Im Ozean der Liebe - Elif Şafak & der Mystiker Rumi

Im Ozean der Liebe

Elif Shafaks beeindruckende Hommage an den großen Mystiker Rumi - Dschalal ad-Din Rumi (1207 – 1273), der größte Mystiker und einer der wichtigsten Dichter in der islamischen Geschichte wird von vielen Seiten vereinnahmt:

Weil er in Balch, im heutigen Afghanistan, geboren wurde, beharren die Afghanen darauf, dass er einer von ihnen sei. Weil er seine Werke in persischer Sprache verfasste, der damaligen Literatursprache in der islamischen Welt, beanspruchen die Iraner ihn für sich. Und weil er die meiste Zeit in Konyalebte, wo er auch starb und sein Mausoleum zu finden ist, behaupten die Türken stolz, dass er ein Türke sei. Doch Rumis universelles Werk und seine Lehre von der Liebe überschreitet solche Grenzen und wird weltweit rege rezipiert.

Insbesondere in den USA sind Gedichtsammlungen von Rumi Bestseller und werden von einer studentischen Leserschaft regelrecht verschlungen. Es ist jedoch fraglich, ob diese Leserschaft jenseits der esoterischen Oberfläche in die Tiefe von Rumis Denken und Schreiben vordringen kann, die zutiefst aus dem Koran und den Hadithen des Propheten Muhammed schöpfen.

Unfraglich ist aber, dass die türkische Schriftstellerin Elif Shafak Rumis Leben und Werk zu erfassen vermag! Denn sie widmete sich schon seit Jahren der islamischen Mystik. Für ihren ersten Roman „Pinhan“ (1997) erhielt sie in der Türkei sogar den „Mevlana-Preis“, mit dem Werke im Bereich der islamischen Mystik ausgezeichnet werden. Da war es vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis Rumi eine zentrale Rolle in einem ihrer Romane spielt.

Rumis Hauptwerk „Mathnawi“ enthält mit seinen rund 27 000 Doppelversen die gesamte Tradition der islamischen Mystik im Mittelalter und wird bis heute in tiefer Verehrung als „Der Koran in persischer Sprache“ bezeichnet. Nicht umsonst priesen ihn historische Mystikerkollegen mit den Worten: „Er ist kein Prophet, und doch hat er ein Buch!“ Dem so Gepriesenen gab man aus ebensolcher Verehrung zu Lebzeiten den Beinamen „Maulana“ (türk.: „Mevlana“, deutsch: unser Meister).

Shafak beschreibt die Begegnung Rumis mit dem Wanderderwisch Shamsuddin, einem eigenwilligen Geist, der auf der Suche nach Gott weit vorangeschritten ist und sich über jegliche Konventionen setzt. Das Zusammentreffen mit dem unkonventionellen Derwisch wirft den berühmten orthodoxen Gelehrten aus der Bahn. Wochenlang ziehen sich beide in ein Zimmer zurück, sind Spiegel füreinander, vergessen die Umwelt, derweil sich durch Neid und Mißgunst Schlimmes anbahnt.

Doch die Geschichte um Rumi und Shamsuddin spielt sich im Hintergrund ab, es ist der Roman im Roman. Im Vordergrund von „Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ steht die 40jährige Ella Rubinstein, die mit ihrem Mann David und den drei Kindern in Northampton bei Boston lebt. Liebe steht nicht im Mittelpunkt von Ellas Leben. Eher eine Leere, die sie zusehends stärker verspürt. Ihr Mann betrügt sie seit Jahren, die ältere Tochter Jeannette will aus der Familie ausbrechen und Ellas einzige Leidenschaft, das Kochen, verspricht auch kaum Befriedigung. Da kommt ihr der Nebenjob als Gutachterin für eine Literaturagentur ganz recht. Doch Ella kann nicht ahnen, dass der erste Roman, den sie begutachten soll, sie zunächst in den Bann und später aus der Bahn werfen wird.

Das Manuskript heißt „Süße Blasphemie“ und erweist sich als ein historischer Roman über die außergewöhnliche Freundschaft zwischen Rumi, „dem meistverehrten geistlichen Führer in der Geschichte des Islams“ und Schamsuddin, „einem unbekannten wie skandalträchtigen Derwisch“. Von den ersten Seiten an ist Ella fasziniert von dem Roman. Aber auch von seinem Verfasser A. Z. Zahara, der in seiner Einleitung ganz im Geiste Rumis postuliert, dass die „Liebe der eigentliche Kern, der eigentliche Zweck des Lebens“ sei. Sie nimmt per Mail und Brief einen intensiven Kontakt zu ihm auf und trifft sich sogar mit ihm in Boston. Überwältigt ist sie von diesem Mann, so wie einst Rumi von Shamsuddin, der aus dem Gelehrten durch die Flamme der Liebe einen Dichter machte.

