Carolinensiel – schwimmender Weihnachtsbaum Alter Hafen

schwimmender Weihnachtsbaum Carolinensiel

Trotz rauen Windes und niedrigen Temperaturen ein schöner Ausgleich, denn während des Kaffees führte hatte unser Gespräch auch zu Themen wie Weihnachts- oder Christkindlesmärkte in Deutschland geführt.

Neben den zahlreichen, teilweise von uns selbst besuchten Weihnachtsmärkten, erfuhren wir so auch einige Details zu uns bislang unbekannten Orten und seinen Besonderheiten. Dazu sollte auch der Weihnachtsmarkt von Carolinensiel, einem im Jahr 1730 gegründeten Siel- und Fischerort hoch im Norden in Ostfriesland zählen, wie wir bei unserem späteren Besuch selbst erfahren sollten.

Goldene Tinte bestimmt die Grenzlinie

Wo heute ausgedehnte Marschweiden liegen befand sich noch vor wenigen Jahrhunderten ein Ausläufer der Nordsee, die sogenannte Harlebucht. Diese Bucht erstreckte sich vom heutigen Neuharlingersiel bis nach Minsen und von Funnix bis nach Werdum. Mit der zunehmenden Eindeichung im 15. Jahrhundert ging systematische Landgewinnung einher und so konnten nach und nach der Nordsee fruchtbare Marschböden abgerungen werden. Um auch zukünftig Streitereien aufgrund der neu hinzugewonnenen Landflächen zu vermeiden, einigten sich Fürstin Christine Charlotte von Ostfriesland und Graf Anton Günther von Oldenburg, der auch Herrscher über Jever war, auf einen Grenzverlauf, der noch heute als „Goldene Linie“ bezeichnet wird und immer noch als Grenze zwischen dem ostfriesischen Landkreis Wittmund und dem Landkreis Friesland Bestand hat. Mit Hilfe goldener Tinte wurde auf einer Seekarte von einem Punkt zwischen den Inseln Wangerooge und Spiekerooge eine Linie gezogen, die bis zum Treffpunkt der ostfriesischen mit den jeverschen Deichlinien am Pfahldeich reichte und so südöstlich von Carolinensiel endete. Diese Grenzlinie verläuft heute mittig durch den Hafen von Carolinensiel.

Eindeichungsmaßnahmen im Jahr 1729 abgeschlossen

Um das Jahr 1729 waren die Eindeichungsmaßnahmen weitestgehend abgeschlossen, so das jetzt an der Stelle, wo ein Sieltor zum Abfließen des Wassers aus der Harle sorgte, ein Hafenbecken angelegt werden konnte. Wie in vielen Orten entlang der Küste waren Siele eingerichtet worden, die bei Hochwasser automatisch schlossen und die sich bei Niedrigwasser aufgrund des Wasserdrucks vom Binnenland her  automatisch öffneten, so dass eine Entwässerung des Binnenlandes erfolgen konnte.

Entwicklung zum Sielhafen durch Friedrichschleuse

Zur Belebung des Hafens vergab Fürst Georg Albrecht von Ostfriesland etwa 200 Quadratmeter große Grundstücke um das Hafenbecken herum an insgesamt 23 Neuansiedler. Neben der zehnjährigen Steuerbefreiung erhielt jeder Siedler zur Selbstversorgung zusätzlich 1 – 2 Hektar Land in der Umgebung. Mit der Verteilung der Grundstücke am 16.März 1730 war der Ort Carolinensiel entstanden. Die Ortsbezeichnung entstammt dem Namen der Ehegattin des Fürsten, Sophie Caroline von Brandenburg-Kulmbach. Schnell wuchs der Ort aufgrund des florierenden Hafens auf 750 Einwohner an. Mit dem Bau der Friedrichsschleuse im Jahr 1765 wurde Carolinensiel zum ersten ostfriesischen Sielhafen, der dem Unwesen der Nordsee in Form von Sturmfluten nicht mehr direkt ausgesetzt war.

