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Ihlara Tal und seine Byzantinischen Höhlenkirchen

  • Geschrieben von Website Editor
Ihlara Tal und seine Byzantinischen Höhlenkirchen

Von Güzelyurt (Provinz Aksaray) kommend stoppen wir am Parkplatz des aufgrund seiner zahlreichen Felsenkirchen bekannten Ihlara Tals (Ihlara Vadisi), das am Eingangbereich durch mehrere Restaurants touristisch geschickt eingerahmt wird.

Schon auf dem Weg ins Tal kann man den Restaurantwerbern kaum entgehen, allerdings ohne die dabei an den Tag gelegte Aufdringlichkeit im Vergleich mit der Riviera Küste. Wir lassen uns nicht aus dem Konzept bringen und beginnen mit dem Abstieg der mehr als 400 Stufen zählenden Treppe in das etwa 15 Kilometer lange und bis zu 150 Meter tiefe Ihlara Tal, das in prähistorischer Zeit vom Melendiz Fluss gegraben wurde.

Im Ihlara Tal, das auch unter dem Begriff Peristrema Tal bekannt ist und zu den Hauptattraktionen Kappadokiens zählt, befinden sich etwa 50 Felsenkirchen und Höhlenbauten, die rechts und links entlang des heute zum Bach verkümmerten Melendiz Su in die Felsen eingetrieben worden sind. Im 7. Jahrhundert hatten Byzantinische Mönche das Tal zwischen den Orten Ihlara und Selime als ihr Siedlungsgebiet entdeckt und begonnen Höhlen in das weiche Tuffgestein zu graben, die dann zu Behausungszwecken und zur Nutzung als Kirchen ausgebaut wurden. Das weiche Tuffgestein war einst durch Eruptionen des in der Nähe befindlichen Hasan Dagi, einem Vulkanberg, entstanden und bot aufgrund seiner Beschaffenheit relativ leichten, einfachen Ausbau im Gestein. Der alte Name Peristrema ist auf die ehemals überwiegend griechischen Bewohner des heute mit dem Namen Belisarma versehenen Ortes auf halber Strecke zwischen Ihlara und Selime liegend, zurückzuführen.

Einmal den Abstieg ins Tal geschafft, ist es herrlich, entlang des Bachverlaufs zu wandern und die fast unberührte Natur im Tal zu genießen. Völlig anders ist plötzlich die Umgebung, ruhig und natürlich, schnell ist die Hektik an den Restaurants vergessen. Nach kurzem Weg bereits stößt man auf die ersten Behausungen und Kirchen, deren Freskenmalerei leider nur allzu oft zerstört wurde. Besonders auf die Augen hatten es blindwütige, dumme Menschen in ihrer Zerstörungswut immer wieder abgesehen.

Zunächst trifft man auf Höhlen und Kirchen, deren Fresken sich gravierend von denen in den Kirchen unterscheiden, auf die man im weiteren Verlauf des Rundgangs trifft. Um Ihlara herum entstandene Kirchen weisen meist östliche Einflüsse aus Persien und Syrien stammend in den Fresken auf, die später auch häufig übermalt wurden. Hintergrund dieser Übermalung war der sogenannte Byzantinische Bilderstreit, der im 8. und 9. Jahrhundert zu heftigen Theologischen Debatten zwischen der damals vorherrschenden Orthodox-katholischen Kirche und dem Byzantinischen Kaiserhaus stattfand. Während eine Partei den Glauben an die Ikonen (Ikonoklasten – Ikonenzerstörer) in den Kirchen mindern wollten, versuche die andere Gruppe das genaue Gegenteil zu erreichen (Ikonodulen – Ikonenverehrer).  Warum es zu diesen Auseinandersetzungen kam, ist bis heute umstritten. Ob hier bereits islamischer Einfluss eine Rolle spielte, ob es der Einfluss des zweiten Gebots oder einfach nur die Einflussnahme des byzantinischen Kaisers war – wahrscheinlich werden wir es nie erfahren.
Sicher ist heute nur der Ausgang des Streits, den die Ikonodulen gewannen und der führte dazu, das viele Spuren und Dokumente der Ikonoklasten beseitigt oder zerstört wurden.