Die 1971 geborene Elif Shafak ist eine Kosmopolitin: In Strassburg geboren und in Madrid aufgewachsen, studierte und promovierte sie in der Türkei, um später in Tuzcon zu lehren. Derzeit pendelt sie zwischen London und Istanbul. Dass sie eine der meistgelesenen Schriftstellerinnen der Türkei ist und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, ließ sie nicht in das Seichtwasser des literarischen Mainstreams gleiten. Im Gegenteil. Weil sie in ihrem Roman „Der Bastard von Istanbul“ die Vertreibung und die Massaker an den Armeniern thematisiert hatte, musste sie sich 2006 wegen „Herabwürdigung des Türkentums“ vor Gericht verantworten.

„Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ schrieb Shafak, sehr zum Leidwesen der türkischen Ultranationalisten in Englisch. Es gelingt ihr, die beiden Erzählstränge geschickt miteinander zu verweben. Jedes Kapitel wird aus der Perspektive eines anderen Charakters erzählt und somit eine Komposition unterschiedlicher Erzählstimmen präsentiert. Literarisch hat Shafak eine doppelte Liebesgeschichte vorgelegt. Als kosmopolitische Vermittlerin hat sie den Fokus auf eine Facette des Islams gelenkt, die im diskussionsfreudigen Deutschland mit den unseligen Debatten über Fundamenlatlismus, Salafismus, Kopftuch und anderem mehr kaum zur Kenntnis genommen wird. In der englischsprachigen Literaturwelt wird Elif Shafak schon seit Jahren von Lesern und Kritikern gefeiert. So verwundert es nicht, dass die Presse in den USA und England voll des Lobes über Shafaks „Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ war. Für die große britische Tageszeitung The Independent „verdient dieser Roman, ein weltweites Verkaufsphänomen zu werden“. Diese charismatische Botschafterin der aktuellen türkischen Literatur verdient diesen Erfolg!

Nevfel Cumart

Elif Shafak: Die vierzig Geheimnisse der Liebe. Roman. Kein & Aber Verlag; Zürich, 2013. 508 Seiten, 22,90 Euro.

Elif Şafak

Als Tochter der Diplomatin Şafak Atayman und des Soziologieprofessors Nuri Bilgin wuchs Elif Şafak, geboren am 25. Oktober 1971 in Straßburg unter dem Namen Elif Bilgin in Madrid und Amman auf. Sie studierte Internationale Beziehungen an der Technischen Universität des Nahen Ostens in Ankara, erhielt einen Master of Sciences in Gender and Women's Studies mit einer Arbeit über The Deconstruction of Femininity Along the Cyclical Understanding of Heterodox Dervishes in Islam und promovierte an derselben Universität in Politischen Wissenschaften mit An Analysis of Turkish Modernity Through Discourses of Masculinities. Ab 2006 arbeitete sie als Assistant Professor an der Abteilung für Nahost-Studien der University of Arizona in Tucson. Derzeit forscht sie an der Kingston Universität London.

Literarisch debütierte Elif Şafak mit der 1994 veröffentlichten Erzählung Kem Gözlere Anadolu. Ihr erster Roman (Pinhan) erschien 1997 und wurde im Jahr darauf mit dem nach dem persischen Mystiker Celaleddin Rumi benannten Mevlana-Preis ausgezeichnet, der für Werke im Bereich der islamischen Mystik vergeben wird. Ein erster Durchbruch gelang ihr mit dem Roman Şehrin Aynaları (Spiegel der Stadt), für den sie im Jahr 2000 den Preis des türkischen Schriftstellerverbandes erhielt. Das Pseudonym Şafak (türkisch „Morgenröte“) ist der Vorname ihrer Mutter. Sie schreibt in türkischer und englischer Sprache.
Die Themen ihres in englischer Sprache veröffentlichten Romans The Bastard of Istanbul riefen heftige Reaktionen in ihrer Heimat hervor und die türkische Justiz auf den Plan. Diese fällte jedoch im September 2006 das Urteil, dass die beklagten Passagen in dem Roman nach Art. 301 (3) des Türkischen Strafgesetzbuches rechtens seien; denn – so hieß es in der Urteilsbegründung weiter – „Meinungsäußerungen, die mit der Absicht der Kritik erfolgt sind, stellen keine Straftat dar.“

Anlässlich der Proteste in der Türkei im Sommer 2013 äußerte Şafak, die türkischen Bürger hätten das Vertrauen in die Regierung verloren. Die türkische Regierung begehe den Fehler, die Ängste der Bürger nicht ernst zu nehmen.
Şafak ist Gründungsmitglied des European Council on Foreign Relations.
Elif Şafak gehört zu den meistgelesenen Schriftstellerinnen in der Türkei sowie zu den türkischen Schriftstellern mit hohem Bekanntheitsgrad im Ausland.
Elif Şafak ist mit dem türkischen Journalisten Eyüp Can Sağlık verheiratet und hat mit ihm eine Tochter (* 2006) und einen Sohn (* 2008). Sağlık gilt als Parteigänger des islamischen Predigers Fethullah Gülen.

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