Der Nahe Osten leidet an den Baufehlern der Nachkriegszeit!

Baufehlern der Nachkriegsordnung

Ist es nicht grundsätzlich verwunderlich, wieso gerade im Nahen Osten und auf dem Balkan in den letzten Jahren stetig neue Konflikte hervorbrechen, eine radikal islamische Gruppe so genannter IS-Sunniten zur Zeit gar eine ganze Region überfallen kann und soweit treibt, das Millionen Menschen nur noch die Möglichkeit der Flucht vor den Terrorbanden als einzige Überlebenschance sieht?

Die Folgen für die Welt sind so erheblich, das es zu örtlichen Krisen innerhalb der eigenen Bevölkerung verschiedener Länder hinsichtlich der Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge kommt. Ist es nicht Zeit, sich endlich an die Ursachen der Konflikte zu machen und von vornherein Flüchtlingsströme aufgrund von Terror und Gewalt unnötig zu machen?

Sind nicht gerade hier die religiösen Führer gefragt, endlich mit deutlichen Worten zu sagen, das Menschen als intelligente Wesen Konflikte anders zu lösen haben, als, häufig im Interesse der Ausbreitung des eigenen Glaubensverständnisses, Leid für Millionen zu verursachen? Disqualifiziert sich Religion, egal welcher Ausrichtung zugehörig, nicht deshalb gerade wieder einmal als trennender Faktor der Völker anstatt wie es in deren Schriften steht, Menschenliebe, Verständnis und Toleranz und damit Völkerverständigung zu predigen? Warum gewähren Religionsgemeinschaften Hasspredigern Freiraum für ihre abstrusen Gedankenspiele und machen sich dabei selbst unglaubwürdig? Sind vor diesen Hintergründen humanistische Atheisten die besseren Menschen?

Im Nahen Osten wie auch auf dem Balkan sind es auch die nach dem 1. Weltkrieg neu gezogenen Grenzen, die für bis heute gärende Konflikte verantwortlich zu machen sind. Besonders im Irak und in Syrien scheinen die erst mit dem Terror der IS deutlich erkennbar gewordenen Defizite der Grenzverläufe ohne Rücksicht auf ethnische Strukturen der Bevölkerung durch die Nachkriegsordnung verantwortlich für die Auseinandersetzungen zu sein. Das seiner Zeit willkürlich getroffenen Anspruchsdenkens auf Gebiete im Zugriff durch die Siegermächte nach dem 1. Weltkrieg scheint Ursache für den Zerfall der künstlichen Staatengebilde zu sein.

Vielerorts trifft man auf Vorbereitungen für Gedenkveranstaltungen von Ereignissen aus oder im Zusammenhang mit dem 1. Weltkrieg. Längst vergangene Geschichte, so sagen viele Menschen, die uns begegnen. Haben wir überhaupt keinen oder nur sehr geringen Bezug dazu, nicht einmal unsere Eltern sind dafür noch verantwortlich zu machen. Als ob es darum gehen würde, jemandem die Schuld zu zuschieben. Nein, es sind die Folgen dieser "Regelungen", die uns gerade heute wieder so stark beanspruchen, das die Ursachen dafür zumindest aufgedeckt und in alle Diskussionen einbezogen werden müssen.

