Tüchersfeld in der Fränkischen Schweiz

Tüchersfeld in der Fränkischen Schweiz

Ein sogenannter Brückentag (zwischen einem Feiertag und einem Wochenende liegend) ermöglichte es uns, einen kurzen Kennenlernen Trip in die Fränkische Schweiz zu unternehmen, wo wir uns noch dazu mit einen langjährigen Geschäftspartner aus Halle, also fast auf halber Strecke, treffen wollten.

Am späten Vormittag machten wir uns von Albertshofen kommend auf den Weg. Zunächst Richtung Ebrach ging es dann über Bamberg hinein in die Fränkische Schweiz. Als ersten Zielort hatten wir uns für Waischenfeld entschieden, wo wir auch nach einer Übernachtungsmöglichkeit fragen wollten. Es zeigte sich jedoch schnell, dass alle Pensionen und Unterkünfte, die wir uns vorab gegoogled hatten, längst von Wanderern, Motorradfahrern oder Mountainbikern ausgebucht waren. Wir waren doch etwas überrascht, denn  mit so viel Ansturm auf die Fränkische Schweiz hatten wir einfach nicht gerechnet.

Von Waischenfeld aus befuhren wir dann die Staatsstraße 2191, die uns immer entlang der Wiesent durch das herrlich grüne Flusstal führte. Hier sind uns auch gleich die unzähligen Fliegenfischer aufgefallen, die entlang des Flusslaufs auf ihr Anglerglück hofften. Es war interessant zu beobachten, wie geschickt sich die hier ausschließlich aus Männern bestehenden Fliegenfischer im Auswerfen der Angelschnüre verhielten. Uns faszinierte die Geschicklichkeit, auf die wir deshalb in einem gesonderten Artikel noch Bezug nehmen wollen. An der Behringersmühle bogen wir dann nach links auf die 470 nach Tüchersfeld im Püttlachtal ab. Für alle Naturliebhaber oder Wanderer sei gesagt, das sich direkt gegenüber der Abzweigung ein großer Parkplatz befindet, von dem aus die Ortsmitte gut zu erreichen ist.  Wer sich zunächst einen Überblick über den Ort verschaffen möchte, dem sei der Höhenwanderweg empfohlen, der vom Parkplatz aus auf eine Aussichtsplattform über der Ortschaft Tüchersfeld führt. In knapp 15 Minuten hat man den Aussichtspunkt erreicht, der einen herrlichen Blick auf den sogenannten „Judenhof“ ermöglicht, dem wohl interessantesten Gebäudeensemble in Tüchersfeld mit kleinem Museum, aufgeteilt auf die verschiedenen Gebäudeteile.

Der sogenannte, ehemalige Judenhof ist eine Gebäudegruppe aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die von Juden auf dem Gelände der Unteren Burg errichtet worden waren. Bis 1860 von 18 jüdischen Familien bewohnt, danach häufig wechselnden Nutzungen ausgesetzt, ist der Gebäudekomplex von 1978 bis 1982 instand gesetzt worden. Hier ist das Fränkische-Schweiz-Museum untergebracht. In über 40 Ausstellungsräumen präsentiert das Museum im historischen Gebäudeensemble des Judenhofs Geschichte und Besonderheiten der Fränkischen Schweiz. Bemerkenswert ist die Synagoge aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (um 1763) mit ihrem schlichten, spätbarocken Stuckrahmen an der Decke; von der einstigen Ausgestaltung ist nach jahrzehntelanger Zweckentfremdung nur noch wenig zu erkennen. Der Judenhof in Tüchersfeld mit seinem mächtigen Felsblock im Hintergrund gilt als Wahrzeichen der Region.
Gleich nach dem Betreten des Museums trifft man auf einige außergewöhnliche große Exponate von  Fossilien worunter sich auch eine Krokodilart befindet, die man bislang nur in drei Exemplaren nachgewiesen hat. Weitere Fossilien bezeugen die reiche Tierwelt der Region von vor 200 Millionen Jahren. Weiter geht es mit Werkzeugen aus der Zeit der Neandertaler bis hin zu Werkzeugen und Zunftzeichen der letzten Jahrhunderte. Sehr interessant ist auch, dass es hier in der Region durchaus üblich war, fast menschlich wirkende Wachsfiguren als Nachbildung echter Menschen zu fertigen. Wir kannten diese Art der Wachsfiguren bislang nur aus den Museen der Madame Tussauds in London.

