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Roter Fingerhut am Wanderpfad Eselspfad bei Billroda

Roter Fingerhut am Wanderpfad Eselspfad bei Billroda

Nur leicht bewölkter Himmel und nicht zu mächtig warmer Sonnenschein hatte uns einmal mehr zu einer Wanderung zum Waldschwimmbad bei Rastenberg verlockt, dass wir über den mittlerweile gut beschilderten Eselspfad oberhalb von Billroda erreichen wollten.

Von dort kommend ging es zunächst recht steil den Höhenzug hinauf, wo uns gleich einige gefällte Bäume den Wanderweg versperrten. Wenig später stießen wir auf einen wie wir überraschten Rehbock, der nur wenige Meter vor uns den Pfad querte. Am Eselspfad angekommen, der eigentlich nur ein wenige hundert Meter langer Pfad ist, der steil hinab in das Tal zur Waldstraße nach Rastenberg führt. Wir hatten den Pfad schon mehrfach begangen, da sowohl die Aussicht von hier als auch die Pflanzenwelt am Pfad einfach beeindruckend schön sind. Heute, Anfang Juni, stießen wir auf den prächtig in der Blüte stehenden Fingerhut.

Faszinierend schöne Blüten und so giftig: der Fingerhut

b_450_450_16777215_00_images_leben_flora_fingerhut-1.jpgAlle Pflanzenteile des Roten Fingerhutes sind hochgiftig. Bereits der Verzehr von zwei bis drei Fingerhutblättern kann tödlich enden. Aufgrund des bitteren Geschmacks der Pflanzenteile kommt es glücklicherweise nur noch selten zu Vergiftungen bei Erwachsenen, Kinder sollten frühzeitig geschult werden. Das Anpflanzen in heimischen Gärten ist gerade aus diesen Gründen auch recht umstritten. Die ersten Anzeichen einer Vergiftung sind Übelkeit, Erbrechen, Ohrensausen, Schwindelanfälle und ein Sinken der Pulsfrequenz unter 50 Schläge pro Minute. Der Rote Fingerhut wurde 2007 zur Giftpflanze des Jahres gewählt.

So führen denn die verschiedenen, manchmal fast Kosewort artigen Bezeichnungen für den Roten Fingerhut noch immer zu Missverständnissen: Fingerkraut, Fuchskraut, Schwulstkraut, Unserer-lieben-Frauen-Handschuh, Waldglöckchen, Waldschelle sind die wichtigsten Begriffe für den Roten Fingerhut (Digitalis purpurea).

b_450_450_16777215_00_images_leben_flora_fingerhut-5.jpgDie so unterschiedlichen Bezeichnungen des Roten Fingerhuts deuten bereits auf die weite Verbreitung hin, denn die Pflanze ist in Westeuropa sowie dem westlichen Süd-, Mittel- und Nordeuropa und in Marokko beheimatet. In Nord- und Südamerika ist der Fingerhut gebietsweise eingeschleppt. In Deutschland hat er sein natürliches Verbreitungsgebiet bis zum Harz und dem Thüringer Wald, tritt aber verwildert heute im ganzen Land auf.

Man findet den Roten Fingerhut zerstreut aber gesellig auf Kahlschlägen, vor allem des Gebirges, an Waldwegen und in Waldlichtungen. Er bevorzugt frischen, kalkarmen, sauren, lockeren, humusreichen Boden an sonnigen bis halbschattigen Standorten.

Diese auffallende Pflanze mit ihren prächtigen Blüten wurde weder im Mittelalter noch im Altertum große Bedeutung beigemessen. Eine Rezeptsammlung in walisischer Sprache aus dem 12. oder 13. Jahrhundert erwähnt erstmals eine äußerliche Anwendung der Blätter.

In der Heilkunde wird der Fingerhut lange missachtet

b_450_450_16777215_00_images_leben_flora_fingerhut-2.jpgVerwendet hat man ihn jedoch zu dieser Zeit bereits in Irland, verbunden mit magischen Bräuchen sollte er gegen den „Bösen Blick“ helfen, vergleichbar mit dem Blauen Glasauge in der Türkei.

