Pilger – Haddsch, Pilgerwege und Wallfahrtsfeste

Pilger – islamischer Haddsch, christliche Pilgerwege und jüdische Wallfahrtsfeste

Schon in frühester, menschlicher Entwicklungsgeschichte gab es sogenannte heilige Orte, zu denen die Menschen aufgrund ihres Glaubens an den einen Gott, ihrer Götter oder aufgrund anderer Kulte wanderten.

Das Wort Pilger, oder das früher häufig verwendet „Pilgrim“, entstammen dem lateinischen Wort „peregrinus“, was in der Übersetzung mit „in der Fremde sein“ gedeutet werden kann. Als Pilgers Mann oder Pilgers Frau wurde eine Person bezeichnet, die aus religiösen Gründen in die Fremde, man sagt auch auf eine Wallfahrt geht. Ob der Anlass nun eine sich selbst auferlegte Buße, die Erfüllung eines Gelübdes, die Hoffnung auf Gebetserhörung zum Vortragen eines bestimmten Zweckes oder das Bemühen zum Erhalt eines Sündenablasses zum Ziel hat, ist so vielschichtig wie die dazu gehörigen Orte und Anlässe. Oft zählt auch die Heilung von Krankheiten, die religiöse Vertiefung des eigenen Glaubens oder nur die Danksagung an einem Ort, der als heilig betrachtet wird. Dieser Ort kann ein Tempel sein, eine Wallfahrtskirche oder eine Höhle, ja, selbst Baumheiligtümer werden von Pilgern besucht. Wir selbst waren von einer Gruppe türkisch-armenischer Wallfahrer an einem Wasserfall bei Gömbe überrascht.

Sicherlich sind auch Ihnen bereits Pilger begegnet, sei es auf den bekannten Pilgerstrecken in Europa oder in Kleinasien, vielleicht sind Sie auch selbst schon als Pilger auf einer Wallfahrt gewesen, sei es auf dem Weg nach Mekka oder nach Tarsus, auf dem Jacobs Weg  Richtung Santiago de Compostela oder wo auch immer. Auch die Art und Weise, wie die Pilgerstrecke absolviert wird, ist heute meist vielschichtig. Früher war man immer und grundsätzlich zu Fuß unterwegs. Deshalb ist ein Pilger auch jemand, der „per agrum“ unterwegs ist, in der Bedeutung von „übers Land“ geht. 
In vielen unserer Artikel haben wir schon auf Pilgerstätten hingewiesen und dabei wird immer wieder deutlich, wie ähnlich sich doch die drei wesentlichen monotheistischen Religionen sind, sowohl in ihren schriftlichen Ausführungen als auch in den mit ihr in Verbindung stehenden Aktivitäten. Auch das Pilgern ist ein typisches Beispiel dafür.

Schon in der antiken Welt der Griechen gab es Wallfahrtsorte, die als heilige Orte angesehen und von den Menschen zum Beten aufgesucht wurden, der wohl bekannteste Ort in der griechischen Welt war ohne Zweifel der Tempel der Artemis in Ephesos. Seit dem Bau der ersten israelitischen  Tempel ist Jerusalem der wohl bedeutendste Wallfahrtsort der Welt, denn die Stadt ist nicht nur das zentrale Heiligtum der Juden sondern allen drei monotheistischen Weltreligionen heilig, wenn auch der Stellenwert und die Anlässe unterschiedlich gesehen wird. Für Christen und Juden wegen des Todes und der Auferstehung Jesu Christi wohl an erster Stelle als Wallfahrtsort stehend, während im Islam der mit Haddsch bezeichneten Wallfahrt nach Mekka und Medina erstrangig, erst danach der Felsendom von Jerusalem folgt.

Seit dem 4. Jahrhundert erfolgen die Wallfahrten der Christen nach Jerusalem. Ein wesentlicher Grund hierfür war die Verbreitung der Kunde, das Kaiserin Helena die Kreuzreliquien in Jerusalem, der Stadt in der Jesus lebte, aufgefunden hätte. Bekannte Persönlichkeiten des damaligen Lebens besuchten die heiligen Stätten von Jerusalem, darunter die geweihte Jungfrau Egeria, die vornehme Römerin Paula mit ihrer Tochter, der Jungfrau Eustochium, die zum Kreis des heiligen Hieronymus gehörte. Auch erste Aufzeichnungen der Reiserouten mit Angaben der einzelnen Etappen gab es bereits zu dieser Zeit. Aus dem Jahr 333 liegt ein in lateinischer Sprache verfasstes Reisehandbuch vor, das den Landweg von Bordeaux bis nach Jerusalem unter dem Titel „Itinerarium Burdigalense“ trägt und detailliert die Reise eines christlichen Pilgers beschreibt. Nur wenige Jahre später erlangte auch Rom eine große Bedeutung als Wallfahrtsort, denn dort sind die Grabstätten der Apostel Petrus und Paulus. ImMittelalter erlangte auch Santiago de Compostela seinen Ruf als Wallfahrtsort. Dies lag allerdings auch darin begründet, dass es hervorragende Infrastruktur durch Klöster gab, die über ein weit gespanntes Herbergen Netz die Pilger gut versorgen konnten. In Verruf gerieten die Pilger vor allem durch die Kreuzzüge ins Heilige Land,  da sich die Kreuzritter selbst als bewaffnete Pilger sahen und für eine Vielzahl von Massakern verantwortlich sind.

