Tarsos / Tarsus - Kilikische Pforte

Tarsos / Tarsus - Kilikische Pforte

Tarsos, die alte Hauptstadt der Provinz Cilicia, hat zwar als einzige Stadt der Südküste bis heute seinen antiken Namen behalten, jedoch durch die Verlandung der Flussmündung und die Verlegung der Taurusstraße auch seine Bedeutung verloren.

Früher war Tarsos nur 2 - 3 Kilometer vom Meer entfernt (heute etwa 15 Kilometer) und über den Unterlauf des Tarsus-Flusses (der antike Fluss Kydnos) mit Schiffen erreichbar, gleichzeitig kontrollierte die Stadt den Zugang zur ›Kilikischen Pforte‹ (den 1.050 Meter hohen Pass von Gülek Boğazı), der wichtigsten Taurus-Überquerung. Die von steilen Felswänden gerahmte ›Pforte‹ durch den Kilikischen Taurus wird heute von der neuen Autobahn im Osten und der ausgebauten Schnellstraße im Westen umfahren. Nur 42 Kilometer westlich von Adana gelegen, scheinen heute in Tarsos die Uhren zu verharren. Die Siedlungsgeschichte von Tarsos reicht bis ins 5. Jahrtausend vor Christus zurück, die Hethiter besaßen hier einen wichtigen Handelsplatz. Assyrer-, dann Perserkönige eroberten die Stadt, nach Alexander dem Großenkamen die Seleukiden, schließlich die Römer, unter ihnen Antonius und (als Statthalter) Cicero. 1198 wurde der kleinarmenische König Leo I. in Tarsos gekrönt; hier weilten die Kreuzfahrer Friedrich von Schwaben und Gottfried von Bouillon. Die Osmanenzeit begann ihre Epoche in Tarsos mit Sultan Selim I.

Doch nur drei Ereignisse verbinden sich in unserem Gedächtnis mit Tarsos: zunächst die schwere Erkrankung Alexanders, die ihn vor der Schlacht von Issos hier wochenlang mit hohem Fieber ans Bett fesselte, sodass seine Begleiter um sein Leben bangten. Dann, 41 v. Chr., die von Plutarch so fesselnd beschriebene erste Begegnung von Kleopatra und Antonius, als Kleopatra »den Kydnosfluss in einem Schiff mit vergoldetem Heck hinauffuhr mit ausgespannten Purpursegeln, während die versilberten Ruder sich zum Schall von Flöten bewegten. Der Auftakt einer pompös inszenierten Liebe, die in der Seeschlacht von Aktium (31 v. Chr.) schmählich endete.

Und schließlich um 10 n. Chr. die Geburt des Saulus, der bei der Geburt auch den Namen Paulus erhielt. Als Sohn jüdischer, streng pharisäischer Eltern erbte er das tarsische und römische Bürgerrecht und absolvierte mit 18-20 Jahren in Jerusalem eine Ausbildung zum Schriftgelehrten, zu der das Erlernen eines Handwerks (Zeltmacher) gehörte. Nach dem Gotteserlebnis auf dem Weg nach Damaskus, das ihn vom Christenhasser zum Gläubigen werden ließ, war er offensichtlich fast ein Jahrzehnt in seiner Heimatstadt, ehe er Mitte der 40er-Jahre seine Missionstätigkeit als bedeutendster Apostel der Christen begann.

An all die großen Begebenheiten erinnert lediglich das Kleopatra-Tor (Kleopatra Kapısı), das mitten in der Hauptstraße (Mersin Caddesi) auf einer begrünten Verkehrsinsel steht. Es stammt aus römischer Zeit und besaß Statuen in den Nischen neben dem überwölbten Durchgang. Auf der anderen Seite des Platzes steht ein Gedenkstein, der an die Gewährung des römischen Stadtrechts durch Kaiser Severus Alexander (222-235) erinnert (bis dato hatte die Stadt lediglich den Status einer civitas libera). Schließlich steht im Osten der Stadt der ›Donuk Taş‹ genannte Unterbau eines römischen Tempels, der ursprünglich mit einem Kranz von 21 x 10 Säulen vielleicht der Haupttempel der Stadt war.

Während der christlichen, vor allem kleinarmenischen Zeit entstanden mehrere große Kirchen in Tarsos, die nach der Eroberung durch die muslimischen Mameluken (1359) und unter der Herrschaft der in Adana residierenden Ramazanoğullari zu Moscheen umgebaut wurden. Zu ihnen gehört die dreischiffige Ulu Cami, die Große Moschee, von 1385. Sie besitzt das typische, auf syrischen Einfluss hinweisende überwölbte Eingangsportal aus weißen und schwarzen Marmorbändern und gehört zu einer Stiftung (Külliye), die auch eine Koranschule (Medrese) und einen Grabbau (Türbe) umfasst. 

Der vor der Ulu-Moschee liegende gedeckte Basar wird wegen der zahlreichen kleinen Einraumgeschäfte Kırk Kaşık (vierzig Löffel) genannt. Als einer der wenigen Touristen wird man hier immer noch wie ein König bedient: Ehe man sich zum Kauf entscheidet, wird man ins Gespräch verwickelt, bekommt einen Stuhl herbeigeholt und ein Gläschen Tee serviert. Und der Juwelier, der für den Tag genügend verdient hat, schließt seinen Laden, damit der Nachbar auch zu seinem Verdienst kommt.

Ein bescheidenes Museum (unregelmäßig geöffnet) befindet sich 200 m südlich der Ulu Cami in der Kubat Paşa Medresesi aus dem 16. Jh., einer Hofmedrese mit überkuppeltem Iwan (offene Halle zum Hof). Hier findet man neben osmanischem Kunsthandwerk einige kleine antike Marmorwerke; die schönsten Funde von Tarsos sind in auswärtigen Museen zu sehen: der prächtige Achilleus-Sarkophag in Adana und ein beim Bau des Justizpalastes entdecktes römisches Bodenmosaik in Antakya.

Für die Einheimischen sind die ›Alexander-Wasserfälle‹ ein beliebter Ort fürs Picknick (in der Stadt gut ausgeschildert: ›Şelale‹). Die Wasser des antiken Kydnos rauschen in mehreren Katarakten einige Meter über Felsbrocken hinab. Wahrscheinlich holte sich hier Alexander beim Bad im eiskalten Tauruswasser eine schwere Lungenentzündung. 

Ein nicht minder beliebtes Ausflugsziel mit großem Picknickplatz ist für Naturfreunde empfehlenswert: das Tarsus-Delta mit seinen Eukalyptuswäldern. Man erreicht das Delta von der Straße Nr. 400 am Südrand von Tarsos, ausgeschildert ›Karabucak, Bahşiş‹. Der Tarsus-Fluss wurde in den vergangenen Jahrzehnten kanalisiert, das weite Sumpfgebiet der Mündung trockengelegt und mit Fluss-Eukalyptus bepflanzt. Die schnell wachsenden Bäume entziehen dem Boden Feuchtigkeit und werden von Stechmücken gemieden, sind also ein äußerst wirksamer Schutz in malariaverseuchten Gebieten. Der Wald bei Karabucak ist die größte zusammenhängende Eukalyptusanpflanzung der Türkei. Abseits des großen Picknickgeländes kann man Prachtlibellen und den Braunliest entdecken, eine sehr seltene Eisvogelart. Auf den Wanderwegen wird man vom Eukalyptusduft erfrischt, am Strand gibt es Getränke.

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