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Tanzlinden - Bäume uralter Bedeutung und Funktion

Tanzlinden

Auf unseren Touren durch Kleinstädte und Gemeinden sind uns oftmals Lindenbäume aufgefallen, die zu besonderen Anlässen auf Dorfplätzen gepflanzt worden waren und somit, neben ihren Funktionen als Schatten- und Sauerstoffspender, weitere Bedeutungen im Leben der Bewohner haben müssen.

Linden erreichen je nach Art maximale Wuchshöhen zwischen 15 (z.B. die Krimlinde) und 40 Metern. Der erreichbare Stammdurchmesser variiert ebenfalls von Art zu Art, liegt in der Regel zwischen 1 und 1,8 Metern. Linden können an günstigen Standorten ein Alter von bis zu 1000 Jahren erreichen.

Neben dem Baum an sich ist in der Bevölkerung die Verwendung der Lindenblüte weit verbreitet. Schon im Mittelalter war die Lindenblüte als Heilmittel bekannt und wird auch heute noch mit gutem Erfolg als wohl bekanntestes Hausmittel bei fieberhaften Erkältungen, grippalen Infekten und Katarrhen der oberen Atemwege und als Begleitbehandlung auch bei Rheuma, Nierenentzündung und Ischias verwendet. Es gibt Studien zu ihren Inhaltsstoffen, so wirkt Lindenblütentee aufgrund der Schleimstoffe bei Katarrhen der Atemwege Hustenreiz stillend und lindert Halsschmerzen. Andere Inhaltsstoffe wie die Glykoside geben der Lindenblüte eine krampflösende, schmerzstillende und entzündungshemmende Wirkung.

Lindenblättertee ("Ihlamur Çayı") ist ein sehr beliebter Kräutertee in der Türkei und in der türkischen Kultur in der Anwendung gegen Beschwerden aller Art üblich. Für die Herstellung von Tee wird der gesamte Blütenstand mit dem dazugehörigen Hochblatt verwendet, die Ernte erfolgt bis fünf Tage nach dem Aufblühen und idealer Weise an einem trockenen Vormittag. Die getrockneten Lindenblüten sind gelblich bis grünlich, der aufgegossene Tee ist allerdings von tief goldroter Färbung.

Bei den Slawen sowohl als auch bei den Germanen galt die Linde als heiliger Baum, der im Volksmund gar der Göttin Freya zugeschrieben wird, was sich aber wissenschaftlich gesehen nicht eindeutig belegen lässt. Heute tragen etwa 850 Orte oder Ortsteile in Deutschland Namen, die auf den Lindenbaum zurückzuführen sind, so leitet sich beispielsweise der Name der Stadt Leipzig vom sorbischen Wort Lipsk ab und bedeutet Linden-Ort. Bei den Sorben findet man eine Vielzahl weiterer Verbindungen zur Linde, so ist das Lindenblatt auch Symbol des sorbischen Volkes.

Unter den Dorflinden wurde meist auch das Dorfgericht abgehalten, eine Tradition, die auf die germanische Gerichtsversammlung, das Thing, zurückgeht. Die Linde ist deshalb auch als „Gerichtsbaum“ oder „Gerichtslinde“ bekannt.

In vielen Orten über ganz Mitteleuropa verteilt wurden früher Lindenbäume gepflanzt, die das Zentrum des Ortes bildeten und als Treffpunkt im Dorf für Jung und Alt galten. Hier wurden aktuelle Nachrichten ausgetauscht, hier hielt man auch Brautschau. Ein Brauch des Mittelalter war auch, nach Kriegen oder Epidemien eine Friedenslinde zu pflanzen, so sind vieler Orts nach dem Deutsch-Französischen Krieg der Jahre 1870 / 71 Linden gepflanzt worden. Im thüringischen Ponitz gilt die "Friedenslinde am Dreierhäuschen" als Erinnerung an den Westfälischen Frieden.