Im Rahmen von Wallfahrten erbat man vor dem Gnadenbild Fürsprache bei Erkrankung eines Kindes. Nach erfolgter Erhörung wurden dann die lebensechten Figuren angefertigt und – in Kästen aufbewahrt – in der Wallfahrtskirche aufgestellt. Oftmals mit Namen und Anlass für die Stiftung versehen, blieben sie dort über Jahrzehnte stehen. Diese lebensgroße Darstellung der Votanten als realistische Wachsfiguren findet man nur in Franken. Ein Zentrum der Verbreitung liegt in Gößweinstein, wo sich in der dortigen Wachskammer mehr als 80 Votive erhalten haben, deren älteste Figuren aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammen. Ein  Großteil der Stifter entstammt dem dörflichen oder kleinstädtischen Umfeld, worauf die Inschriften hinweisen. Auch die Krankheiten, die Anlass zu den Darstellungen der Wachsfiguren gaben, werden benannt, oftmals sind es Lungenentzündung und / oder Wundstarrkrampf.

Wir erfahren hier auch etwas zur Entstehungsgeschichte dieser markanten Felsen, die den Ort Tüchersfeld und die ganze Region Fränkische Schweiz so einzigartig machen. Einstmals ein riesiges Meer, entstand durch die Hebung der  Frankenalb im Jungtertiär und der darauffolgenden Sand- und Gesteinserosion über die Jahrtausende hin die eindrucksvolle Landschaft mit tief eingeschnittenen Flusstälern, riesigen Felsstürzen und Höhlen, die heute touristisch genutzt werden.

Natürlich wollen wir uns das Felsensemble, das fast so etwas wie die Rückwand des Judenhofs bildet, auch gern von oben ansehen. Also zurück zum Parkplatz und hinauf auf die Aussichtsplattform am Ende des Höhenwegs. Etwas schwer zu begehende Stufen aufgrund der großen Auftrittshöhe lassen den Puls dann doch schneller werden. Aber relativ flache Geländestücke zwischendrin sorgen für Erholung. Kurz vor der Plattform geht es noch durch ein Fels Tor, wo dann doch ein wenig geklettert werden muss. Zur Unterstützung und zum Festhalten gibt es allerdings starke Seile, an die man sich anhängen kann. Der Ausblick ist dann dafür einzigartig. Ganz Tüchersfeld lässt sich überblicken und auch der Judenhof liegt direkt vor den Füßen, halt nur etwas tiefer. Erst unsere gerade eintreffenden Gäste, die wir von hoch oben begrüßen können, lassen uns den Rückweg antreten.

Als wir später am Abend noch einmal Tüchersfeld passieren, sehen wir einen Teil des Judenhofs und den dazugehörigen Felsen nächtlich erleuchtet. Da kaum Wolken am Himmel sind und die Sonne noch nicht komplett untergegangen ist, ergibt die Szenerie ein herrliches Foto. Nun wird es allerdings Zeit, sich dringend um eineUnterkunft zu kümmern.

Wir empfehlen den:

Reiseführer Fränkische Schweiz – Bamberg, Bayreuth

Als die erste Auflage des heutigen Standardwerks zur Fränkischen Schweiz herauskam, löste das Buch einen kleinen Skandal aus. 1984 wollte man noch nichts von allzu kritischen Reiseführern wissen …
Mehr als drei Jahrzehnte später ist der damals erste Individualreiseführer über eine deutsche Region genau das geblieben, was er schon immer war: ein guter Freund in der Tasche. Mit dem Unterschied, dass Michael Müller und Hans-Peter Siebenhaar heute »wesentlich mehr zu loben« haben (O-Ton der Autoren). Denn: Die Fränkische Schweiz hat sich geöffnet und ist regional-liberaler geworden.

Hans-Peter Siebenhaar, Michael Müller Verlag, 312 Seiten, farbig, 133 Fotos, herausnehmbare Karte (1:130.000), 22 Detailkarten, ISBN 978-3-96685-, 13. Auflage 2021079-7, Buch: 17,90 EUR

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