Nationalistische Bewegungen führten 1908 zur Gründung Bulgariens und Rumäniens. Nach Kriegen mit den Balkanstaaten verlor das Osmanische Reich im Frieden von Bukarest und von Konstantinopel den größten Teil seiner europäischen Territorien. Zunächst erschien das verbliebene Osmanische Reich seinen muslimischen Bewohnern noch als Garant der politischen Unabhängigkeit einer muslimischen Welt. Aber es war längst hoch verschuldet. Nach einem Staatsbankrott 1875 hatte es die Osmanische Schuldenverwaltung (durch europäische Mächte) akzeptieren müssen. Mit diesem Amt, das einen großen Teil der Steuereinnahmen kontrollierte, hatten europäische Staaten auch die faktische Kontrolle über alle Regierungsbeschlüsse übernommen, die finanzielle Auswirkungen hatten. Auch Tunesien war hoch verschuldet. Es wurde 1881 von französischen Truppen besetzt. Ägyptens Baumwolle und der 1869 eröffnete Sueskanal waren für europäische Investoren gewinnbringend, währenddessen der verschuldete ägyptische Staat unter eine europäische Finanzkontrolle geriet. Als die Urabi-Bewegung nationalistische Züge annahm, handelte Großbritannien: 1882 besetzten britische Truppen Ägypten. Mit Tunesien und Ägypten hatten die europäischen Mächte begonnen, ihre Interessensphären im Osmanischen Reich noch vor dessen Ende abzustecken. Spanien und Frankreich teilten sich Marokko. Schließlich beteiligte sich auch Italien und besetzte 1911 Tripolis. Der Wettlauf um Afrika hatte zu ersten Ergebnissen geführt.

Briten und Araber eroberten im Ersten Weltkrieg das osmanische Syrien. Auch die osmanische Provinz, auf deren Gebiet später der Irak gegründet wurde, wurde von den Briten besetzt. Emir Faisal bildete in Damaskus eine provisorische arabische Regierung. 1919 wurde er vom 1. All-syrischen Kongress als König eines Königreich Syriens anerkannt, wozu auch Palästina und der Libanon zählten. Die arabische Nationalbewegung forderte ihre von den Briten versprochene Unabhängigkeit.

Im Hintergrund hatte Großbritannien in dem geheimen Sykes-Picot-Abkommen jedoch auch mit Frankreich bereits einen Aufteilungsplan abgesprochen, in dem die Unabhängigkeit sowohl eines arabischen, als auch jüdischen Staates in keiner Weise wirklich in Betracht gezogen wurde. Somit bahnte sich schon hier langsam ein schwelender Konflikt heran: Den Arabern hatte man auf der einen Seite in der Hussein-McMahon-Korrespondenz einen eigenen arabischen Nationalstaat versprochen, wenn sie die Briten im Kampf gegen ihre Besatzer, die Osmanen, unterstützten. Viele Juden lasen hingegen auf der anderen Seite aus der Balfour-Deklaration ebenfalls das Recht auf einen eigenen Staat, oder zumindest das Recht auf die Besiedlung der Region Palästina heraus. Hinter den Kulissen hatten Großbritannien und Frankreich jedoch bereits das Gebiet unter sich aufgeteilt. Dies führte schließlich zu einer wachsenden Rivalität zwischen Arabern und Juden in der Region, sowie einem stärker werdenden Widerstand gegen die westlichen Großmächte, die ihre Versprechen beiden Parteien gegenüber zu großen Teilen nicht eingelöst hatten.

Wie sagt der Berner Historiker Stig Förster so treffend in seinem Aufsatz: "An den Folgen der Grenzziehungen nach 1918 leiden einige Regionen bis heute."

Bitte lesen Sie dazu den Artikel von Stefan von Bergen / Berner Zeitung:

Selbstbestimmungsrecht der Völker

US-Präsident Woodrow Wilson (1856–1924) schlug vor hundert Jahren ein neues Ordnungsprinzip für die Welt nach dem Ersten Weltkrieg vor: das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Er dachte dabei an größere Völker, die vor 1914 als Minderheiten in Vielvölkerreichen unterdrückt waren. Die Polen im russischen Zarenreich. Oder die Ungarn und die Tschechen im Kaiserreich Österreich-Ungarn.

Wilsons schöne Idee ließ sich in der vertrackten Wirklichkeit nur schwer umsetzen. In den alten Großreichen waren die Völker schwer zu separieren, denn sie lebten bunt gemischt. Zudem litt Wilsons Selbstbestimmungsrecht an Definitionsproblemen: Wie groß muss ein Volk sein, damit es als Nation gilt, die lebensfähig ist? Das Selbstbestimmungsrecht ist bis heute ein umstrittener Begriff des Völkerrechts. Dennoch wurde die Welt 1918 nach dem Zerfall Österreich-Ungarns, Russlands und des Osmanischen Reichs nach Wilsons Ordnungsprinzip neu formiert. Bald zeigte sich: Die neue Weltordnung schuf auch neue Probleme.

