Gründungen und Grenzen der Thasitischen Peraia

Thasitischen Peraia

Unsere Recherche zum historischen Hintergrund der Stadt Kavala hatte uns zumindest geschichtlich gesehen, noch in die vorrömische Epoche vor der Errichtung und Nutzung der Via Egnatia gebracht.

Eine bedeutende Machtposition konnten damals die Herrscher der Insel Thasos, die nur wenige Kilometer vor der Küste des modernen Kavala liegt, ausfüllen. Zunächst nur auf die Beherrschung der Insel bedacht, die regen Handel mit dem Umland betrieb, zogen erste Siedler von Thasos auf das gegenüberliegende Festland zur Landinbesitznahme und zur Ausbeutung der Bodenschätze um. Dieser Festlandsbesitz der Siedler von Thasos von etwa Mitte des 7. Jahrhunderts bis zur Beherrschung durch die Makedonier wird in der Geschichte als die Thasitische Peraia bezeichnet. Vor allem die legendären thrakischen Goldbergwerke im Pangaion-Gebirge, waren der Grund für die griechischen Kolonisten der Insel Thasos, sich am gegenüberliegenden Festland zwischen Strymon und Nestos festzusetzen und die erzreichen südlichen Rhodopen unter ihre Kontrolle zu bringen.

Die von den Pariern errichtete Peraia entstand vermutlich in zwei Phasen. Die erste fällt mit der Gründung der ersten gesicherten Handelsplätze von Neapolis, Oisyme, Galypsos und Stryme in die Zeit direkt nach der Niederlassung auf Thasos in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts v. Chr. Aus Neapolis, Oisyme und Stryme liegen zahlreiche und bedeutende Funde aus dieser Zeit vor, von der Stadt und der Nekropole von Galypsos gibt es bis heute (2010) noch keinen diesbezüglichen Nachweis. Als westlichste Niederlassung gilt nach neuen Erkenntnissen die thasitische Siedlung Berge. Die im 6. Jahrhundert v. Chr. am Strymon, etwa 50 km nordwestlich von Amphipolis bei der Ortschaft Neos Skopos, gegründete Handelsniederlassung war besonders vorteilhaft gelegen und bedeutsam für den Warenaustausch mit den thrakischen Dynastien.

Von keramischen Oberflächenfunden und aus kleinen Grabungen ergab sich, dass in einer zweiten Phase, in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts bis in die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. im Westen von Neapolis die kleineren befestigten Emporien Apollonia und Antisara (das heutige Kalamitsa), nach Osten hin Nea Karvali und als jüngste thasitische Niederlassung in Thrakien Pistyros, sowie einige weitere anonyme Siedlungen gegründet wurden. Von diesen Stützpunkten ausgehend, wurde das nahe Umland dieser Siedlungen, die jeweilige Chora, kolonisiert. Die Küstenregion, vor allem das fruchtbare westliche Nestos-Delta um Pistyros wurde landwirtschaftlich erschlossen. Von Neapolis aus, über den Stena Sapaion, den engen Durchgang zwischen Symvolon und Lekanis, erreichten die Thasiten, die weite fruchtbare Ebene des späteren Philippi zwischen Pangaion und Lekanis. Auch in das Gebiet des heutigen Elefteroupoli scheinen die Thasiten vorgedrungen zu sein. Im äußersten Westen verlief die Grenze der thasitischen Peraia entlang der westlichen Ausläufer des Symvolon bis vor die Mauern von Phrages, einer Ansiedlung der thrakischen Pierer. Als östliche Grenze kann der Fluss Nestos und sein Delta als gesichert angesehen werden. Die Ansiedlung Stryme liegt jedoch getrennt vom Kerngebiet der Peraia, etwa elf Küstenkilometer östlich des Nestos-Deltas. Nach Norden hin ergeben sich Zweifel über die von den Kolonisatoren behaupteten Grenzbereiche.

