Die Osterbrunnen im Steigerwald in Franken

Die Osterbrunnen im Steigerwald

Trotz des nicht endenden wollenden Winters auf dem Balkan, in Österreich und Deutschland machten es einige wichtige Termine und Planungen notwendig, die Reise von Antalya aus zurück nach Kitzingen anzutreten.

Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in Izmir, ging dann die Fahrt über die Dardanellen  in Richtung Thessaloniki weiter. Unterwegs fiel die Temperatur von etwa 20° Grad in Mazedonien auf zunächst 12° Grad bei Nis in Serbien bis zu -2° Grad kurz vor der serbischen Hauptstadt Belgrad. Hier setze auch starkes Schneetreiben ein. Na, so unsere Gedanken, das kann ja noch etwas  geben auf dem Rest der Reise. Allerdings war dann in Belgrad auch Schluss mit der Tagesetappe und so waren wir gespannt auf den nächsten Tag.

Schon früh am Morgen machten wir uns auf den Weg, um möglichst vor dem morgendlichen Alltags- und Berufsverkehr Belgrad zu durchqueren. Aus dem Schneetreiben war leichtes Schneien geworden und die Streudienste hatten auf dem ehemaligen Autoput Richtung Zagreb gute Arbeit geleistet. Die gesamte Strecke war sehr gut zu befahren. Allerdings gab es während dieser Etappe zwischen Belgrad und Zagreb eine Absonderlichkeit, die das Fahren sehr unangenehm werden ließ: Vögel auf der Straße. Ob nun der winterliche Hunger auf der Suche nach Futter oder gar das Mineralsalz der Streudienste die Vögel veranlasste, sich in großen Scharen immer wieder auf der Straße niederzulassen, es war für alle Fahrzeuglenker ein grauenhaftes Fahren, denn ein Ausweichen war schlichtweg unmöglich; auch die Reduzierung der Geschwindigkeit brachte wenig Abhilfe, denn dann blieben viele Vögel tatsächlich einfach auf der Straße sitzen. So war es denn nicht verwunderlich, dass aufgrund des Verkehrs eine Anzahl der Vögel dieses Verhalten nicht überlebten. Etliche Greifvögel und Rabenvögel hatten sich bereits am Straßenrand eingefunden, um sich an den Resten zu bedienen. Wir hatten solch ein Verhalten, trotz der mit nur wenig Schnee bedeckten Felder nie vorher erlebt.

Von Zagreb aus ging es dann über Maribor, Graz, Linz, Passau und Nürnberg bis nach Kitzingen in unser Zweigstellenbüro. Nach der ersten Sichtung des eingegangenen Schriftverkehrs trafen wir dann auf Brita, die zum Abendessen eingeladen hatte. Sie berichtete von den Geschehnissen der letzten Wochen vor Ort, von den anstehenden Feierlichkeiten anlässlich des bevorstehenden Osterfestes und kam in der Folge auf einige damit zusammenhängenden Besonderheiten der hiesigen Region zu sprechen. Mit großem Interesse hörten wir ihren Erläuterungen zu, zumal wir von den „fränkischen Osterbrunnen“ vorher noch nie gehört, geschweige denn gesehen hatten.

Die Fränkischen Osterbrunnen

Der Brauch, die öffentlichen Brunnen in den Dörfern und Städten zur Osterzeit zu schmücken, soll ursprünglich aus der Fränkischen Schweiz stammen. Mittlerweile hat sich dieser Brauch über große Teile Frankens ausgebreitet. Mit Girlanden aus Tannengrün, die oftmals zu Kronen gebunden und mit vielen bunten Ostereiern verziert sind, werden kurz vor oder noch während des Karfreitags die Dorfbrunnen geschmückt. In der Mehrzahl aus ausgepusteten echten Eiern bestehend, die dann von Hand bemalt wurden, bietet dieser Brunnenschmuck ein herrliches Farbspiel in der ansonsten noch eher grauen Umgebung des sich langsam zurückziehenden Winters.

Woher und warum dieser Brauch entstanden ist, darüber streiten sich die Gelehrten. Entsprechend einiger mündlicher Überlieferungen soll der erste geschmückte Osterbrunnen angeblich in Aufseß um das Jahr 1909 gesehen worden sein. Ob es sich dabei vordergründig um religiöse Gründe zum Schmücken des öffentlichen Brunnen handelte oder man damit der in der Fränkischen Schweiz oftmals vorhandenen Wassernot begegnen wollte, in dem man den Brunnen besonderer Beachtung zukommen ließ, ist nach wie vor strittig. Manche Leute behaupten auch, dass dieses feierliche Ausschmücken nach der Reinigung der Brunnen und Quellen aufgrund des überstandenen Winters eine wichtige Rolle spielte, um der Bedeutung der Wasserversorgung einen höheren Stellenwert zu verleihen. Andere wiederum behaupten, dass es sich bei den Feierlichkeiten um noch bestehendes, einstmals slawisches und damit heidnisches Brauchtum handeln soll. Selbst die NS-Propaganda versuchte die geschmückten Osterbrunnen für ihre Zwecke zu nutzen und deutete diesen Brauch als „Germanisches Brauchtum“ mit uralten Wurzeln als Quellkult. Mit dem Untergang des NS-Regimes ging aber auch der Brauch des Schmückens der Osterbrunnen stark zurück, bis sich im Jahr 1952 der Nürnberger Arzt und Burgenforscher Dr. Kunstmann dieses Themas annahm. Gemeinsam mit seiner Ehefrau trug er zur erneuten Ausbreitung des Schmückens der dörflichen Brunnen zum sogenannten Osterbrunnen maßgeblich bei.

