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Aquileia - Heranwachsende beim Kirchturm-Glockenspiel

Aquileia - Kinder und Jugendliche

Eigentlich war es nur wieder der glatte Zufall, der uns mit einem Ereignis in Berührung brachte, dass wir in dieser Form auch noch nicht erlebt hatten.

Wir waren erneut nach mit dem Rad nach Aquileia gefahren, um uns am Wochenende nochmals die Mosaike in der Kathedrale als auch das Museum selbst anzuschauen, wenn möglich auch den mächtigen Glockenturm von immerhin 73 Metern Höhe erklimmen, der bei unserem letzten Besuch aufgrund des Regens leider wegen der bestehenden Rutschgefahr geschlossen war.

Und wir hatten Glück. Schon an der Kathedrale waren Stimmen hoch oben vom Turm zu hören, er sollte also geöffnet sein. Wir wandten uns also zunächst dem Turm zu, erstiegen die wirklich anstrengenden Stufen der Wendeltreppe nachdem wir ausgiebig die massiven Fundamente sowie das auch im Glockenturm befindliche römische Mosaik betrachtet und fotografiert hatten. Unterwegs hatten wir glatt zu zählen vergessen, wie viele Stufen es auf die Turmplattform tatsächlich waren, nur, anstrengend war es wirklich. In der Glockenstube angekommen, die Bezeichnung des Raumes der aufgehängten Glocken ist tatsächlich Stube, trotz der großen Öffnungen in alle vier Himmelsrichtungen. Hier hatten sich etliche Jugendliche versammelt, darunter allerdings auch einige Herren im gesetztem Alter, die alle irgendwie stark beschäftigt erschienen. Um es kurz zu machen, man nahm zunächst überhaupt keine Notiz von uns.

Jugendliche Stimmen locken hinauf auf den Glockenturm

b_450_450_16777215_00_images_italy_trieste_Aquileia-Glockenturm-031.jpgDer Raum war so groß, das eine Abdeckung der Öffnungsflächen mit Jalousien wohl nicht nötig war. Diese Klappläden findet man ansonsten häufig auf Kirchtürmen, damit einerseits die Glocken und die Läutemaschine vor der Witterung geschützt sind und sich andererseits der Klang der Glocken in der Glockenstube sammeln und gezielt in die Ferne geleitet werden kann. Wir waren zunächst auch zu sehr in die Aussicht vom Turm vertieft, die bei klarer Sicht sogar bis zu den Alpen reichen soll.

Dann wendeten wir uns den drei mächtigen Glocken zu, die sowohl per Handbetrieb als auch maschinell geläutet werden konnten. Das erste bekannte motorisch angetriebene Geläut, das ergab die spätere Recherche, wurde übrigens im Jahr 1898 in der Georgenkirche (Berlin-Mitte) realisiert, etwa 1908 wurde der gemeinsame Antrieb der Glocken durch einzelne Antriebe ersetzt und es kamen auch Schaltwerke hinzu, die das Läuten einzelner Glocken bzw. von Glockengruppen ermöglichten. Abgezählte Glockenschläge werden mit einem so genannten „Schlagwerk“ erzeugt, bei dem die Glocke mit einem Hammer angeschlagen wird. Entsprechend heißen starr aufgehängte Glocken, die durch einen Hammer von außen an den Schlagring angeschlagen werden, Schlagglocken und sind oft in einer „verkürzten“ Rippe gegossen worden. Solche Glocken dienen häufig nur dem Anzeigen der Uhrzeit oder finden ihre Verwendung in Glockenspielen. Eine besondere Läuteart ist das Beiern. Hierbei werden nur die Läuteglocken rhythmisch, dynamisch und melodisch verschieden angeschlagen.

Glocken werden heute mit Läutemaschinen betrieben

b_450_450_16777215_00_images_italy_trieste_Aquileia-Glockenturm-114.jpgHeute werden die meisten Glocken motorisch geläutet. Die Läutemaschine ist der Antrieb der Glocke. Ein Elektromotor mit elektronischer oder elektromechanischer Steuerung bringt über einen Ketten- oder Riemenantrieb und das am Glockenjoch befestigte Seilrad die Glocke zum Schwingen. Im Bereich der Ruhelage der Glocke wird der Motor abwechselnd in die eine oder andere Drehrichtung kurz eingeschaltet, wodurch sich die Glocke nach und nach bis zum gewünschten Läutewinkel aufschaukelt. Seit neuerer Zeit werden für den Glockenantrieb auch Linearmotoren benutzt.

Natürlich besteht an fast jedem Glockenturm auch die Möglichkeit, die Glocken von Hand zum Läuten zu bringen. In der Regel wird dann je eine Glocke über ein am Joch befestigtes Seilrad oder Seilhebel geläutet.

Als kurze, weitere Einführung in das Glockenspiel, sollen die folgenden Worte gelten, die uns einer der besagten älteren Herren dann zur Erklärung des Vorhabens der jungen Leute wenig später gab. Langsam wurde klar, was hier an diesem Mittag auf dem Programm stand: Glockenspiel im Kirchturm.

