Warften oder Wurten - uralte Siedlungshügel

Warften oder Wurten

Nicht zu Unrecht behauptet man vom hohen Norden, das Land sei so "platt", das man am Freitag schon sehen könnte, wer am Sonntag zu Besuch kommt.

Eine interessante Formulierung, die sicherlich, wie viele Sprüche in unserem täglichen Sprachgebrauch, auch ein Quäntchen Wahrheit enthalten werden.

Wann immer es Sprüche dieser Art gibt, stellt sich für uns parallel auch die Frage nach der Siedlungsgeschichte auf dem "platten" Land vor allem in Hinsicht auf den Schutz vor Sturmfluten. Dies insbesondere aufgrund der Kenntnis, das noch heute Ebbe und Flut kräftig zur Gestaltung des Landes beitragen und Deiche erst ab dem 11. Jahrhundert im größeren Stil gebaut wurden. Unsere Besuche in Dangast aber auch in Neustadtgödens hatte die Probleme der Besiedlung im Norden bereits anklingen lassen, so waren uns besonders die Pegelmarken der Sturmfluten im Gedächtnis verblieben. Wie also konnten sich die Siedler auf den fruchtbaren Marschgebieten ansiedeln?

Schutz von Menschen und Tieren bei Sturmfluten

Grundsätzlich eine Frage, die recht leicht zu beantworten ist, wenn man sich an die eigene Kindheit und an das Strandburgenbauen erinnert: man schüttet einfach einen Hügel auf. Und tatsächlich wurde diese "Technik" zur Besiedlung der flachen Küstenzonen recht intensiv genutzt. Waren es zunächst künstlich aufgeschüttete Siedlungshügel für Einzelgehöfte, gab es später auch umfangreiche aus Erde aufgeschüttete Siedlungshügel, die groß genug für kleine Dorfstrukturen waren und so dem Schutz von Menschen und Tieren bei Sturmfluten dienten. Je nach Region, in der man sich aufhält, wurden diese künstlichen Erdhügel mit Warft, Warf, Warften, Wurt, Terpe oder Wierde bezeichnet. So ist es denn auch nicht verwunderlich, das diese Begriffe noch heute in einigen Ortsbezeichnungen wieder zu finden sind: Sengwarden, Fedderwarden oder Eckwarden.

Archäologische Untersuchungen von Warften und Wurten

Archäologische Untersuchungen von Warften und Wurten haben gezeigt, das die ersten dieser für das Überleben in den Marschen bei "Lander unter" so wichtigen Hügel bereits um 300 vor Christus angelegt wurden. Bereits der römische Reisechronist Plinius berichtete in seiner Naturalis historia über das Volk der Chauken, das vor 2000 Jahren entlang der Nordseeküste lebte:

„Gesehen haben wir im Norden die Völkerschaften der Chauken, die die größeren und die kleineren heißen. In großartiger Bewegung ergießt sich dort zweimal im Zeitraum eines jeden Tages und einer jeden Nacht das Meer über eine unendliche Fläche und offenbart einen ewigen Streit der Natur in einer Gegend, in der es zweifelhaft ist, ob sie zum Land oder zum Meer gehört. Dort bewohnt ein beklagenswertes Volk hohe Erdhügel, die mit den Händen nach dem Maß der höchsten Flut errichtet sind. In ihren erbauten Hütten gleichen sie Seefahrern, wenn das Wasser das sie umgebende Land bedeckt, und Schiffbrüchigen, wenn es zurückgewichen ist und ihre Hütten gleich gestrandeten Schiffen allein dort liegen. Von ihren Hütten aus machen sie Jagd auf zurückgebliebene Fische. Ihnen ist es nicht vergönnt, Vieh zu halten wie ihre Nachbarn, ja nicht einmal mit wilden Tieren zu kämpfen, da jedes Buschwerk fehlt. Aus Schilfgras und Binsen flechten sie Stricke, um Netze für die Fischerei daraus zu machen. Und indem sie den mit den Händen ergriffenen Schlamm mehr im Winde als in der Sonne trocknen, erwärmen sie ihre Speise und die vom Nordwind erstarrten Glieder durch Erde (damit ist die Nutzung von Torf als Brennmaterial gemeint). Zum Trinken dient ihnen nur Regenwasser, das im Vorhof des Hauses in Gruben gesammelt wird.“ – Plinius: Naturalis historia XVI 1, 2-4

Nordwestdeutsche Seemarschen in Meeresnähe als erste Siedlungen

Forschungen haben nachweisen können, das sich die Höhe des Meeresspiegels im Laufe der Zeit immer wieder für Epochen veränderte, mal gibt es Zeiten hoher Wasserstände, dann wieder geringe Wasserstände. So lässt sich heute sagen, des es um die Zeitenwende eine Phase relativ niedrigen Meeresspiegels gegeben hat, wodurch sich Siedler vielerorts weit vordringend in den nordwestdeutschen Seemarschen in Meeresnähe ansiedelten. Mit dann wieder ansteigenden Sturmflutpegeln wurde klar, das die Siedlungshöfe erhöht werden müssen, um nicht in den Fluten unterzugehen.