Die so genannte Türkenlinde von Ottendorf ist die Bezeichnung für ein Lindenpaar, die an die gescheiterte Belagerung der Stadt Wien durch die Türken im Jahr 1683 erinnern soll. Nach der örtlichen Überlieferung wurden die beiden Bäume 1683 von fränkischen Soldaten, die an der Befreiung Wiens von der türkischen Belagerung teilgenommen hatten, gepflanzt. Im Jahr 1686 waren die Linden zu Kugelbäumen geschnitten worden. 1750 band man Linden Äste zu einem Ring, der die beiden Bäume noch heute umfasst. Wegen des zunehmenden Gewichts der waagerechten Äste wurden 1789 zwei konzentrische Reihen von Pfeilern zur Unterstützung des Rings gesetzt. Die Pfeiler aus grauem Sandstein wurden von dem Steinmetz Ankenbrand aus Falkenstein geliefert, der von der Gemeinde dafür mit 40 Gulden bezahlt wurde.

Mit Beginn des Wonnemonats Mai werden oftmals Tanzfeste unter diesen Bäumen gefeiert. Einer ganz besonderen Art von Tanzlinde sind wir in dem Ort Limmersdorf begegnet, wo man in lichter Höhe auf einer Plattform, die von den unteren Ästen der Dorflinde getragen wird, zum Tanz aufruft. Hier wurde auch die Idee zur Deutschen Tanzlindenroute geboren, als man bei den Vorbereitungen zum Deutschen Tanzlindenmuseum feststellte, das es diese Tanzlinden schwerpunktmäßig in einigen deutschen Regionen gibt und sie dort geradezu wie aufgereiht auf einer Perlenschnur existieren. Wenn man diese Teilstücke miteinander verbindet, ergibt sich eine erstaunliche und beeindruckende Rundreise um den fränkisch geprägten Teil Süddeutschlands.

Schnell stellte sich heraus, das in der Region Oberfranken-Thüringen entlang der Strecke von Limmersdorf über Langenstadt und Peesten nach Effelder, Sachsenbrunn und Oberstadt - den letzten sechs verbliebenen alten und authentischen Standorten, den Klassikern sozusagen - diese alte Tradition am intensivsten ausgeprägt war und am nachhaltigsten bis heute gepflegt wurde. Entlang dieser "Route der Klassiker" gibt es weitere Orte, in denen noch geleitete Linden existieren, die die früher weitläufige Verbreitung von Tanzlinden belegen (Fränkische Schweiz, Nördlicher Rennsteig).

Im Westen schließt sich in Hessen die Schwalm-Eder Region mit einigen angrenzenden Standorten bis ins Rheingau hinein an; herausragend sicherlich die älteste Linde Deutschlands in Schenklengsfeld.

Als dritte Landschaft, in der diese Tradition nachweisbar lange und stark verwurzelt war und ist, hat sich Hohenlohe in Baden-Württemberg heraus kristallisiert, einer traditionell stark mit Franken verbundenen Region. Aus dem Rahmen fällt eine Reihe von - früher wahrscheinlich ebenfalls zu Tanzzwecken geleiteten - Linden in Westfalen, die bis zum Niederrhein reicht, die aber keine nachweisbaren Wurzeln in den oben beschriebenen Regionen haben.

Einzelne weitere Standorte ohne besondere regionale Tradition sind in ganz Deutschland verstreut; an manchen Standorten werden in diesen Jahren auch neue Tanzlinden gepflanzt, weil man die Idee andernorts aufgenommen hat.

Als auffällige Besonderheit sind die Stufenlinden um Schweinfurt herum zu nennen, an denen sich offensichtlich auch einige Dörfer in Thüringen orientiert haben. Dort gibt es eine Reihe von mehrstufig geleiteten Linden, die zwar oft als Tanzlinden bezeichnet werden, aber eigentlich diese Funktion nie ausgefüllt haben.

Die Proklamation der Deutschen Tanzlinden Route im Jahr 2010 soll ein Grundstein für die Arbeit des Deutschen Tanzlindenmuseums sein, alle Gemeinden, Vereine und auch Einzelpersonen, die sich an einem dieser Standorte für das Thema interessieren, sind herzlich eingeladen, mitzuwirken. Im Laufe der Zeit soll aus dieser Zusammenarbeit eine tolle Karte und eine wie auch immer geartete Organisation entstehen, die dafür sorgt, das an allen Standorten, die dort Einheimischen und die Besucher umfassend über die Tanzlinden informiert werden.

Eine interessante Idee, dieses alte Kulturgut am Leben zu erhalten. Gutes Gelingen.

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