Gjirokastra Weltkulturerbe – ein Ausflug ins Landesinnere
Nach zwei herrlichen Tagen am Syri I Kalter, dem wohl bekanntesten Zielort in Albanien, mal ganz abgesehen von den Ferienorten an der Küste, wollten wir unsere Tour ins Landesinnere in das Bergstädtchen Gjirokastra fortsetzen.
Gjirokastra, ursprünglich wohl die Siedlung Antigoneia, etwa 6 Kilometer vom heutigen Stadtzentrum Gjirokastras entfernt, ist eine der ältesten Städte des Landes und das wohl wichtigste kulturelles Zentrum Südalbaniens, zumal der Ort seit 2005 UNESCO Welterbestadt ist. Wenn auch vielfach umstritten.
Ursprung Gjirokastras wohl Antigoneias am Drino
Der so genannte Burgfelsen bei Gjirokastra, der das ganze Tal dominiert, wurde vermutlich schon im 3. Jahrhundert vor Christus erstmals besiedelt. Mit Mauern befestigt wurde die Anlage im 6. Jahrhundert als andere Orte im Drino-Tal wie das antike Antigoneia langsam an Bedeutung verloren. Die antike Stadt ist heute eine archäologische Ausgrabungsstätte am Abhang des Lunxhëria-Berges beim Dorf Saraqinishta auf rund 600 Metern Höhe. Antigoneia wurde schon von den Illyrern besiedelt, als die Stadt in der frühen hellenistischen Zeit neu gegründet wurde. Teils wird diese Neugründung dem makedonischen König Antigonos II. Gonatas zugeschrieben, als wahrscheinlicherer Gründer gilt jedoch der epirotische König Pyrrhos I, der die Stadt dann nach seiner Frau Antigone benannt hätte. Nach der Eroberung durch die Römer im Jahr 167 vor Christus. wurde die Stadt niedergebrannt und nie wiederaufgebaut.
Die historischen Ruinen Antigoneias stehen heute als archäologischer Park unter dem Schutz der Regierung Albaniens. Zu den ausgegrabenen Ruinen zählen Reste der Akropolis, die vier Kilometer lange Stadtmauer, Gebäude der Agora, Basiliken und einige Wohnhäuser. Wer sich für die Antike interessiert, sollte hier etwas Zeit verbringen und sich umschauen.
Gjirokastra zur Zeit der osmanischen Besatzung
1417 wurde Gjirokastra von der Armee des Osmanischen Reichs erobert. Die beherrschende Familie blieb aber weiterhin die der Familie Zenevisi, die bald nach der türkischen Eroberung zum Islam übergetreten waren. Ende des 16. Jahrhunderts waren die Christen allerdings noch immer in der Mehrheit. In einem Defter von 1583 wurden knapp 80 muslimische und über 230 christliche Haushalte gezählt. Im Laufe des 17. Jahrhunderts kehrte sich dieses Verhältnis um. 1419 erklärten die Osmanen Gjirokastra zur Hauptstadt des Sandschaks (Hauptstadt) von Albanien. 1466 verlor die Stadt diese Funktion an Berat. 1432 gab es eine antiosmanische Revolte der Bevölkerung, die im Jahr darauf von Turahan Bey niedergeschlagen wurde.
Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs war die Stadt wie ganz Nord-Epirus heftig zwischen Albanien und Griechenland umstritten. 1914 rief die griechische Minderheit Südalbaniens in Gjirokastra die Unabhängigkeit der Autonomen Republik Nordepirus aus, die jedoch kurzlebig war. 1925 zog Griechenland jegliche territoriale Forderungen an Albanien zurück.
Gjirokastra unter Enver Hoxha
Nach der Machtergreifung der Kommunisten rief der in Gjirokastra geborene Anführer Enver Hoxha (1908–1985) zu Kriegsende zweiter Weltkrieg die Sozialistische Volksrepublik Albanien aus. Während der sozialistischen Geschichte der Stadt setzte die Industrialisierung ein, und Gjirokastra wurde zu einem überregionalen Handelszentrum. Die kommunistische Regierung erklärte sie 1961 zur „Museums-Stadt“. Dadurch entging das mittelalterliche Stadtbild einer radikalen Veränderung.
Mit dem Fall der Diktatur wurden auch die wenigen Fabriken geschlossen, und die Leute waren gezwungen, anderswo Arbeit zu suchen. Heute sind viele auch in der Landwirtschaft, Viehzucht, im Handel und in den Dienstleistungen tätig. Als möglicher Wirtschaftssektor der Zukunft wird der Tourismus angesehen, der immer wichtiger für die Stadt wird. Die Zahl der Besucher steigt jährlich kontinuierlich an. So waren 2004 nicht einmal 1000 Besucher auf der Burg gezählt worden; 2011 waren es schon 25.000.
