Mastix Pistazie – ein politischer Baum!

Mastix Pistazie – ein Baum, der auch politisch Einfluss nehmen kann!

Wir waren mit unserem Freund Ricky aus Izmir auf der Halbinsel von Çeşme  unterwegs, als wir während der Mittagszeit in den Ort Alaçatı hineinfuhren.

Hier wollten wir neben dem obligatorischen Rundgang durch den Ort auch zu Mittag essen. Ricky ist zwar gebürtiger Italiener, lebt aber bereits seit frühester Kindheit in Izmir und kennt sich in der Region entsprechend gut aus. Da er aus geschäftlichen Gründen oft auch mit Partnern aus Europa unterwegs ist, sind seine Kenntnisse der hiesigen Gastronomie, hier insbesondere der exzellenten, hiesigen Fischrestaurants, entsprechend gut. Zielstrebig ging es also in eines der ersten Häuser am Platz, das über einen wunderschön, griechisch anmutenden Innenhof hinter hohen Mauern versteckt, verfügte. Sofort war ein Gefühl von Wärme, Kultur und Geborgenheit zu verspüren.

Wir waren noch ganz entzückt von den vielen Assessors, die Mauern und Nischen füllten, als uns zwischen den Tischen zwei eigentümliche Bäume auffielen, die, zumindest ich, vorher nie gesehen hatte. Natürlich war sofort die Neugierde geweckt und ich ging näher an den Baum heran. Gleich fiel mir eine weißlich schimmernde Masse auf, die aus der Rinde des Baumes hervor trat und bei Berührung klebrig wie Baumharz war. Der erste Geruchstest sagte eindeutig etwas anderes, eher an Kaugummi erinnernd oder auch Zahnpflegemittel. Damit war unser Interesse sofort hellwach, was auch der Eigentümer des Restaurants bemerkte, der schnellen Schrittes herbei geeilt war. Wahrscheinlich war sein erstes Anliegen die Begrüßung seines Stammgastes, allerdings begann er auch sofort mit der Erklärung des Baumes bzw. des hervortretenden Baumharzes.

Der Mastix Baum gehört biologisch gesehen zur Gruppe der Pistazien (Pistacia lentiscus L. var. Chia), ist allerdings hier auf der Halbinsel Çeşme erstaunlicherweise recht selten anzutreffen. Aber dazu später mehr. Er  wird im Juni leicht angeritzt, so dass der Baum mit seiner  Selbstversorgung zum Schutz  vor Verletzung beginnt und die Wunde mit seinem Harz zu verschließen versucht. Soweit eigentlich auch von anderen Bäumen, vor allem der Nadelhölzer, bekannt. Sowie das Harz dann an die Oberfläche gelangt und mit Sauerstoff in Berührung kommt, härtet es aus und verschließt damit die Verletzung. Auch das nichts grundsätzlich Neues. Bricht man dann allerdings das Harz vom Baum ab, zeigt die Bruchzone ein klares, tropfenförmiges Weichharz, das recht inhomogen erscheint.

In den Hauptbestandteilen setzt sich Mastix aus etwa 40% Harzsäuren, etwa 50% Harzen und 2% ätherischen Ölen, neben weiteren Inhaltsstoffen, zusammen. Die Wissenschaft hat mittlerweile herausgefunden, dass es insgesamt mehr als 70 Einzelkomponenten sind, die im Mastix enthalten sind. Und darunter befinden sich etliche Stoffe, die in der Medizin Anwendung finden, denn Mastix hat nachgewiesenermaßen antifungitielle, antivirale, antibakterielle und antimikrobielle Wirkungen. Kein Wunder also, das unser freundlicher Restauranteigner uns empfiehlt, den Finger, der das edle Harz berührt hat, ruhig in den Mund zu nehmen, um es auch einmal zu schmecken. In der Medizin wird Mastix bei Magenbeschwerden, Magengeschwüren, Sodbrennen, Entzündungen des Zahnfleisches, bei Paradontose, bei Akne und Pickeln der Haut, bei rheumatischen Beschwerden sowie in der Wundbehandlung eingesetzt. Da es ein Antioxidans ist, weist die moderne Forschung auch gern darauf hin, dass Mastix auch bei bestimmten Krebsarten wie Magenkrebs, Leukämie oder Prostata-Krebs recht wirksam und hilfreich ist, die Forschung steckt hier allerdings noch in den Kinderschuhen.

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Auch in der Lebensmittelindustrie findet Mastix ein breites Verwendungsfeld:

-    bei Lebensmitteln (Kaugummi, Backwaren, Limonade, Süßigkeiten Loukoumia, Raki etc.)
-    als Naturkosmetik (Antiaging-Effekte, beruhigt und reinigt die Haut) und Körperpflegemittel (Zahnpasta, Gesichtscreme, Duschgels, Seifen etc.)
-    als Klebstoff für Maskenbildner (künstliche Bärte, Warzen, etc.)
-    als Schlussfirnis bei Ölgemälden
-    in der Temperamalerei als Emulsionsbestandteil
-    als Bestandteil des Geigenlackes (Geigenbau)
-    als Klebstoff für Glas, Porzellan oder Pietra dura
-    als säurefestes Medium bei der Radierung
-    als Räucherwerk, wobei es dann auch leicht nach Pistazien duftet.

