alaturka

Der Romkerhaller Wasserfall im Okertal

Der Romkerhaller Wasserfall

Unsere Ostertour hoch in den kalten Norden Deutschlands war beendet und wir entschlossen uns auf dem Rückweg noch zu einem kurzen Abstecher in den Naturpark Harz, ein kleines Zwischenziel, was die Reise unterbrechen und gleichzeitig weitere Impressionen vermitteln sollte.

Die noch immer vorherrschenden frostigen Außentemperaturen ließen vermuten, dass auch im Harz Schnee und Eis immer noch die Oberhand hatten und so war das erste Ziel des kurzen Abstechers in den Naturpark Harz der Romkerhaller Wasserfall. Schon vor Jahren hatten wir das Glück, den Wasserfall im „eingefrorenen“ Zustand zu sehen und so waren wir gespannt, welches Bild uns jetzt nach Ostern erwartete.

Zum Romkerhaller Wasserfall ins Okertal

Wir verließen die Autobahn A7 und fuhren dann auf der Landstraße 82 in Richtung Goslar, der alten Kaiserstadt mit der wohl bedeutendsten Kaiserpfalz Deutschlands und dem Weltkulturerbe Rammelsberg; Ziele, die allein schon mehr als einen Tagesaufenthalt lohnen. Wir hatten unsere Tour heute allerdings etwas anders eingeteilt und so durchquerten wir Goslar in Richtung Ortsteil Oker, wo wir dann nach rechts auf die Landstraße 498 in Richtung Clausthal-Zellerfeld einbogen. Schon nach etwa 4 Kilometern hatten wir den Romkerhaller Wasserfall und das dazugehörige „kleinste Königreich der Welt Romkerhall“ erreicht. Die Straße verläuft immer parallel zur Oker und steigt bis zum Wasserfall auf etwa 335 Höhenmeter an, wie uns das GPS vermittelte. Nur etwa 200 Meter vom Wasserfall entfernt befindet sich auch das Wasserkraftwerk Romkerhalle, das aus der Wasserenergie des nur 1,5 Kilometer entfernten Oker Stausees Elektrizität produziert.

Ein künstlicher Wasserfall und trotzdem schön

Im Jahre 1862 trat Romkerhall erstmals aus dem Schatten der Geschichte: König Georg V. von Hannover (1819-1878), seines Zeichens auch Herzog von Cumberland und Teviotdale, Earl von Armagh sowie Träger des ehrwürdigen Hosenbandordens lies hier sein Jagdschloss errichten, obschon der Welfe seit seiner Jugend blind war. Das noch bestehende Gebäude Romkerhall gehören zum ehemaligen Jagd Sitz. Um seiner Idylle noch weiteren Glanz zu verleihen, ließ König Georg V einen Teil des Wassers des Oker Zuflusses Romke über einen etwa 350 Meter langen Graben zu den Felsklippen der Ostflanke des Okertals unterhalb des Huthberg – Ausläufers gegenüber seinem Jagd Sitz ableiten, wodurch der Romkerhaller Wasserfall entstand. Ein künstlicher Wasserfall also, der allerdings im Harz seines Gleichen sucht, misst er doch stattliche 64 Meter Höhe. Als letzter König von Hannover regierte König Georg V zwischen 1851 bis 1866 das Königreich Hannover und verschenke während seiner Amtszeit seinen Jagd Sitz „Romkerhall“ an seine Gattin Königin Marie (1818 – 1907), einer Prinzessin aus dem Hause Sachsen.

Neben dem stattlichen Gebäude und dem idyllischen Wasserfall hatte Georg V auch für einen besonderen „Zustand“ der nur etwa 6.000 Quadratmeter großen Anlage gesorgt: Er erklärte kraft seines Amtes das Gebiet gemeindefrei und unterstellte es direkt der Krone von Hannover. Nun geschah etwas, das an die legendäreGeschichte des vergessenen Soldaten auf der einsamen Pazifikinsel erinnert, der auch nach 50 Jahren weiterhin denkt, es herrsche immer noch Kriegszeit: Mit dem Ende der Monarchie nach dem Ersten Weltkrieg wurde Romkerhalle im Zuge der Gebietsreformen schlichtweg vergessen. Auch mit der Gebietsreform nach dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Zuordnung. Ob man es nun Schlamperei oder als einen Zufall in der Geschichte betrachten möchte, Romkerhalle blieb gemeindefrei und wurde dann von cleveren Geschäftsleuten zum kleinsten Königreich der Welt proklamiert.

Königreich Romkerhall – das kleinste Königreich der Welt!