Gjirokaster – Imposante Altstadt und Burganlage
Die heute älteren Quartiere der Stadt Gjirokasters sind am steilen Hang des Mali i Gjerë auf bis zu 480 m ü. A. erbaut. Neuere Stadtteile ziehen sich abwärts bis zu den kleinen Gewerbegebieten am Flussufer des Drino auf 190 m. Durch die Stadt fließen einige weitere kleine Bäche von Südwesten Richtung Nordosten, die unterhalb von Gjirokastra in auch in den Drino münden. Bei starkem Niederschlag schwellen sie stark an und treten gelegentlich über die Ufer, wie uns Anwohner berichteten.
Den Beinamen „Stadt der Steine“ verdankt Gjirokastra seinem einzigartigen Stadtbild. Markante, kleinen Trutzburgen ähnelnde Häuser prägen seit Jahrhunderten die Viertel um die Burg, die heutige Altstadt. Bedeckt mit Steinplatten aus den nahen Gebirgen dienten die Dächer früher dazu, die Innentemperatur der Häuser zu regulieren.
Dies war für das Leben in dieser klimatisch kontinental geprägten Landschaft sehr von Vorteil. So blieben im Sommer die Häuser recht kühl, während im Winter große Kälte verhindert werden konnte. Ein anderer Grund für das Benutzen von Steinmaterial für die Dächer war, dass andere Materialien wie Ziegel viel teurer waren und Stein in der Umgebung reichlich vorhanden war. Weiße Außenfassaden, hohe Holzfenster sowie viele kleine Innenhöfe mit riesigen hölzernen Hoftoren charakterisieren das Altstadtbild. Entlang der steilen Hänge führen enge, kunstvoll gepflasterte Gassen, die die verschiedenen Viertel untereinander verbinden und im 18. Jahrhundert angelegt wurden.
Der Stil der Häuser ist als sogenannte „Balkanarchitektur“ auch in ähnlich geschlossener Form in anderen Städten des südlichen Balkans zu finden wie beispielsweise in Berat (Mittelalbanien), Ohrid (Südwestmazedonien), Weliko Tarnowo (Nordbulgarien) und Metsovo (Nordwestgriechenland). Viele Häuser werden heute nur schlecht unterhalten und verfallen allmählich.
Die Schäden vom Lotterieaufstand im Jahr 1997 sind in den 2000er Jahren behoben worden. Bereits 1988 wurde die Aufnahme der Museumsstadt von Gjirokastra in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes beantragt, aber wegen einiger moderner Bauten, die den Charakter der Altstadt störten, abgelehnt.
Die Eintragung als ein seltenes Beispiel einer gut erhaltenen Stadt aus der Zeit der Osmanen erfolgte dann 2005. Girokastra biete ein außergewöhnliches Zeugnis für die von der islamischen Kultur geprägte Gesellschaft. 2008 wurde die Welterbestätte um die Altstadt von Berat erweitert.
Gjirokastra beherbergt viele osmanische Moscheen und christlich-orthodoxe Kirchen. Gut erhalten ist die Basar-Moschee; ein weiteres Kulturdenkmal ist die Tekke-Moschee. Ein Nachbau eines typischen Bürgerhauses ist das Ethnographische Museum, andere Bürgerhäuser sind noch original erhalten und können zum Teil besichtigt werden, so zum Beispiel das Zekate-Haus. Bedeutend für die Bektaschi in Albanien ist die alte Tekke von Zall am südlichen Stadtrand, eine von mehreren Tekken der Stadt.
Gjirokastra – Verkehrsanbindung aus touristischer Sicht
Unterhalb der Stadt in den neueren Quartieren verläuft die Nationalstraße SH4. Sie verbindet das wirtschaftliche Zentrum Albaniens, den Ballungsraum Tirana-Durrës, mit dem griechischen Grenzübergang Kakavija. Der Grenzübergang ist nur 36 Kilometer entfernt. Bei Jergucat südlich von Gjirokastra zweigt von der SH4 die Nationalstraße SH72 ab, die über den Pass Qafa e Muzinës nach Delvina und weiter nach Saranda am Ionischen Meer führt.Damit ist Gjirokastra auch von den Plätzen der Camper-Route aus gut erreichbar.
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