der zum Schutz des Oymapinar-Stausees zu passieren ist.
(Ausweis!) . Auf dem Weg zum Fuß der Staumauer liegt auf der rechten Seite, oberhalb eines Parkplatzes, der Rest dieser einstmals 88m langen Gözyani-Brücke, über die noch heute ein modernes Wasserrohr führt.

Von der Staumauer, die man über einen ausgeschilderten Fahrweg -nicht durchgängig befestigt- erreicht, hat man einen grandiosen Blick hinunter in das Tal des Manavgat-Flusses und über den Oymapinar-Stausse, in dessen Tiefe zwei weitere Brückenanlagen versunken sind und wo die Dumanli-Quelle entspringt. Mit etwas Geduld kann man in der rechten Felswand die Aquädukt-Galerie, eine technische Meisterleistung, erkennen.

Die Aquädukt-Galerie am Fuße der Staumauer kann man nach Absprache mit der Kontrollstelle besuchen. Diese Galerie, eine von dreien, deren andere im Stausee selbst liegen, ist eine besondere technische Leistung römischer Architekten und nur an wenigen Orten realisiert worden. Es handelt sich um ein Mittelding zwischen Tunnelbau und offener Rinne. Auf diese Weise wurden nur Strecken ausgebaut, bei denen massiver Fels zu durchfahren war. Die ausgebaute Trasse zeigt eine äußerst pragmatische Lösung. Man schlug die Rinne aus dem fast senkrecht anstehenden Fels heraus und ließ zur Flussseite hin eine hohe Brüstung stehen, die in Abschnitten durch natürliche Abstützbögen gestärkt wurde. Diese hatte man beim Absprengen des Felsens stehen gelassen.
Die Rinne selbst hat eine Breite von 1,8m und ist beidseitig von Felswänden eingefasst. Auf der Bergseite wurde die Rinne bis zu 10m aus dem Fels geschlagen und talseitig mit einer bis zu 3m hohen Brüstung versehen.
Die gesamte Anlage wurde in der Blütezeit des römischen Side, im 2. und 3. Jahrhundert n.Chr. erbaut.

Gäbe es auch eine Liste der sieben technischen Wunder in der Antike, die Wasserleitung nach Side würde zweifellos dazu gehören.

Nach soviel Wasserbautechnik freue ich mich auf eine erholsame Rast am Wasserfall des Manavgat, trotz des touristischen Rummels, der bis hierhin seine Wellen schlägt. Auf der beeindruckenden Tagestour war ich fast ganz alleine unterwegs gewesen und konnte Natur und Technik in Ruhe in mich aufnehmen. Leider hat ein verheerender Waldbrand vor zwei Jahren die landschaftliche Idylle doch erheblich beeinträchtigt. Möge der Wald sich möglichst rasch wieder erholen und emporwachsen.

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