Erst durch die Reformation Martin Luthers aber auch der Reformatoren  Zwingli und Calvin wurde harsche Kritik an dem überhandnehmenden Pilgerwesen geübt, was letztendlich auch zum Sinneswandel führte. Aberglauben und Ablasshandel hatten längst den eigentlichen Sinn von Wallfahrten verwaschen. „Wer viel pilgert, wird selten heilig“, so sagte bereits Thomas von Kempen. Mit dem Wechsel zum Protestantismus wurde im Jahr 1537 in Norwegen das Pilgern gar unter Todesstrafe gestellt.

Heute werden Wallfahrten und Pilgerrouten vor allem in der katholischen Kirche in Abgrenzung zum protestantischen Glauben gefördert. Wer einmal in Lourdes, einem der bekanntesten Pilgerziele der Marienwallfahrt gewesen ist, weiß über die Attraktivität dieser Stätten für die Gläubigen zu berichten. Mit Reisebussen werden Menschenmassen bewegt, die dann in langen Zügen zu den Heiligen Stätten pilgern und sich mit gesegnetem Wasser versorgen. Oftmals sind es gerade die „Wunderheilungen“ von todkranken Menschen, die zur zusätzliche Attraktivität eines Wallfahrtsortes beitragen. Selten haben wir eine derart kommerzialisierte  Innenstadt mit seinem riesigen Angebot an Flaschen und Gefäßen gesehen wie in Lourdes. In den letzten Jahrzehnten ist neben vielen anderen Pilgerwegen, auch der Jakobsweg zunehmend wieder entdeckt worden. Seit neuestem sind es aber auch Orte, die auf die Spuren des Apostels Paulus führen: Tarsus, Antakya und Kappadokien. Zunehmend wird auch das islamische Land Türkei in den Pilgertourismus eingebunden. An einigen Orten sind bereits ehemals christliche Gebäude restauriert und renoviert worden, hierzu zählt auch die Basilika des Apostels.

Vergleichbare Entwicklungen gibt es auch im Islam, der Haddsch. Jeder freie, volljährige und gesunde Muslim – ob Mann oder Frau –, der es sich leisten kann, ist verpflichtet, einmal im Leben nach Mekka zu pilgern. Die Pilgerfahrt ist im Koran als religiöse Pflicht mit einer gewissen Einschränkung verankert:
    „Und die Menschen sind Gott gegenüber verpflichtet, die Wallfahrt nach dem Haus zu machen – soweit sie dazu eine Möglichkeit finden.“ – Sure 3, Vers 97. Die Person, die den Haddsch vollzogen hat, trägt daher den Ehrentitel «Hāddsch».

Die folgende Tabelle listet die Pilger nach Mekka aufgeschlüsselt nach Jahren und danach, ob sie saudische Staatsbürger sind.
n.H./n. Chr.     Saudis            Nicht-Saudis     Gesamt         Anteil Nicht-Saudis
an Gesamtzahl
1416/1996     784.769     1.080.465     1.865.234       58 %
1417/1997     774.260     1.168.591     1.942.851     60 %
1418/1998     699.770     1.132.344     1.832.114     62 %
1419/1999     775.268     1.056.730     1.831.998     58 %
1420/2000     571.599     1.267.555     1.839.154     69 %
1421/2001     549.271     1.363.992     1.913.263     71 %
1422/2002     590.576     1.354.184     1.944.760     70 %
1423/2003     610.117     1.431.012     2.041.129     70 %
1424/2004     592.368     1.419.706     2.012.074     71 %
1425/2005     629.710     1.534.769     2.164.469     71 %
1426/2006     573.147     1.557.447     2.130.594     73 %

Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist sogar das maskuline arabische Wort „Haddsch“ mit dem hebräischen Wort חג (Chag „Fest“) verwandt, das im biblischen Kontext für die drei jüdischen Wallfahrtsfeste Pessach, Schawuot und Sukkot verwendet wird. In gleicher Bedeutung existiert die Wurzel auch im Aramäischen und seinen späteren Ausläufern.

Auch wenn die Zahl Pilger, gleichgültig ob die der christlichen, jüdischen  oder islamischen Pilger, aktuell eher noch höher anzusetzen ist, wird die Bedeutung für die Gläubigen leider zu oft missdeutet. Kaum ein gläubiger Pilger wird den Glauben des anderen Pilgers missachten oder gar verspotten, denn Glauben verpflichtet auch zur  Toleranz gegenüber dem anderen. Es sind oftmals die religiösen Führer, die ihre eigene Religion als die einzig wahre darstellen und dann zum Fanatismus aufrufen. Hier kann es recht hilfreich sein, wenn man auf den gemeinsamen Ursprung zurückblicken würde, um daraus seine Lehren zu ziehen. „Kreuzritter“, gleichgültig welcherReligion sie angehören, sind für niemanden eine Lösung.

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