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Albaniens Bunkergeschichte - das Bunk´Art Museum Tirana

  • Geschrieben von Portal Editor
Albaniens Bunkergeschichte - das Bunk´Art Museum Tirana

Wann immer in Gesprächen der Name Albanien fällt, tauchen unmittelbar zunächst zwei Thesen auf, die wir aufgrund unserer Erfahrungen während der Reisen durch das Land nicht widerspruchslos teilen können: "mafiöse Strukturen in Politik und Wirtschaft" und "überall Bunker".

Wir haben unseren Besuch in Tirana auch dazu genutzt, uns mit dem zweiten Begriff "überall Bunker" einmal etwas näher zu beschäftigen, denn in Albanien entstanden vor allem zwischen 1972 und 1984 tatsächlich an die 200.000 dieser angesprochenen Bunker. Diese Bunker sollten der Verteidigung des Landes im Falle einer Invasion durch ausländische Truppen dienen und so wurden die noch heute oftmals gut sichtbaren runden und an Pilze erinnernden Pillbox-Bunker zusammen mit anderen Bunkerbauten die bedeutendste militärische Anlagen, die während des kommunistischen Regimes in Albanien gebaut worden sind. Sie prägten während der 1980er und 1990er Jahre vielerorts das Landschaftsbild und sind auch heute noch häufig zu sehen.

Nachdem Albanien 1961 mit den sozialistischen Staaten Osteuropas gebrochen hatte und 1968 als Reaktion und Protest auf den Einmarsch der Russen in die Tschechoslowakei aus dem Warschauer Pakt ausgetreten war, fürchteten die Machthaber in Tirana, dass auch Albanien von den ehemaligen kommunistischen Verbündeten besetzt werden könnte. Neben den Revisionisten im Osten fürchteten die Albaner schon seit Längerem die amerikanischen und britischen Imperialisten im Westen. Alle Nachbarn betrachtete man in Albanien als Feinde: Mit Griechenland im Süden war man noch immer im Kriegszustand, mit den Jugoslawen im Norden war das Verhältnis ebenfalls sehr angespannt und Italien im Westen jenseits der Adria hatte Albanien 1939 schon einmal überfallen. Über das Meer kamen in den 1950ern auch immer wieder Agenten und antikommunistische Widerstandskämpfer, die von den USA und Großbritannien unterstützt wurden. Die Regierung  unter Enver Hoxha erachtete es als dringend notwendig, sich gegen eine eventuelle Invasion vorzubereiten, wobei man nicht nur in Kriegszeiten selbst versorgend sein musste.

„Das Vaterland zu verteidigen ist eine Pflicht über allen anderen Pflichten.“  – Albanische Staatspropaganda in den 1970ern

Der Personenkult um Enver Hoxha, dessen Paranoia aus Angst vor ausländischen Intrigen und Verschwörung stetig zunahm, wurde immer stärker. Ausländische, speziell westliche Einflüsse wurden in allen Lebensbereichen und insbesondere auch in der Kultur offen bekämpft; höchsten Militärs wurde der Prozess gemacht, zum Beispiel dem Verteidigungsminister Beqir Balluku, der mit den Chinesen Pläne vorbereitet hatte, die vorsahen, sich bei einem Angriff in die Berge zurückzuziehen. Hoxha hingegen vertrat den Standpunkt, dass jeder Zentimeter albanischen Bodens verteidigt werden müsse.

Ziel Hoxhas entsprechend war es, für je vier Albaner einen Bunker zu bauen, also insgesamt 750.000 Stück. Unbelegt ist, ob diese Zahl auch erreicht worden ist. Die genaue Zahl ist unbekannt. Schätzungen reichten von 350.000 Bunkerbauten bis 745.145 Bunker und mehr. Auf einer 2014 aufgetauchten Liste war vermerkt, dass bis 1983, also kurz vor dem Ende der Hauptbauphase, lediglich 173.371 Befestigungsanlagen errichtet worden sind.

Diese vielen Bunker, eine Altlast, die das Land bis heute prägt, unterstrichen die xenophobische Parteidoktrin der ständigen Gefahr durch das Ausland und die Isolationspolitik des Landes. Vor allem war es aber eine teure Herausforderung für die schwache, unterentwickelte und auf Autarkie ausgerichtete albanische Volkswirtschaft. Der notwendige Stahlbeton hätte dringend im Häuserbau oder für andere Infrastrukturprojekte gebraucht werden können.

Mit der Eröffnung zweier Bunker-Museen wird ein anderer Blickwinkel auf die dunkle Seite der Geschichte Albaniens möglich, denn in der Hauptstadt Tirana wurden zwei bedeutende Bunker der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, da das Land nicht nur seine kommunistische Vergangenheit zunehmend stärker erforscht sondern diese Geschichte auch kulturell präsentiert.

"Wir hoffen, den Albanern zu helfen, sich mit ihrer eigenen Geschichte und ihrer eigenen Vergangenheit zu versöhnen", sagte Carlo Bollino, Kurator von Bunk'Art. "Es kann kein Bewusstsein für Ihr eigenes Geschick und Vertrauen in die Zukunft geben, ohne den Boden zu kennen, in dem Ihre eigenen Wurzeln gepflanzt stecken."

Mit dem Bunk'Art Museum, der als Unterschlupf und Schutz für Enver Hoxha und seine Unterstützer am Rande der Hauptstadt Tirana gebaut worden war, ist eine Präsentation der eigenen Geschichte in dem riesigen Bunker geschaffen worden, die wohl nur mit einzigartig umschrieben werden kann.

Allein die Zufahrt zum offiziellen Ticketbüro wird erst durch das Durchfahren eines 200 Meter langen Tunnels möglich, begleitet von unheimlich schauerlicher Musik, die durchaus als Bedrohung wirken kann. Dann steigen wir durch dicke Betontüren (vier Türanlagen direkt hintereinander) in den fünfstöckigen Bunker hinein - gleich zu Beginn eine Tafel, das die Besucher warnt, nicht in Panik zu verfallen, da die Lichter jederzeit ausfallen könnten.

Einige der unzähligen Räume werden verwendet, um die Geschichte der Zeit des Diktators Hoxha durch Fotos, Gegenstände und Dokumente zu erzählen. Andere Räume werden für Kunstausstellungen verwendet, aber die meisten sind komplett leer. Im Herzen des Bunker ist eine Versammlungshalle, die für die Hoxha-Regierung im Bunkerversteck eingebaut wurde, aber jetzt für Jazzkonzerte verwendet wird.

Welch schauerliche Einrichtungen, die einmal mehr zeigen, wie weit es das menschliche Gehirn treiben kann, wenn es niemanden gibt, der Einhalt gebietet.

Die Anfahrt in den Bunker zur Nutzung der Parkplätze ist Höhenbeschränkt aufgrund des Tunnels! Bitte beachten!

Hier die Koordinaten (der Link führt direkt zu google maps)

41°20'59.7"N 19°51'37.4"E BunkÁrt Museum
41.349924, 19.860395

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