Ähnlich dem Spruch „Ganz Gallien ist von den Römern besetzt, ….nein ein kleines Dorf leistet noch immer Widerstand, ……“ in den Geschichten des sagenumwobenen Asterix und Obelix Dorfes, nimmt ein kleines Schlösschen im Harz für sich in Anspruch, das kleinste Königreich der Erde zu sein, wo es keine Demokratie sondern eine Monarchie gibt. Allen Reisenden sei aber versichert, es gibt weder eine Staatsgrenze noch sonstige Auflagen, alle Einwohner haben deutsche Pässe und leben nach Recht und Gesetz in Deutschland. Allerdings waren es durchaus ernstgemeinte Ideen, den Bereich Tourismus dadurch tatkräftig anzufachen, dass man dieses Anwesen als Königreich proklamierte. Die Voraussetzungen waren gegeben, denn der Sonderstatus ist nach wie vor erhalten geblieben.

Im Mittelalter eine wichtige Bergbauregion (deshalb wurde Goslar zur Kaiserstadt), gehört seit dem 19. Jahrhundert die Region Harz zu den beliebtesten Reisezielen in Deutschland. Häufig genutzte Wanderrouten, Kurorte, Höhlen und Bäder, Bergwerke und Natur pur locken viele Touristen, warum nicht zusätzlich noch ein Königreich. Schon 1988 hatten findige Köpfe dieses Plätzchen und seine Zuordnungslücke entdeckt und mit der echten Prinzessin Erina von Sachsen als Monarchin besetzt, diese zur Herrscherin gekürt,  den Königsthaler als Währung eingeführt (ohne das man später auf den Euro verzichten wollte) und den „Königlichen Orden der Ritter zu Romkerhall“ etabliert. Wie so oft in der Geschichte gab es mit dem Tod der Herrscherin im Jahr 2010 erhebliche Erbstreitigkeiten, so dass die Thronfolge nach wie vor unklar ist, der Thron folglich nicht besetzt ist. Ritterorden und ehemaliger Statthalter Baron Lechner konnten sich nicht einigen. Noch wird Romkerhall von der Ordensvorsitzenden und designierten Nachfolgerin Fürstin Susanne vertreten. Wer weiß, wie es sich zukünftig mit dem „kleinsten Königreich der Welt“ weiter entwickeln wird.

Vom Königreich Romkerhalle zu den Ahrendsberger Klippen

Heute ist Romkerhalle ein Hotel mit immerhin 25 Gästezimmern, einem Restaurant und auch aufgrund des Romkerhaller Wasserfalls beliebtes Ausflugsziel, das als „Königreich Romkerhall – das kleinste Königreich der Welt!“ vermarktet wird. Die Gaststätte gehört offiziell zum Landkreis Goslar, die Übernachtungskosten halten sich in Grenzen und der Standort ist für ausgiebige Harzwanderungen und Ausflüge prädestiniert: zum Oker Stausee, zur Kaiserstadt Goslar, zur Tropfsteinhöhle Baumannshöhle, zum Torf Haus mit Brockenaufstieg, um nur einige wenige Ziele zu nennen.

Von Romkerhall führen steile Wege hinauf zu den südlich befindlichen Ahrendsberger Klippen sowie zur im Nordosten am Huthberg gelegenen Mausefalle und von dort weiter zu den Kästeklippen. Von den Ahrendsberger Klippen hat man einen schönen Blick auf Romkerhall und den Wasserfall. Etwas westlich liegt die Rabenklippe. Flussabwärts führt ein Weg entlang der von steilen Felsen umgebenen Oker. Die Felsen werden besonders an Wochenenden als Kletterfelsen benutzt. Im Fluss liegen unzählige große Felsblöcke, zwischen denen sich aus Schwemmmaterialien mitunter kleine Inseln gebildet haben, darunter die über eine Holzbrücke erreichbare Verlobungsinsel, die als Nr. 116 in das System der Stempelstellen der Harzer Wandernadel einbezogen ist. Für Verlobungswillige steht die Insel mit Verlobungsbrücke zur Verfügung und auch ein zünftiges Ritteressen kann gebucht werden. Mutige Paare können sich sogar im Königssaal trauen lassen. So ist für eine Vielzahl von Interessen gesorgt.

Wir setzen nach unzähligen Fotos des eingefrorenen Wasserfalls unseren Weg in Richtung Oker Stausee und Clausthal – Zellerfeld fort, treffen dann unerwarteter Weise  auf die Nachbildung eines Osterhasen aus Schnee.

Ein letzter Gruß an den sich jetzt hoffentlich bald verabschiedenden Winter.

Für mehr Informationen:

Harz (2. Auflage 2015)

Barbara Reiter, Michael Wistuba

Michael Müller Verlag, 288 Seiten, 2. Auflage 2015, farbig, 16,90 EUR (D), 17,40 EUR (A), 24,90 CHF, ISBN 978-3-89953-853-3

Deutschland

Kultur

Leben | Outdoor

Aktuell sind 381 Gäste und keine Mitglieder online