Napoleon besetzt Norddeutschland

Kleine Frachtensegler mit 3 – 6 Mann Besatzung und nur geringem Tiefgang waren maßgeblich für den Fortschritt im Handel mitverantwortlich, so wurden Agrarprodukte wie Getreide, Gemüse, Kartoffeln und Milchprodukte bis in das Mittelmeer hinein exportiert, Holz, Steine, Kohle und Kolonialwaren aus Großbritannien und Skandinavien wurden importiert. Mit der Besetzung Norddeutschlands durch die Truppen Napoleons im Jahr 1806 kam der Handel fast komplett zum Erliegen. Da Frankreich auch die sogenannte Kontinentalsperre verhängt hatte, blühte der Schmuggel zwischen Helgoland, das damals zu Großbritannien gehörte, und dem Festland. Wichtigstes Schmuggelgut war Tee, das für die Ostfriesen unabdingbar zum Leben gehörte. Trotz drohender Todesstrafe wurde Tee in großen Mengen von Helgoland nach Carolinensiel verbracht.

Badesaison auf Wangerooge ab 1804 bringt Tourismus

Mit der Weiterentwicklung der Dampfschifffahrt und der Eisenbahnen verlor auch Carolinensiel immer mehr an Bedeutung. Lediglich der Fischfang brachte noch ein wenig Ertrag. Kein Wunder, das der Sielhafen mehr und mehr versandete und nur noch eine Entwässerungsrinne bis in das Meer übrig blieb.
Bereits ab 1804 mit der Eröffnung der ersten offiziellen Badesaison auf Wangerooge begann auch der Tourismus in Carolinensiel Einzug zu halten. Fährschiffe nach Spiekeroog und Wangerooge legten an der Friedrichschleuse an und beförderten die ersten Touristen. Abfahrtszeiten richteten sich streng nach den Gezeiten von Ebbe und Flut, ja sogar der Fahrplan des Eisenbahnzubringers war darauf ausgerichtet, nicht ohne Grund spricht man noch heute vom Tidenzug. Immer weiter wurde Neuland gewonnen und Carolinensiel erhielt einen neuen Hafen mit neuen Deichen und Schöpfwerk, den Hafen Harlesiel. Man schuf einen künstlichen Badestrand, errichtete einen Campingplatz, ein Meerwasserfreibad und eine Strandhalle. Selbst einen kleinen Flughafen gibt es heute. Eine weitere Besonderheit ist aber ohne Frage die Möglichkeit, die geschichtliche Entwicklung der Hafenanlagen sowie der Deichbaumaßnahmen noch heute deutlich erkennbar zu erkunden.

Auf zum Hafen von Carolinensiel

Es war schon dunkel als wir uns nach dem Kaffee auf den Weg entlang der Küste nach Carolinensiel machten. Da wir den Ort selbst bereits kannten, war es leicht bis zum Alten Hafen zu finden, wo wir unser Fahrzeug parken konnten. Aufgrund der neuerlichen Eindeichungen in Höhe von Harlesiel ist der Hochwasserschutz in Carolinensiel am Alten Hafen nicht mehr notwendig. So hatten wir gleich nach dem Überqueren der Hauptstraße einen grandiosen Ausblick auf den Alten Hafen, die Weihnachtsbuden an beiden Seiten des Hafens und fast in „Bildmitte“, den riesen Tannenbaum mit seinem Lichterschmuck inmitten des Hafenbeckens. Auch alle an den Kais liegenden Schiffe waren festlich beleuchtet, so dass sich ein wunderbares Panorama bot.

Weihnachtsbaum im Hafenbecken

Zunächst gingen wir durch die Weihnachtsbudenstraße  entlang der linken Hafenkante, wo es die obligatorischen Glühweinbuden, Würstchenbuden und sonstige Verkaufsbuden gab. Auch war hier eine typische Besonderheit Ostfrieslands und Frieslands im Angebot, die für die Region typischen Prüllkers, Prüllerkes oder wie sie auch genannt werden die Schwemmertjes. So einfach und schnell in der Herstellung, sind sie ein typisches Gebäck während der kalten Jahreszeit, einfach lecker, wenn frisch ausgebacken und heiß serviert. Das Rezept dazu unter Prüllkers, Prüllerkes, Bumboisis oder Schwemmertjes.

Fast endlos hätten wir den Fußweg entlang der Harle fortsetzen können, immer wieder gab es festlich beleuchtete Häuser und Bäume. So führte uns der Weg dann auf der anderen Uferseite zurück bis erneut die Weihnachtsbuden am Hafenbecken erreicht waren. Ein wunderbarer Abschluss zum Ende der beiden Weihnachtstage im Alten Hafen von Carolinensiel.

Koordinaten: 53°41'28.3"N 7°48'07.0"E or 53.691198, 7.801944

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