Mastixharz beginnt schon bei 40° zu erweichen, so dass man es schon bei Körpertemperatur  zu formen beginnen kann. Bei 80° ist es fast schon mit „Gummiartig“ zu beschreiben und bei 100° beginnt es bereits zu schmelzen. Sehr schnell löst sich das Mastixharz in Terpentinöl und in Alkohol komplett auf, versucht man die Auflösung in Benzin, verbleiben Rückstände übrig. Gerade diese Auflösbarkeit in Terpentinöl aber auch in Alkohol machte man sich über Jahrhunderte auch in der Malerei und in der Oberflächenversiegelung zu nutze. Da das Mastix noch härter austrocknet als Dammarfirniss, verwendet man es auch in der Ölmalerei sowie in der Oberflächenbehandlung von Holz.

Schon in der Bibel wird das Mastix als Heilmittel erwähnt, bitte vergleichen Sie dazu Gen 37,25 EU und Gen 43,11 EU,  galt das seiner Zeit hauptsächlich von Chios importierte Pistazienharz  doch schon in der Antike, weit vor der Bibel, als das Beste. Bereits der zwischen 371 – 287 vor Christus lebende Peripatetiker Theophrast von Lesbos, später dann Plinius der Ältere (23 – 79 nach Christus) und Dioskurides (erstes Jahrhundert nach Christus), der noch heute als einer der fähigsten Pharmakologen gilt, beschrieben das kaugummiartige Harz mit seinen umfangreichen Eigenschaften. Oft als Einzelbaum abgeerntet, wird die Pistacia Lentiscus var. Chia bereits seit 50 nach Christus auf der griechischen Insel Chios mit seinem fruchtbaren Mergelböden in Plantagen angepflanzt und abgeerntet.

Selbst mit der Eroberung der Insel Chios im Mittelalter durch die Osmanen blieb das Mastix Grundlage des Wohlstands auf der Insel. Mastix-Ouzo und Mastix-Likör zählten zu den beliebtesten Getränken im islamischen Reich der Osmanen! Ist schon bemerkenswert vor dem Hintergrund, das man sich mit der Weinproduktion, dem Bierkonsum usw. in der heutigen Zeit in der modernen  Türkei oftmals schwer tut. Aufgrund des Wohlstands durch die Mastixgewinnung war die Bevölkerungsdichte auf Chios immer sehr viel größer als auf den anderen Inseln. Und wie wichtig dabei auch die Mastixgewinnung auch von der hohen Politik angesehen wurde, zeigt sich am besten während des griechischen Unabhängigkeitskrieges zwischen 1821 und 1829: obwohl sich die Einwohner von Chios dem Osmanischen Reich gegenüber immer loyal gezeigt hatten, wurde die Bevölkerung in der Zeit tyrannisiert. Während des sogenannten Massakers von Chios wurden etwa 25.000 Inselbewohner getötet und ca. 45.000 Weitere als Sklaven verkauft. Diejenigen, die zu dieser Zeit als Mastixbauern angesehen wurden, blieben zunächst verschont.

Heute gelten lediglich die beiden Dörfer Pyrgi und Mesta als Mastixdörfer, liebevoll Mastichochoria genannt, die ihren ursprünglichen Charakter beibehalten konnten. Lag die Produktionsmenge am Ende des 18. Jahrhunderts bei 100.000 Kilogramm, sind es heute ca. 300.000 Kilogramm, die wirtschaftliche Bedeutung ist seit der Antikeunverändert. Trotz immer wiederkehrender Probleme mit Feuersbrünsten gibt es auch Chios  etwa 2 Millionen Mastixbäume, die allein 220.000 Kilogramm produzieren. Zur Gewinnung eines Kilogramms Mastix benötigt man folglich etwa 10 Bäume, wodurch der Preis von 85,- € pro Kilogramm leicht verständlich wird.

Als immergrüner, knorriger Strauch, erreicht der Mastixbaum oft nur 1,50 Meter Höhe. Alle fünf wird der Stamm an verschiedenen Stellen durch kleine senkrechte Einschnitte angestochen, so dass er zu bluten beginnt. Der austretende Saft verhärtet schnell und fällt in Form von glasigen Tropfen auf den zu dem Zweck mit Tüchern bedeckten Boden. Hier erkennt man schnell wie aufwendig die Mastixgewinnung ist. Diese Tropfen werden dann aufgesammelt, mit dem Messer von groben Verunreinigungen gesäubert und durch Siebe in verschiedene Größen getrennt.

Interessant sind dann die unterschiedlichsten Anwendungsbereiche des Mastixharzes nach dem Versand:
Noch bis vor dem Krieg im Irak wurden allein 26.000 Kilogramm hierher verschickt, da Mastix als Zusatzstoff im Arrakschnaps verwendet wurde. In einigen afrikanischen Ländern wird dem Harz einfach etwas Zucker beigemengt und als Kaugummi angeboten. Auch zum Imprägnieren von Kleidern dient es hier. In China und Indien verwendet man Mastix als antiseptisches Mittel in der Wundbehandlung, im Orient als Gewürz in der Konditorei und in der Käseproduktion. Kleine Mengen von Mastix senken Blutdruck und Cholesterin, weshalb Mastix auch als Naturheilmittel gilt. Selbst als Gegenmittel gegen Schlangenbisse wird es verwendet. Weitere Verwendungen gibt es bei der Herstellung hochwertiger Lacke, Klebemittel, Malerfarben, Parfüms, Kosmetika, Zahnpasta, Seifen und Salben. Gleich ob nun als Mastixlikör, mit Mastix aromatisierten Kuchen oder Konfitüren, ob als Duftweihrauch „Moscholivano“ oder in der Zahnpasta, ein wahrer Wunderstoff aus der Natur.

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