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Von menschlichen Abgründen und Willkürherrschaft

  • Geschrieben von Portal Editor
Najem Walis packender Roman

Najem Walis packender Roman über die Hölle des Irak-Kriegs

Der Iraker Najem Wali, der 1956 in Basra geboren wurde und 1980 bei Ausbruch des iranisch-irakischen Kriegs nach Deutschland floh, ist wahrhaftig kein bequemer Autor. Er wollte auch nie einer sein, denn sonst hätte er für seine Bücher andere Stoffe ausgesucht. In seinem Roman „Die Reise nach Tell al-Lahm“ (2004) geht es um Militär, Politik und Jungfräulichkeit und die Rolle der irakischen Offiziere, die im Krieg im Irak viele unschuldige Mädchen verführt, gar vergewaltigt haben. Das kritische Buch wurde im Irak und in einigen anderen islamischen Ländern verboten, avancierte dennoch unter der Hand zu einem Kultbuch.

Für ebenso viel Aufsehen sorgte auch Walis Roman „Reise in das Herz des Feindes. Ein Iraker in Israel“ (2009), das allein durch seine Existenz ein Novum in der Geschichte der arabischen Literatur ist. Allein schon die Tatsache, dass man als Araber Israel bereist, gilt in vielen islamischen Ländern als Verrat. Wenn dieser Araber sich auch noch aufmacht, die israelische Gesellschaft von innen zu behandeln und Verbindendes zwischen Juden und Arabern aufzuzeigen, dann ist ihm die Abneigung vieler Muslime sicher. Und auch der orthodoxen Religiösen im Zentralrat der Juden.

Auch mit seinem jüngsten Roman „Bagdad…Marlboro“ wird Najem Wali sich in seiner alten Heimat Irak nicht viele Freunde machen. Im amerikanischen Lager allerdings auch nicht. Denn er erweist sich erneut als Chronist schrecklicher Verbrechen. Dabei belässt er es nicht beim dritten Golfkrieg, den die Amerikaner mit manipulierten Beweisen gegen Saddam Hussein angezettelt haben. Er schlägt einen weiten Bogen, der vom iranisch-irakischen Krieg Anfang der 1980er Jahre und den Kämpfen in Kurdistan bis zum amerikanischen Einmarsch in Bagdad und dem viel schlimmeren Nachkrieg. Die wichtigste Station der Handlung ist aber der Kuweit-Krieg von 1991, dem Wali erzählerisch viel Platz einräumt.

Mit kurzen Worten ist der überwältigende Erzählstrom nicht wiederzugeben. Der Hauptstrang aber ist klar: Die zwei Haupt-Protagonisten, ein irakischer Soldat und ein US-Soldat kämpfen zwar an verschiedenen Fronten während des Kuweit-Kriegs. Doch beide, den irakischen Dichter Salmân Mâdi und den Afroamerikaner Daniel Brooks, verbindet nicht nur die Liebe zum Poeten Walt Whitman sondern auch die Tatsache, dass jeder auf seine Art, an der Tötung vieler anderer Soldaten verwickelt ist. Obwohl beide den Frieden, die Wüste und auch den Humor lieben. Besonders tragisch die Situation von Daniel Brooks: Jahrelang ist es im gelungen in Versorgungsdepots zu dienen und dem Waffeneinsatz auszuweichen, bis ein Vorgesetzter ihn zwang, mit einem Bulldozer halbnackte irakische Soldaten in großen Gruben bei lebendigem Leibe zu begraben.

Von den Hintergründen dieser und anderer Greueltaten erfährt der namenlose Erzähler des Romans, ein manisch-depressiver Tierarzt, auf abenteuerliche Art und Weise durch einen ehemaligen Soldaten und einem Brief aus Kriegszeiten. Er gerät ins das Visier rivalisierender Militärgruppen, ist sich schließlich seines Lebens in Bagdad nicht mehr sicher und flieht nach einer Odyssee im Untergrund mit gefälschtem Pass in die USA!

Dort lässt Wali auch seinen fulminanten Roman enden: Im amerikanischen Garnisonsstädtchen Fort Meade, wo der Prozess gegen den „Whistleblower“ Bradley Manning im Jahre 2013 verhandelt wird, dem der namenlose Erzähler beiwohnt. Manning hatte unzählige Dokumente über Verbrechen der US-Streitkräfte an Wikileaks weitergeleitet und wurde dafür zu 35 Jahre Haft verurteilt. Dass Manning die Wahrheit ans Licht bringen und mit diesem Akt beweisen wollte, dass man der Hölle des Kriegs Widerstand entgegen bringen kann, lässt den namenlosen Erzähler hoffungsvoll stimmen.

„Bagdad…Marlboro“ ist keine leichte Lektüre, strukturell wie auch inhaltlich nicht. Die vielen Nebenschauplätze, die Zeitsprünge und die kaum von Absätzen unterbrochene, verschachtelte Erzählweise verlangen vom Leser viel ab. Ebenso wie der Inhalt, der von menschlichen Abgründen, Gewalt und Willkürherrschaft ebenso handelt wie von kriegerischen Grausamkeiten und so manchen Leser sicher in eine deprimierte Stimmung der Sprachlosigkeit versetzt. Aber die Lektüre lohnt sich allemal, denn Wali bringt das Kunststück fertig, eben diese Sprachlosigkeit durch das Erzählen zu überwinden und uns einen packenden Kriegsroman zu bescheren.

Nevfel Cumart

Najem Wali: Bagdad…Marlboro. Ein Roman für Bradley Manning. Carl Hanser Verlag, München 2014. 350 Seiten.

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