So finden wir, um nur einige Beispiele aufzuführen, die „Kirche unter dem Baum“ (Agaçalti Kilisesi) aus dem 7. Jahrhundert, die kreuzförmig in den Fels gehauen wurde und in deren Kuppel eine Szene der „Himmelfahrt“ dargestellt wird. Die Art der Darstellung weist vorikonoklastische Darstellungen auf, die den Zeitraum des Bilderstreits überdauert haben. Wir gelangen auch zur „Schlangenkirche (Yilanli Kilise), einer weiteren Kreuzkuppelkirche, die mit Höllenszenen in der Vorhalle (Narthes) bemalt ist und wahrscheinlich aus dem 9. Jahrhundert stammt. Die Darstellung von vier unbekleideten Sünderinnen, die von schlangenähnlichen Ungeheuern umgeben sind, sorgte wohl für die Namensgebung. Wir treffen dann auf die „Hyazinthenkirche“ (Sümbüllü Kilise) aus dem 10. Jahrhundert, in der schon deutliche Übergänge zum byzantinischen Stil zu erkennen sind. Hier erkennt man den Kaiser Konstantin neben seiner Gattin Helena in den Fresken.

Je weiter wir in das Tal in Richtung Belisarma vordringen, je deutlicher wird die Handschrift des byzantinischen Einflusses des 10. und 11. Jahrhunderts, was insbesondere in der dreischiffigen Kreuzkuppelkirche zu sehen ist, die mit „Pfeilerkirche“ (Direkli Kilise) bezeichnet wird. Heiligenporträts schmücken die vier hohen Säulen, die das Gewölbe tragend unterstützen. Angeblich hat der Byzantinische Kaiser Basileios II (976 – 1025) diesen Kirchenbau gestiftet wie aus Inschriften hervorgeht, die man im Ihlara Tal gefunden hat. Etwas weiter stößt man auf die Ruinen der Kreuzkuppelkirche „Kirche mit der schwarzen Bresche“ (Karagedik Kilisi) aus dem 11. Jahrhundert, deren 4 Pfeiler zwar noch gut erhalten sind aber deren Malereien fast vollständig zerstört sind. Diese Kirche war einst aus Ziegel und Trachytblöcken errichtet worden, also nicht in die Felsen eingeschlagen.

Aufgrund von gefundenen Inschriften kann die „Kirche unter 40 Dächern“, die auch St.-Georgs-Kirche (im Türkischen Kirkdamalti Kilisi) genannt wird, den Jahren von 1283 bis 1295 zugeordnet werden. Bis zur Wiederbelebung des Kirchenbaus durch hier lebende Griechen zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist die St-Georgs-Kirche somit das letzte christliche Kirchenbauwerk im Ihlara Tal gewesen. Noch gut zu erkennende Freskenmalereien zeugen von einem friedlichen Nebeneinander von Moslems und Christen zu dieser Zeit, denn neben dem Heiligen Georg ist auch der byzantinische Konsul Basileos Giagupes in seldschukischer Tracht mit seiner Frau Thamar zu sehen, der auch Emir in der Region war. Inschriften erwähnen den seldschukischen Sultan Musud II sowie den Byzantinischen Kaiser Andronikes II gleichberechtigt direkt nebeneinander.

Mit einer Vielzahl von Eindrücken wandern wir durch das Tal bis zur Eingangstreppe zurück und diesmal ist auch der bereits wartende Animateur des Restaurants erfolgreich. Nach diesen vielen Impressionen ist es geradezu ein Muss, den Tag mit Blick auf das Ihlara Tal ausklingen zu lassen.

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