Wo auch immer die Ursprünge dieses Brauchtums zu sehen sind, mittlerweile hat sich diese Idee in Oberfranken wieder stark ausgebreitet und trägt in einigen Gemeinden als Einnahmequelle stark zum wirtschaftlichen Aufschwung durch lokalen Tourismus bei. Von einigen Großstädten wie München und Dresden werden mittlerweile österliche Rundfahrten unternommen, die zu den am aufwendigsten geschmückten Osterbrunnen in der Fränkischen Schweiz führen. Zwei Orte sind hier besonders zu erwähnen, denn sie gehören zu den Hauptzielen dieses Ausflugstourismus: Heiligenstadt und Bieberbach. Der Ort Heiligenstadt wird teilweise von bis zu 80 Bussen am Tag angesteuert und stellt somit den Besucherrekord auf. Bieberbach konnte im Jahr 2001 aufgrund der kaum vorstellbaren Zahl von 11.108 handbemalten, ausgeblasenen echten Ostereiern gar einen Rekordeintrag in das Guinness Buch der Rekorde für sich verbuchen.

Mittlerweile hat sich dieser Brauch allerdings auch im Großraum Bamberg, im Steigerwald, in Altmühlfranken, in Sachsen, in der Pfalz und sogar im Saarland ausgeweitet. Im Jahr 2005 wurde der Stadtbrunnen im oberpfälzischen Sulzbach-Rosenberg mit 16.500 Eiern dekoriert, so dass damit ein neuer Guinnessbuch Eintrag als Rekord erreicht wurde. Mit der Erkenntnis der positiven Auswirkungen auf den Tourismus begann man auch im emsländischen Haselünne mit dem Brauch der Osterbrunnen. Leider hat dieser Brauch allerdings auch einige Neider oder zerstörungswütige Menschen auf den Plan gerufen, die die teilweise handbemalten, ausgeblasenen Eierschalen zum Werfen benutzen. Vielerorts wurden in der Folge die kunstvoll bemalten Hühnereier deshalb durch Kunststoffeier ersetzt.

Wir nutzen den Vormittag des nun folgenden Karfreitags für eine kleine Rundfahrt durch Franken um uns einige dieser Brunnen in den dörflichen Gemeinden anzuschauen. Und tatsächlich gab es eine große Bandbreite unterschiedlichster Osterbrunnen, die uns an der Fahrtstrecke über Kaltensondheim, Feuerbach, Füttersee, Ebersbrunn, Biebelried, Kleinlangheim, Schlüsselfeld, Prühl, Westheim und Wiesentheid begegneten. Teilweise waren nicht nur die Brunnen mit Tannengrün und Ostereiern geschmückt sondern auch weitere Osterfiguren dem Ensemble hinzugefügt, so dass sich ein buntes Osterbild ergab.

Wir waren gerade dabei, einige Fotos am Osterbrunnen von Kleinlangheim zu machen, als uns eine Passantin ansprach und auf einige Details des auch von ihr mit gestalteten Brunnens hinwies. Sie konnte uns auf einige der ausgeblasenen und dann handbemalten Hühnereier hinweisen, die schon vor Jahren von ihrer Nichte während der Kindergartenzeit gefertigt wurden. Jedes Jahr werden diese Eierschalen sorgfältig verpackt und aufgehoben, so dass sie im kommenden Jahr erneut ausgestellt werden können. Natürlich kommen auch jedes Jahr neue Motive hinzu, die in den örtlichen Schulen oder Kindergärten zur Osterzeit gefertigt werden. Ein schöner Brauch, der ein wenig mehr Farbe und Licht in die noch trübe Alltagsstimmung bringt.

Wir wünschen Ihnen, liebe Leser, einige fröhliche Ostertage. Nutzen Sie die Zeit um vielleicht auch die örtlichen Aktivitäten neu zu entdecken. Und gegen kaltes, unfreundliches Wetter gibt es entsprechende Kleidung.

Bitte lesen Sie auch:

Osterhase - Ostern haben Feldhasen Hochsaison

Wir empfehlen den:

Reiseführer Mainfranken mit Bamberg

Der Süden ist näher als gedacht: in der Region Mainfranken. Mediterranes Licht, mildes Klima, mauerumringte Städtchen, üppiger Barock, verführerische Weine und lukullische Genüsse prägen seit jeher dieses europäische Fluss- und Weingebiet zwischen Steigerwald und Spessart.
Wie leicht beschwipst schlängelt sich der Main in unzähligen Umwegen spielerisch von Bamberg über Würzburg nach Aschaffenburg und verweist an seinen Ufern auf eine heitere, lebendige Kulturlandschaft zum Entdecken.
Viele praktische Tipps zu Kirchen und Palästen, zu Weinstuben und Winzern, zu Familienhotels und Landgasthöfen hat Hans-Peter Siebenhaar in seinen Reiseführer gepackt. Leben wie Gott in Mainfranken!

Hans-Peter Siebenhaar - Michael Müller Verlag, 336 Seiten, farbig, 137 Fotos, 44 Detailkarten, ISBN 978-3-95654-369-2, 6. Auflage 2020

Deutschland

Kultur

Leben | Outdoor