Die Engländer verwendeten die Pflanze als Brechmittel, zur Förderung des Auswurfs bei Bronchitis und um 1700 sogar gegen die Schwindsucht. 1748 zeigten Versuche der Académie Française, dass nach Verfütterung von Fingerhut an Truthähne deren Herz, Leber, Gallenblase und Lunge geschrumpft waren. Das führte dazu, dass auch die Engländer den Fingerhut seltener anwendeten.

Aber wie kann es anders sein, denn ein Gift kann auf der anderen Seite auch durchaus ein Heilmittel sein. So ist der Rote Fingerhut in der Volksmedizin schon lange als Mittel gegen Herzinsuffizienz (Herzschwäche) bekannt und wird seit dem späten 18. Jahrhundert sogar medizinisch verwendet. Die Wirkstoffe des Fingerhuts sind Herzglykoside, die heute überwiegend aus dem Wolligen Fingerhut gewonnen werden. Herzglykoside regen den geschwächten Herzmuskel an, sich wieder stärker zusammenzuziehen. Im therapeutischen Einsatz von Digitalis steht der die Herzfrequenz senkende Effekt von Digitalis immer mehr im Vordergrund gegenüber der Stärkung der Herzleistung.

Heilende Wirkung durch Zufall entdeckt

b_450_450_16777215_00_images_leben_flora_fingerhut-3.jpgErst der englische Arzt William Withering griff 1775 auf ein altes Familienrezept zur Behandlung der Wassersucht zurück und behandelte mit Blättern des Roten Fingerhuts erfolgreich Wasseransammlungen, die auf eine Herzschwäche zurückzuführen waren. Angeblich gestand ihm die Ehefrau eines seiner Patienten, dass sie eine Kräuterfrau um Hilfe gebeten hatte. Allerdings – so behauptet es die Legende – wollte die Kräuterfrau ihm nicht Namen und Wuchsort der Pflanze verraten; er ließ sie beobachten und fand, dass das Elixier der Kräuterfrau Digitalis enthielt. Von 1776 bis 1779 führte Withering eine Reihe von Experimenten an Dutzenden seiner Herzpatienten durch. Aufgrund seiner Beobachtungen schloss er auch, dass sich das Pflanzengift des Fingerhuts im Körper anreichert, da die Wirkung des Medikamentes bei längerer Verabreichung zunahm. 1785 veröffentlichte er dann seine berühmte Abhandlung „An account of the Foxglove and its medical uses“.

b_450_450_16777215_00_images_leben_flora_fingerhut-4.jpgDiese Form der Therapie setzte sich jedoch anfänglich nicht durch, und erst nach 1850 wurde Digitalis häufiger verschrieben. Dazu beigetragen hatten die Untersuchungen des französischen Arztes Drebeyne (1786–1867), der herausfand, dass Digitalis nicht nur harntreibend wirkt, sondern auch die Herztätigkeit stärkt. Der Chemiker Nativelle konnte 1868 dann den Wirkstoff isolieren. Weitere pharmakologische Untersuchungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führten danach zu einer Bestimmung einer Reihe weiterer Wirkstoffe in mit dem Roten Fingerhut verwandten Fingerhut-Arten. Man entdeckte außerdem, dass auch Pflanzenarten anderer Familien herzwirksame Substanzen – sogenannte Digitaloide – enthielten. Zu den Pflanzenarten, bei denen man vergleichbare Wirkstoffe fand, zählten das Maiglöckchen, der Oleander und die Christrose. Lediglich die Meerzwiebel zählte unter den in der Folge von Witherings Untersuchungen entdeckten Heilpflanzen zu den Arten, die bereits der Heilkunde der Antike bekannt waren. 1874 gelang Oswald Schmiedeberg (1838–1921) die Gewinnung des Digitoxin als erstes Reinglykosid.

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