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Wenn Tradition zur Tragödie führt - Ehre - Elif Shafak

  • Geschrieben von Nevfel Cumart
Wenn Tradition zur Tragödie führt - Ehre - Elif Shafak

Elif Shafaks widmet sich in ihrem neuen Roman auf sehr beeindruckender Weise dem Thema „Ehrenmord“

Der folgende Satz ist mit Sicherheit keine Übertreibung: Elif Shafak ist eine der meistgelesenen türkischen Autorinnen auf dem Markt. Ihre Bücher avancieren regelmäßig innerhalb kurzer Zeit zu Bestsellern in der Türkei. Das ist mehr als bemerkenswert und wirft ein sehr positives Bild auf die türkische Leserschaft, die sich in den letzten fünfzehn Jahren immens gewandelt und intellektuell geöffnet hat. Denn auch der folgende Satz ist keine Übertreibung: Elif Shafak ist gleichzeitig eine überaus unbequeme Autorin, die stets das Seichtwasser des literarischen Mainstreams gemieden und ihre Themen überwiegend in der „No-go-Zone“ der Selbstwahrnehmung der türkischen Gesellschaft gesucht und gefunden hat.

Das beste Beispiel hierfür ist ihr Roman „Der Bastard von Istanbul“, in dem sie nicht nur zuhauf die von den türkischen Modernisten diskreditierten „osmanischen“ Wörter und Bilder benutzt, sondern auch die Vertreibung und die Massaker an den Armeniern thematisiert. Deswegen wurde sie in ihrer türkischen Heimat 2006 wegen „Herabwürdigung des Türkentums“ angeklagt und musste sich langwierig vor Gericht verantworten. Erst 2010 wurde sie frei gesprochen.

Hinzu kommt zum Leidwesen der türkischen Nationalisten, dass Elif Shafak ihre Romane seit Jahren in Englisch verfasst. Deren Attacken folgen einer simplen Schlussfolgerung: Wer seine Sprache verrät, verrät auch sein Land – und damit die Nation. Doch so einfach ist es nicht. Wer Elif Shafaks Biographie kennt, wird die Hinwendung zur Weltsprache Englisch nachvollziehen können, denn die 1971 geborene Autorin ist nicht nur im Geiste eine Kosmopolitin. In Strassburg geboren und in Madrid aufgewachsen, studierte und promovierte sie in der Türkei, um später nach Forschungs- und Lehrtätigkeiten an Universitäten in Massachusetts und Michigan für einige Jahre in Tuzcon an der University of Arizona Genderstudies und Interkulturalität zu unterrichten. Zurzeit ist sie „Senior Researcher in Creative Writing“ an der britischen Kingston University und pendelt zwischen London und Istanbul.

 Auch ihr neuer Roman „Ehre“ wird in beiden Lagern, sowohl bei den überzeugten Shafak-Fans als auch bei den Gegnern für Furore sorgen. Der Titel ist gleich Thema, genauer gesagt: Es geht um Ehrenmord. In den Händen einer zweitklassigen Autorin hätte das Thema „Ehre“ leicht zu einem linear erzählten Literatur-Fiasko mit erhobenem Zeigefinder werden können. Elif Shafak hingegen liefert auf über 500 Seiten ein vielschichtiges, komplex strukturiertes Familienepos, das sich von einem Dorf an den Ufern des Euphrat im Jahre 1953 bis hin zum Londoner East End des Jahres 1992 und über drei Generationen hinzieht.

Im Mittelpunkt stehen die beiden Zwillingsschwestern Pembe und Jamila, die in einem kleinen kurdischen Dorf auf die Welt kommen. So innig vereint sie seelisch auch sind, ihre Lebenswege führen sie dennoch auseinander. Jamila arbeitet später in einem unwegsamen Gebiet der Osttürkei als Hebamme, während Pembe mit ihrem Mann Adem und den drei Kindern Yunus, Esma und Iskender auf den Spuren des Brotes nach England zieht. Mit dem Broterwerb des Familienoberhauptes steht es aber nicht zum Guten: Adem verliert seine Arbeit, verfällt der Spielsucht, verliebt sich in die russische Tänzerin Roxana und verlässt die Familie. Iskender, von der Mutter stets als „Sultan“ bezeichnet, übernimmt als ältester Sohn die Führung der Familie.

Gleichzeitig avanciert Iskender zum „Bewacher“ der Familienehre. Diese steht und fällt mit dem Ruf der Frau in der Familie. Als Pembe zufällig den Koch Elias kennen lernt, mit ihm heimliche Augenblicke der Wertschätzung und Zuneigung erlebt, nimmt die Tragödie ihren Lauf. Denn was für den Mann in punkto außerehelicher Affäre allseits geduldet wird, kommt bei der Frau einer Sünde gleich. Iskender ist es auch, der den Ruf der Familie mit dem letzten aller Mittel zu retten versucht und dafür vierzehn Jahre im Gefängnis verbringt.

Elif Shafak zeigt viel Empathie und nimmt sich viel Zeit für ihre Figuren, gewährt den Lesern tiefe Einblicke in deren Seelenleben. Sie zeigt eindringlich auf, wie sehr althergebrachte Traditionen das Leben und Denken der Menschen auch in der Migration prägen und welchen Einfluss von der Religion geprägte kulturelle Werte auf das Familienleben haben. Ohne moralisches Pathos legt sie mit der Kraft ihrer Literatur dar, mit welcher Doppelmoral der überholte Ehrbegriff das Männer- und Frauenbild unterschiedlich prägt und mit welcher Wucht die Übertretung des Moralkodexes geahndet werden kann.  

Elif Shafak verlangt viel von ihren Lesern! Die vielen Figuren mit ihren jeweiligen Handlungs- und Entwicklungssträngen, der ständige Perspektivenwechsel, die unerwarteten Zeitsprünge und Flashbacks sowie ein regelrechter Chor an unterschiedlichen Erzählerstimmen fordern von den Lesern eine hohe Konzentration. Belohnt werden sie mit Literatur auf sehr hohem Niveau, mit einem einfallsreichen Plot und einer überaus poetischen Sprache, die mit einer schier unerschöpflichen Zahl von Bildern aufwartet. Belohnt werden die Leser auch mit einem Ende, das einerseits zwar absehbar in die Tragödie mündet, andererseits auch eine sehr überraschende Volte enthält, die, wenn es überhaupt angesichts des Todes möglich ist, fast zu versöhnen vermag.

Bleibt zum Abschluss noch, dem Kein & Aber Verlag in der Schweiz ein Lob auszusprechen: Es wäre sicher ein leichtes gewesen, um des Effektes willen den Buchumschlag mit einer traurig dreinblickenden Kopftuch-Frau zu zieren, wie es im englischen Original der Fall ist. Stattdessen findet sich auf dem schlichten grünen Cover lediglich das Wort „Ehre“ in goldenen Lettern. Und das ist gut so!

Nevfel Cumart

Elif Shafak: Ehre. Roman. Kein & Aber Verlag; Zürich, 2014. 528 Seiten. 22,90 Euro.

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