Von Neapolis, Nea Karvali und Pistyros aus drangen die Thasiten über die jeweils nach Norden führenden Flusstäler in die Bergregionen des Symvolon und vor allem in die Lekanis vor. Ziel waren Übernahme der dort von den Thrakern aufgeschlossenen und in Betrieb befindlichen Bergwerke und Verhüttungseinrichtungen, Aufschluss weiterer potentieller Edelmetall-Lagerstätten und die Sicherung der Zugangswege. Aufgrund der äußerst feindlich gesinnten thrakischen Bevölkerung, die heftigen Widerstand leistete, wie Archilochos, der persönlich an der ersten Landnahme beteiligt war, berichtet, scheinen es jedoch die Thasiten nicht geschafft zu haben, sich im Mamaras-Tal, zwischen Symvolon und Pangaion, anzusiedeln. Sie waren weder zu Zeiten Herodots (491–490 v. Chr.), noch später im 4. Jahrhundert stark genug, um in das schwer zugängliche und undurchdringliche, hohe Bergland des Pangaion einzudringen und sich dort festzusetzen. Selbst Xerxes ließ das Pangaion-Gebirge mit seinen Gold- und Silberbergwerken rechts liegen, das von Pierern und Otomantern, hauptsächlich aber von Satrern bewohnt wurde.

Die Epoche der wirtschaftlichen Blüte der thasitischen Kolonialherrschaft begann Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. und dauerte bis etwa 463 v. Chr., als die Thasiten Bergwerke und Niederlassungen in der Peraia erstmals aufgrund ihres Austritts aus dem ersten Attischen Seebund verloren. Die Athener kontrollierten die Besitzungen bis 447/6 v. Chr.. Im Jahr 411 v. Chr. nahmen die Spartaner die thasitischen Küstensiedlungen und 410 v. Chr. die Insel Thasos ein. Einzig Neapolis verteidigte sich erfolgreich, blieb loyal zu Athen und erklärte 411. v. Chr. seine Unabhängigkeit, d.h. den Abfall vom Mutterland Thasos, samt Landbesitz und den Bergbaubetrieben im nördlichen Hinterland. Daraufhin wurde Neapolis lange, aber erfolglos von den Thasiten belagert. Der Athener Thrasyboulos besiegte die thasitische Flotte 408/7 v. Chr.. Der Spartaner Lysander eroberte die Insel 404 v. Chr. zurück. Neapolis stand weiterhin auf Seiten Athens. Erst 390 v. Chr. gab es, nachdem Thasos erneut vom Athener Thrasyboulos erobert und dem zweiten Attische Seebund beigetreten war, einen Friedensvertrag zwischen Neapolis und Thasos unter Vermittlung von Paros. Dies hatte eine demokratische Restauration in der Peraia wie auch auf der Insel zur Folge. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Thasiten aller Wahrscheinlichkeit nach keinen Zugang zur Peraia.

Die Aktivitäten in der Peraia wurden neu belebt und der Festlandsbesitz erlebte im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. eine neue Blütezeit und hohen Wohlstand. Die Thasiten gründeten 360/59 v. Chr. die Niederlassung Krenides (das spätere Philippi). Die fruchtbare Ebene um Krenides war für die Peraia von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Schließlich wurde die Peraia jedoch 340/39 v. Chr. von Philipp II. besetzt. Thasos behielt allerdings seinen Festlandsbesitz auch in den Zeiten der makedonischen und römischen Herrschaft, zuweilen jedoch in veränderten, meist engeren Grenzen. Sie umfasste jedoch weiterhin den an Edelmetallerzen besonders reichen Teil. Von der römischen Macht mussten die Thasiten die Verpflichtung zur Erhaltung der Via Egnatia innerhalb der Peraia übernehmen, nachdem Justitian I. die Straße durch befestigte Standorte, wie Topeiros und die Burg von Neapolis gesichert hatte. Handel, Landwirtschaft und Bergbau der Peraia trugen weiterhin ganz wesentlich zur Blüte der thasitischen Wirtschaft bei.

Deutschland

Kultur

Leben | Outdoor