Kalkriese bei Osnabrück - Ort der Varus Schlacht?

Kalkriese im Osnabrücker Land

Über die Jahrhunderte ein lang diskutierter Mythos, der bis heute nicht abschließend geklärt ist: Wo war der Schauplatz der legendären Varus Schlacht, die doch unter so vielen Historikern der Vergangenheit und gar noch der Gegenwart als "Wendepunkt der Weltgeschichte" angesehen wird.

Auch Theodor Mommsen, ein bedeutender Historiker und Altertumswissenschaftler, der in seiner Rede zwei Monate nach der Reichsgründung im März 1871 umfänglich über „Die germanische Politik des Augustus“ gesprochen hatte, sah die geschichtliche Bedeutung der Schlacht. Seine Werke zur römischen Geschichte sind noch für die heutige Forschung von grundlegender Bedeutung. Für seine Römische Geschichte wurde er 1902 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt. Bereits 1885 vermutete selbiger Theodor Mommsen aufgrund der untypischen Fundhäufung römischer Münzen bei Kalkriese, dass die Varusschlacht dort stattgefunden haben könnte.

Bischof Otto von Freising, der in seiner zwischen 1143 und 1146 verfassten Chronik Augsburg als Ort der Varusschlacht bezeichnete, war einer der Ersten, die dieses Thema überhaupt schriftlich aufgriffen hatte. Gelehrte wie Konrad Peutinger (Peutinger Karte) und Conrad Celtis taten es ihm nach. Erst mit der Wiederentdeckung der Aufzeichnungen des Tacitus um das Jahr 1507 erhielt die Frage nach dem Ort der Schlacht eine neue Grundlage, denn der Geschichtsschreiber Tacitus berichtet von einem Vorstoß römischer Soldaten etwa fünf Jahre nach der Varus’ Niederlage:

  • - „ad ultimos Bructerorum, quantumque Amisiam et Lupiam amnis inter vastatum, haud procul Teutoburgiensi saltu in quo reliquiae Vari legionumque insepultae dicebantur.“
  • - „bis zu den entferntesten Brukterern, der alles zwischen Ems und Lippe verwüstete, nicht weit vom Teutoburger Wald, wo, wie man sagte, die Überreste des Varus und seiner Legionen unbestattet lagen".

Das Auffinden dieser Schriften brachte den Begriff von der "Schlacht im Teutoburger Wald" voran. Georg Spalatin mutmaßte im Jahr 1535 aufgrund des Gleichklangs des Namens Teutoburg den Ort bei Duisburg. In weiteren Lokalisierungsversuchen führten Beatus Rhenanus den Lippischen Wald, Philipp Melanchthon den Osning (heute Teutoburger Wald genannt) bzw. Kassel und Martin Luther den Harz an. Doch alle als ernstzunehmend geltenden Versuche einer räumlichen Zuordnung gingen seit jener Zeit von Tacitus’ Feststellung aus, der Saltus Teutoburgensis liege „nicht weit“ von dem Gebiet zwischen Ems und Lippe entfernt.

Mit der Entdeckung des britischen Majors Tony Clunn von 162 Denaren im Jahr 1987 und dem Fund von drei Schleuderbleien ein Jahr darauf, die zumindest die zeitweilige Anwesenheit von römischen Truppen am Ort belegte, wurde eine systematische Untersuchung des Fundortes angesetzt, ja, man war sich sicher, dass dort eine römisch-germanische Auseinandersetzung stattgefunden haben musste. In jüngerer Zeit wurden am Fundort bislang acht Knochengruben entdeckt. In einigen lassen sich allerdings nur die Überreste eines Individuums nachweisen. In der „Großen Knochengrube“ befanden sich mindestens neun Leichen, wobei manche Knochen eindeutige Kampfverletzungen aufweisen. In Kalkriese wurden über 4.000 Fundstücke, zum größten Teil Kleinstobjekte, ergraben. Allerdings ist bislang nur ein Teil des Geländes durch Ausgrabungen erschlossen worden. Da die neueren Funde bei Kalkriese auch Kampfhandlungen belegen, wurde dieser Ort zu einem Favoriten in der Diskussion um den Ort der Schlacht.

Uns beschäftigten die touristischen und kommerziellen Standortvorteile einer solchen Fundstätte in einer bestimmten Region natürlich eher weniger. In der strukturschwachen Region um Osnabrück war das natürlich völlig anders. Hier sah man sofort auch die Vorteile, die ein solcher "Schlachtenort" in Kalkriese mit sich bringen würde. Schnell gab es also ein erstes Informationszentrum, dem bald weitere Gebäude und Ausstattungen folgen sollten. Vor diesem Hintergrund war auch unser erster Besuch zu sehen.

Wir nutzten unsere Anwesenheit im Norden Deutschlands also auch zu einem Kurztrip nach Kalkriese, gespannt darauf, was uns erwarten würde. Zunächst gelangten wir in ein großes Besucherzentrum gleich am Eingang, das sowohl umfängliche Information zum Gelände als auch vielfältige Literatur zu den Römern anbieten konnte. Unter der Leitung eines Tourguides ging es dann zunächst in den metallischen Museumsbau, der auch gleichzeitig als Aussichtsplattform genutzt wird. Zunächst etwas abstoßend wirkend, kann man dann nach erfolgten Erläuterungen den Sinn des Bauwerks sowie seiner Materialienwahl durchaus nachvollziehen.

Wie immer steht und fällt ein solch geschichtlich orientierter Rundgang durch die Historie mit der Person, die den Rundgang leitet. Und, was sollen wir sagen, es war beeindruckend und niemals langweilig, wie Daten und Fakten näher gebracht wurden, mit Fundstücken untermauert und hin und wieder auch der Bezug zur Gegenwart hergestellt wurde. Kurz, es war ein äußerst interessanter Rundgang durch das Museum der Fundstücke von Kalkriese, der oben auf der Plattform endete, nachdem man uns in die Landschaftsstruktur und in den Rundweg durch den Park eingewiesen hatte. Diesen Teil der Erkundung nahmen wir dann in Eigenregie wahr.

Einmal im Park, wurde schnell klar, welch riesige Flächen es noch zu erkunden gab. Viel Arbeit für Archäologen und Forscher, die sich hier über Jahre noch betätigen können. Konzepte, die hier vor Ort noch in den Kinderschuhen stecken, könnten hier langfristig helfen. Archäologietourismus ist das Schlagwort. Auf unserer Tour entlang Römischer Straßen haben wir in Split in Kroatien eine wirklich interessante Konstellation als Kooperation von Museen, Verwaltung und Archäologietourismus erleben dürfen. Ein Modell, das auch für Kalkriese sicherlich einige interessante Aspekte beinhaltet.

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