Erste Warften entstanden, die meist aus Mist und Klei in Kreisform errichtet wurden, auf die dann das Wohngebäude aufgesetzt wurde. Meist nur etwa einem Meter über Geländeniveau hoch, boten diese Erdhügel zumindest einen gewissen Schutz vor dem Hochwasser. Durch die weitere Erhöhung entstanden Hof- oder auch Kernwurten verstreut entlang der Meeresküste. Aus dem Zusammenschluss mehrerer Einzelhügel zu einer Dorfwurt bildeten sich im 2. und 3. Jahrhundert nach Christus größere Wurtendörfer auf meist um 4 Meter erhöhten Flächen gegenüber dem Umland heraus.

Neubesiedlung des Küstengebiets durch Friesen und Sachsen

Nachdem viele dieser alten Wurten meist im 4. und 5. Jahrhundert wieder aufgegeben wurden, begann eine Neubesiedlung des niedersächsischen und schleswig-holsteinischen Küstengebietes durch Friesen und Sachsen im 7. Jahrhundert. Erneut entstanden in einer Phase eines niedrigen Meeresspiegels Flachsiedlungen, die im 9. Jahrhundert wiederum zu Wurten erhöht werden mussten, da erneut der Meeresspiegel anstieg. Während des 1. Jahrtausends wurden Warften mit Mist und eventuell einer Abdeckung mit Kleisoden hergestellt, seit dem 11. Jahrhundert wurde hauptsächlich mit Klei aufgewarftet und die entstandenen Hügel boten bis dahin den einzigen Schutz vor Sturmfluten. Auf den Halligen sind sie bis heute der einzige Hochwasserschutz.

Warftendörfer in der Gemeinde Krummhörn

Eine große Ansammlung alter Warftendörfer in Ostfriesland bietet die Gemeinde Krummhörn, insbesondere durch das Dorf Rysum. In Friesland liegen zahlreiche Wurten im Wangerland, wie beispielsweise Minsen. Wurtendörfer haben einen ähnlichen Aufbau wie ein Rundlingsdorf im Binnenland. Ihre Höfe sind kreisförmig auf dem Hügel angeordnet und stehen mit der Stirnseite am Wurtfuß nach außen. Um die Wurt führt ein Ringweg. Von der Mitte der Anlagen verlaufen strahlenförmig Fußwege nach außen, die sich als Feldwege in der Flur fortsetzen.

Das Dorf Ziallerns bei Hohenkirchen

Da der gesamte Hügel wie ein Schwamm wirkt, gibt es in allen Siedlungen eine teichartige Vertiefung als Regenwassersammelstelle, den sogenannten Fething. Daraus schöpften die Bewohner Trinkwasser für das Vieh. Vor der Periode des Deichbaus wurden Wurten von Meerwasser umspült, so dass keine Brunnen außerhalb der Wurt gegraben werden konnten. Das Trinkwasser für die Bewohner wurde in einem besonderen Behälter gesammelt, dem so genannten Sood, in den das Regenwasser von den Dächern geleitet wurde. Ein gut erhaltendes Wurtendorf im Wangerland ist das Dorf Ziallerns bei Hohenkirchen. Es wurde bereits 1937 unter Denkmalschutz gestellt, so dass die alte Struktur der Wege und Höfe erhalten blieb.

Regenwassersammelstelle auf jeder Wurt

Wir nutzen unseren Aufenthalt in Friesland auch zum Besuch des Warftendorfes Ziallerns, das wir auf etwa halber Strecke zwischen Jever und Carolinensiel erreichen. Bereits von Ferne kann man deutlich die Höhe des sich aus der Landschaft heraushebenden Dorfes erkennen. Ein schmaler Straßenring führt um das gesamte Dorf herum, das wir entsprechend zunächst umfahren. Die teilweise modernen Wohnhäuser erstrecken sich entlang des Fahrwegs, allerdings immer zum Warftenhügel hin ausgerichtet. Dann stellen wir das Fahrzeug ab und erkunden das Dorf zu Fuß. Schmale Fußwege, die deutlich zum Mittelpunkt hin ansteigen, durchkreuzen das Dorf, in dessen Mittelpunkt sich auch die Regenwassersammelstelle befindet, über die jede Wurt verfügt. In einem früheren Arbeiterhaus gibt es ein Wurteninformationszentrum stellvertretend für die vielen gleichartigen Dorfanlagen im Wangerland. Es ist recht beeindruckend, wenn man sich überlegt, das die Menschen seiner Zeit sich allein auf die Höhe des Dorfhügels verlassen haben, um Sturmfluten zu überstehen.

Erhöhter Dorfplatz mit Kirche

Ebenfalls im Wangerland liegt das Warfendorf Wüppels. Um den Dorfplatz herum stehen Kirche, Schule, Dorfkrug, Armenhaus, Küsterhaus und Pastorei. Häufig findet man in Norddeutschland die Kirche auf dem höchsten Punkt der Warft, die damals regelmäßig auch der letzte Fluchtpunkt der Menschen bei Sturmflut war (siehe die Kirchen in Cleverns oder Sillenstede). Auf den Halligen, die höchstens mit einem Sommerdeich geschützt sind, sind Warften noch heute unverzichtbar. Die Warft mit der größten Fläche ist mit drei Hektar die Hanswarft auf der Hallig Hooge. Die jüngste Warft ist die nach fünfjähriger Bauzeit 1896 fertig gestellte Neupeterswarft auf Langeneß; sie ist allerdings seit 1962 verlassen, als das dortige Wohngebäude bei einer Sturmflut zerstört wurde.

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