Folgende Erläuterung gab uns Francesco: Glocke und Klöppel bilden ein Doppelpendel:

Symmetrie zwischen Klöppel und Glocke ist von Bedeutung

b_450_450_16777215_00_images_italy_trieste_Aquileia-Glockenturm-115.jpgDas Läuten muss daher auch für den korrekten Anschlag des Klöppels eingerichtet werden. Das ist aus folgendem Grund kritisch: Je später der Klöppel nach der Umkehr der Glocke an deren Schlagring (dickste Stelle der Glocke) stößt, desto mehr Energie übernimmt er dabei. Ist das mehr als der Energieverlust beim Stoß, so bewegt sich der Klöppel schneller auf die Gegenseite und nimmt dort wieder weniger Energie auf. Damit diese Rückkopplung funktioniert, muss die natürliche (stoßfreie) Pendelfrequenz des Klöppels etwas geringer sein als die der Glocke, sodass die Phase der Glockenschwingung jene des Klöppels vor sich her treibt. Sind die Frequenzen zu verschieden, dann übernimmt der Klöppel zu Beginn zu wenig Energie aus dem Schwingen der Glocke, so dass diese heftig schwingen muss, um überhaupt einen ersten Schlag zu tun. Im Fall zu kleiner Differenzfrequenz schwingt der Klöppel phasengleich zur Glocke und die Glocke bleibt stumm.

Klang zunächst recht kompliziert, doch schon wenig später konnten wir uns selbst von der Gleichförmigkeit in den Übungen der Jugendlichen überzeugen. Mit langen Seilen, die an Freiarmen oberhalb der Glocke angebracht worden waren, setzte man die Glocken in Bewegung. Immer schneller bewegte sich dabei die Glocke, wobei der Klöppel fast ruhig senkrecht hängen blieb, bis dann endlich soviel Schwung in der Glocke war, das der Klöppel getroffen und nun ebenfalls in Schwingung versetzt wurde.

Jugendliche üben den Glockenbetrieb

b_450_450_16777215_00_images_italy_trieste_Aquileia-Glockenturm-116.jpgDabei war gleichzeitig der erste Glockenschlag zu hören. Noch kurz anzumerken ist, das jeder der Anwesenden Hörschutz trug und man auch uns damit versorgt hatte. Jetzt folgte bereits eine weitere Erläuterung von Francesco: Die Frequenz der Anschläge (gemessen in Anschläge je Minute) ist von der Masse der Glocke und des Joches, deren Schwerpunkt, dessen Abstand zur Lagerachse und dem Läutewinkel abhängig ist. Folglich werden Schäden an Glockentürmen oftmals durch Resonanzen hervorgerufen, die sich aus der Nähe der Läutefrequenz einer Glocke zur Eigenfrequenz des Turmes ergeben und die zu Turmschwankungen von mehreren Millimetern führen können. Oft wird in solchen Fällen das Joch mit zusätzlichem Gewicht versehen (man spricht dann von einem „überschweren“ Joch), um die Glocke zu verlangsamen.

Es waren so viele neue Erkenntnisse, die wir dann auch gleich in die Praxis umgewandelt erleben durften, so das sich für uns eine Lehrstunde im Glockenspiel echter Kirchenglocken ergab. Und tatsächlich erhielten die Jungen und Mädchen auch kontinuierlich Anweisen, was zu tun sei. Es bereitete allen sichtbar Freude, trotz des einen oder anderen Misstones, der zwangsläufig durch ständige Wechsel am Zugseil jeder einzelnen Glocke passierte. ES muss auch wirklich anstrengend sein, den richtigen Schwung beizubehalten, wie die Schweißperlen trotz November bewiesen.

Programme des Läutens zeigen unterschiedliche Klangbilder

b_450_450_16777215_00_images_italy_trieste_Aquileia-Glockenturm-117.jpgDann wechselte die Szenerie, denn jetzt wurden die Klöppel im geringen Abstand zur Glocke fixiert. Auch das "Bedienpersonal wechselte und nun waren die ganz jungen Glöckner dran. Sie nutzen die Seile mit denen der Klöppel fixiert war, um durch Ziehen daran quasi wie ein Schlagwerk den Klöppel gehen die Glocke schlagen zu lassen. Jetzt war die Nutzung der riesigen Glocken einem wirklichen Glockenspiel sehr nahe. So wurden verschiedenste Melodien gespielt, die mit viel Training eingeübt worden waren. Auch hier gab es stetigen "Personalwechsel".

Dann wurden wieder die Größeren aktiv und spannten erneut die Seile zum Bewegen der Glocken. So gab es ein fast einstündiges Konzert der riesigen Glocken, das wohl weit ins Land hinaus zu hören war. Trotz des Gehörschutzes waren die Aktionen der Älteren sicherlich auch noch in vielen Kilometern Entfernung zu hören. Ob das samstägliche Glockenspiel bei allen beliebt ist, konnten wir leider nicht erfahren. Erstaunlich allein schon die Jugendarbeit, die sicherlich auch als eine Empfehlung in anderen Ländern gelten kann.

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