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Die türkische Gesellschaft im Umbruch

  • Geschrieben von Nevfel Cumart
Orhan Pamuk: Cevdet und seine Söhne

Orhan Pamuks Romandebüt überzeugt durch literarische Reife und psychologischem Einfühlungsvermögen!

Die Biographie des Nobelpreisträgers Orhan Pamuk ist sicherlich keine gewöhnliche für türkische Verhältnisse: 1952 in Istanbul geboren und aufgewachsen in einem gutbürgerlichen Ambiente mit Bediensteten, besuchte er die elitäre amerikanische Schule hoch über den Ufern des Bosporus.

Später studierte er dem Wunsch der Familie folgend Architektur und Zeitungswissenschaften. Einer beruflichen Karriere stand eigentlich nichts im Weg. Nur die eigenen Wünsche und Lebensträume. Und die bestehen für den jungen Pamuk in der Hinwendung zur Literatur. Mit 22 Jahren fasst er den Entschluß, gegen den Willen der Familie Schriftsteller zu werden und widmet sich fortan mit Leib und Seele dem Schreiben.

Von der Mutter finanziell unterstützt, zieht Pamuk sich in das abgeschiedene Ferienhaus der Familie auf einer kleinen Insel vor Istanbul zurück und schreibt jede freie Minute. Er schreibt acht lange Jahre lang unbeirrt, bleibt aber ohne öffentliche Aufmerksamkeit und ohne eine Publikation. Denn für sein erstes Romanmanuskript, für den er sogar eine Auszeichnung erhält, findet er zunächst keinen Verlag. Erst 1982 wird   „Cevdet und seine Söhne“ veröffentlicht. Lange hat sich Pamuk gesträubt, sein „Jugendwerk“ in eine andere Sprache übersetzen zu lassen. Nun liegt es endlich in einer glänzenden Übersetzung ins Deutsche von Gerhard Meier vor.

Pamuk hat schon zu Anbeginn seines literarischen Schaffens mit verblüffender Intensität sein zentrales Thema gefunden: die brüchige Suche nach Identität zwischen Ost und West, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Eine in vielfacher Hinsicht für die Türken schmerzliche Suche in einer Zeit des Übergangs, in der die Nachwirkungen des osmanischen Erbes mit der radikalen Verwestlichung und Europäisierung durch Mustafa Kemal Atatürk zusammenprallen.
Diese immerwährende Suche spiegelt sich vielschichtig in der Familiensaga „Cevdet und seine Söhne“ wider, die im Jahre 1905 beginnt und bis Anfang der 1980er Jahre reicht. Wir begegnen und begleiten zum Auftakt des Romans Cevdet, einen Istanbuler Geschäftsmann, der als Muslim ein Außenseiter inmitten der griechischen und armenischen Geschäftsleute der Stadt ist. Der aus sehr einfachen Verhältnissen stammende Kaufmann hat es mit dem Verkauf von Lampen an die Stadt und der Schiffahrtsgesellschaft zu Erfolg und Reichtum gebracht. Nun soll ihm noch die arrangierte Ehe mit Nigan, der Tochter eines osmanischen Paschas, den Eintritt in die besseren Kreise der Gesellschaft bescheren.

Vor dem Hintergrund der politischen Umbrüche gehen aus dieser Ehe drei Kinder hervor, die im zweiten Teil des weit ausgreifenden Romans die Hauptrollen spielen: Osman scheint die Geschäftstüchtigkeit und den Ehrgeiz des Vaters geerbt zu haben und widmet sich dem Familienunternehmen. Refik hingegen sympathisiert eher mit dem einfachen Volk, hängt der marxistischen Lehre an und verfaßt ein aufklärerisches Buch. Und Ayse, die bezeichnender Weise nicht im Buchtitel auftaucht, steht für den Wandel der Geschlechterrolle im Zuge der Kulturreformen Atatürks. Ebenso wie ihre Brüder und der im dritten Teil des Romans als Künstler sich gegen die Konventionen auflehnende Ahmet, sucht sie ihren Platz in der neuen Nation. Und diese ist durch die forcierte Westorientierung, durch den aufoktroyierten Wechsel des Alphabets, der Zeitrechnung, der Kleiderordnung, des Rechtswesens und einigem mehr eine gänzlich andere geworden als zu Zeiten Cevdets.

Gleich geblieben ist die Intensität der inneren Auseinandersetzung, der Debatten und der politischen Diskussionen, in die Pamuk seine Figuren ausgiebig stürzt, um somit das vielschichtige und komplexe Bild einer Gesellschaft im Übergang vom osmanischen Hof in die anatolische Steppe aufzuzeigen.

Pamuks Romandebüt ist mitnichten ein konventioneller Familienroman, ein traditioneller Gesellschaftsroman, der sich, wie im Nachwort bekräftigt, an Manns „Buddenbrooks“ und Tolstois „Anna Karenina“ orientiert. Es kann sicher sprachlich und stilistisch nicht mit den späteren Bestsellern wie „Das schwarze Buch“ mit seinen unzähligen Anleihen aus den Literaturen von Ost und West oder „Schnee“ mit seinen verblüffenden Perspektivenwechseln mithalten.
Aber wer auf dem Weg der Literatur über die Geschichte der modernen Türkei informiert werden will, wer die radikalen Traditionsbrüche und den enormen Wandel in der türkischen Gesellschaft nachvollziehen und die heutige Türkei verstehen will, dem sei „Cevdet und seine Söhne“ wärmstens empfohlen.  

Nevfel Cumart

Orhan Pamuk: Cevdet und seine Söhne. Roman. Hanser Verlag München, 2011. 659 Seiten. 24,90 Euro. ISBN 978-3-446-23639-4

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