Vorprogrammierte Konflikte

1918 wurden neue Vielvölkerstaaten geschaffen, wenn auch kleinere: Jugoslawien, Ungarn, die Tschechoslowakei oder die Türkei. Bisweilen zogen die Siegermächte England und Frankreich neue Grenzen wie mit dem Lineal auf dem Reißbrett. Ohne Rücksicht auf bestehende ethnische und wirtschaftliche Räume. So hatten die Kolonialmächte schon 1878 auf der Kongo-Konferenz in Berlin den afrikanischen Kontinent unter sich aufgeteilt. Innerhalb dieser Grenzen brodeln bis heute innere Konflikte.

Die 1918 neu formierten Länder funktionierten wie Nationalstaaten, in denen eine dominante Bevölkerungsgruppe den Ton angab: die Serben in Jugoslawien, die Türken in der Türkei. Minderheiten wie die Kroaten oder die Bosnier in Jugoslawien blieben außen vor. Wilson schwebte aber vor, dass Minderheiten demokratische Autonomierechte erhalten. Weil das nicht geschah, wurden in der Nachkriegsordnung von 1918 neue Konflikte vorprogrammiert und bis heute unruhige Zonen etabliert.

Ex-Jugoslawien

Nicht einmal über die Bedeutung von Attentäter Gavrilo Princip, der vor hundert Jahren in Sarajevo mit dem Attentat auf Österreichs Thronfolger den Startschuss zum Ersten Weltkrieg gab, sind sich die Völker des früheren Jugoslawien heute einig. Serbien feierte Princip Ende Juni als Held, Bosnien verurteilte ihn als serbischen Nationalisten. Das einst multikulturelle Sarajevo teilt sich heute in ethnisch getrennte Quartiere. In Kosovo, der früheren Provinz Serbiens mit einer albanischen Mehrheit, sind nicht einmal die Grenzen klar definiert. Seine einseitig ausgerufene Unabhängigkeit wird von vielen Ländern nicht anerkannt.

Der britische Premierminister Winston Churchill sagte über den unruhigen Balkan, er produziere mehr Geschichte, als er verbrauchen könne. Als 1918 aus Serbien sowie aus früheren Provinzen des Osmanischen Reichs und Österreich-Ungarns der Staat Jugoslawien formiert wurde, begannen neue Separationsbestrebungen der Kroaten oder Bosnier.

Unter dem kommunistischen Staatschef Josip Tito schien die Region nach dem Zweiten Weltkrieg auch dank Autonomierechten zusammenzuwachsen. 1992 bis 1995 explodierten die unterdrückten Spannungen in blutigen Kriegen. Die Ordnung von 1918 zerfiel in neue Nachfolgestaaten. 1999 gab es im Teilungsprozess eine weitere Runde, als sich Kosovo nach dem militärischen Eingreifen der Nato gegen Serbien emanzipierte. Noch heute ist die Region eine unsichere Zone, deren neue Teilstaaten sich aneinander reiben.

Türkei und Armenien

Wenn 2015 des Völkermords an den Armeniern vor hundert Jahren gedacht wird, dürfte das für außenpolitische Verstimmungen sorgen. Die Türkei stellt in Abrede, dass die Verfolgung der Armenier 1915 ein Genozid war. Wer ihn anerkennt wie Frankreich oder der Schweizer Nationalrat, muss mit harschen Reaktionen aus Ankara rechnen. Die Türkei fürchtet finanzielle und territoriale Ansprüche.

Im Ersten Weltkrieg versprachen England und Frankreich der christlichen Minderheit der Armenier einen eigenen Staat. Im zerfallenden Osmanischen Reich verfügte die nationalistische Regierung der Jungtürken 1915, aus Sorge um die territoriale Einheit der türkischen Nation, die Deportation und die Ermordung von bis zu 1,5 Millionen Armeniern. Nach dem Zerfall Osmaniens eroberte die neu gegründete Türkei bis 1923 die kurzzeitig existierende armenische Republik in Ostanatolien und teilte sie sich mit der Sowjetunion. Überlebende Armenier flohen in alle Welt. Erst 1991 wurde der östliche, vorher sowjetische Teil Armeniens wieder selbstständig.

Auch die muslimischen Kurden sind Leidtragende der Neuordnung nach dem Ersten Weltkrieg. Obwohl ihnen die Alliierten Autonomie versprechen und sie die Türken im Unabhängigkeitskrieg bis 1923 unterstützen, sind sie in der Türkei bis heute eine unterdrückte Minderheit.

Irak

Vielleicht gelingt es nun den über mehrere Staaten verstreuten Kurden im von ihnen kontrollierten Nordirak, die Unabhängigkeit zu erringen. Vor den Kameras der Weltöffentlichkeit zerfällt derzeit der Irak und damit die Nachkriegsordnung von 1918 in dieser früheren osmanischen Provinz in drei Teile. Die islamistische Terrorgruppe Isis hat mit Unterstützung sunnitischer Stämme ein Gebiet im Norden Syriens und im Westen Iraks erobert. Die Regierung kontrolliert nur noch den schiitischen Süden.

Im Ersten Weltkrieg versprachen Frankreich und England osmanischen Völkern Autonomie, sie verfolgten aber noch eine zweite, verborgene Agenda. 1916 teilten der britische Diplomat Mark Sykes und der Franzose François Georges Picot den erdölreichen Nahen Osten in Interessensphären auf: England ließ sich vom Völkerbund, dem Vorläufer der UNO, den neu formierten Irak und Jordanien als Mandatsgebiet übertragen, Frankreich übernahm das neu gebildete Syrien und den Libanon.

Die ethnischen und religiösen Gruppen im Irak oder in Syrien waren sich nur im Widerstand gegen die Mandatsmacht einig. Nach der Unabhängigkeit wurden Irak und Syrien von einer dominanten Gruppe diktatorisch gesteuert. Im Irak herrschte bis 2003 Saddam Husseins sunnitische Baath-Partei. Auch die USA, die den Irak 2003 eroberten, konnten keinen inneren Ausgleich zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden etablieren.

Syrien

Syrien, wo seit dem Arabischen Frühling 2011 ein Bürgerkrieg tobt, ist heute ein gescheiterter Staat. Sein 1918 abgestecktes Staatsgebiet ist nur noch partiell unter der Kontrolle von Bashar al-Assads Regime. Es sieht derzeit so aus, als ob die Nahostordnung mit den Grenzen von 1918 zerfalle. Würden Syrien und der Irak als Staaten verschwinden, dürfte das eine riskante Dynamik mit neuen, unter Umständen terroristischen Playern auslösen.

Palästina und Israel

Auch der Dauerkonflikt zwischen Israel und den Palästinensern hat Wurzeln in der Nachkriegsordnung von 1918. Großbritannien erhielt 1920 vom Völkerbund das Mandat über Palästina, das mit der Auflage verbunden war, den Juden eine nationale Heimstätte zu geben. Grenzziehungen gab der Völkerbund dafür keine vor. Und die arabischen Bewohner wurden nicht in das Aufteilungsverfahren der Region einbezogen. Grenzen werden in der Region bis heute mit Kriegen und Vertreibungen gewaltsam gezogen und verschoben.

Es ist ein kleiner Trost, dass Wilsons Selbstbestimmungsrecht in einigen Staaten zum Erfolg führte: Im prosperierenden Polen. Oder in der Schweiz, die nach 1918 zur Willensnation zusammenwuchs. Sie begriff, dass föderalistische Machtteilung und Minderheitenschutz Stabilität bringen.

Stefan von Bergen

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