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Marmorhandel und Opiumernte / Von Lutz Jäkel

  • Geschrieben von Website Editor
Marmorhandel und Opiumernte

Die türkische Stadt Afyon ist bekannt für Opium, türkischen Honig und weißen Marmor. Früher schmückte der blütenweiße Stein die Paläste römischer Kaiser, heute die Badezimmer in Luxushotels. Doch trotz großer Nachfrage birgt das Geschäft Risiken. 

Afyon hat viele Spezialitäten. Opium zum Beispiel. Deswegen hat Afyon auch den Namen Afyon Karahisar, schwarze Opiumburg. Das spezielle Kraut wird heute aber nur noch unter staatlicher Kontrolle angebaut. Lokum, der pappsüße "türkische Honig", ist eine andere Spezialität. Sucuk, die Wurst, eine weitere. Sucuk gibt es an vielen Orten der Türkei. Wenn es eine echte Afyon-Sucuk ist, dann besteht sie aus Wasserbüffel- und Rinderfleisch, ein bisschen Fett aus dem Darm, viel Knoblauch, Thymian und Rotem Pfeffer. Man sagt, die Afyon-Sucuk schmecke deswegen so delikat, weil die Tiere auf den Feldern vor allem Opium fressen.

Auch die Altstadt ist sehr hübsch. Sie wurde bei einem Feuer 1918 erheblich zerstört, dann aber wieder im traditionellen Stil aufgebaut. So konnte sie ihren Charakter bewahren. Nicht zu vergessen die Thermalquellen, um die herum sich in jüngster Zeit immer mehr Hotels gruppieren.Wellness ist auch hier angekommen.
Die bekannteste Spezialität befindet sich allerdings etwas außerhalb der Stadt. Etwa 30 Kilometer nordöstlich erreicht man bei Iscehisar eine alte römische Brücke. Sie verband einst die beiden Teile des antiken Dokimeion, das in römischer Zeit nach Athen und Rom das wichtigste Zentrum für Marmorgewinnung war. Dieser Stein war damals unter dem Namen "phrygischer Marmor" bekannt. Kaiser bevorzugten ihn in ihren Palästen, aber Marmor aus Afyon schmückt auch die Hagia Sophia oder die San Vitale in Ravenna. 

Rutschpartie im Bulldozer

Necdet hat es geschafft. Er hat den Job, den alle haben wollen: Er fährt einen Bulldozer, rund 60 Tonnen schwer mit mannshohen Reifen, die mit schweren Ketten ummantelt sind als Schutz vor den Marmorsplittern. "Ich habe mich hochgearbeitet über die vielen Jahre. Heute mache ich es mir auf dem Fahrersitz bequem", sagt der 38-Jährige, der schon nach der Grundschule zu den Steinbrüchen kam und somit schon seit über 20 Jahren hier arbeitet. Etwa dreißig Mal am Tag fährt er in den mittlerweile 120 Meter tiefen Steinbruch hinein und holt die bis zu 30 Tonnen schweren Marmorblöcke nach oben. 

Heute nimmt er uns mit. Die Fahrt führt serpentinengleich mit beängstigendem Gefälle an haushohen Marmorwänden entlang. Es hat geregnet, und der Bulldozer rutscht plötzlich seitlich über den matschigen Weg. "Das kommt vor, kein Grund zur Sorge", beruhigt Necdet. Dennoch krallen wir uns noch fester an den Trittbrettern der Fahrerkanzel fest, die nur für eine Person ausgelegt ist, und vertrauen auf Necdets Fahrkünste. Schließlich hat er auch Familie.

"Der begehrteste und damit der lukrativste Marmor ist der blütenweiße", sagt Gökhan Aschik, 28-jähriger Vorarbeiter einer Marmorfirma. "Den gibt es in der Türkei in dieser Reinheit nur hier." Es ist der Marmor, aus dem sich die römischen Kaiser ihre Sarkophage anfertigen ließen und heute Betuchte aus der Türkei, Europa und den USA ihre Badezimmer auslegen lassen. In seiner Qualität konkurriert er mit dem Carrara-Marmor. "Wir stoßen auch auf andere Sorten", sagt Gökhan, "auf Travertin, oder auf die, die wir "Nelke" oder "Himmelblau" nennen. Aber zunächst suchen wir gezielt nach dem weißen Afyon-Marmor." Die Nachfrage ist hoch, der Preis entsprechend. Etwa das Zweieinhalb- bis Dreifache des Preises für normalen Marmor muss man für Afyon-Marmor berappen.

Gökhans Firma "Mermer Reis" (Reis Marmor) teilt sich mit fünf weiteren Firmen den Steinbruch. "Das ist effektiver, da wir uns auch die Kosten teilen", erklärt er. Aber es kann ein Spiel mit ungewissem Ausgang sein, für jedeFirma: Eventuell ist nur ein Teil des Steinbruchs von gutem Afyon-Marmor, andere Teile sind nur von minderer Qualität. "Das kommt vor, doch wir hatten bisher Glück", sagt Gökhan lächelnd.

Wieder fällt ein Block herab

120 Meter haben sich die sechs Firmen des Steinbruchs bislang in die Tiefe gebohrt, sie rechnen noch mit etwa 15 weiteren Metern, die nach etwa drei bis fünf Jahren erschöpft sein werden. Durch Probebohrungen ergeben sich mögliche Bohrtiefen. Da sie diese Probebohrungen allerdings nur Schicht für Schicht durchführen, bleibt ein Risiko: Manchmal geht es nach wenigen Metern nicht mehr weiter. Stößt man auf spröde und löchrige Steine, stellt man den Abbau ein. Dieser Steinbruch aber ist schon seit fast 20 Jahren ergiebig: "Im Monat bauen wir um die 2000 Kubikmeter Marmor ab", erzählt Gökhan. Nicht weit entfernt fällt mit lautem Rumms ein Block zu Boden.
Zwei Arbeiter setzen die riesige Säge an eine Wand an. Präzisionsarbeit mit der Wasserwaage. Necdet hilft auch hier mit seinem Bulldozer weiter, die tonnenschweren Sägen zu bewegen. Zunächst werden Blöcke von etwa drei Metern Tiefe und je acht Metern Breite und Höhe aus den Wänden gesägt. Anschließend legt einer der Arbeiter das diamantbesetzte Stahlseil über den Block. Diamanten, die in regelmäßigen Abständen fest auf dem Seil sitzen, haben vor über 20 Jahren den Kieselsand als Schneidemittel abgelöst. 

Zur Kühlung und Spülung der Fugen wird noch immer Wasser verwendet. Die daraus entstehenden handlicheren Blöcke wiegen dann nur noch etwa 30 Tonnen und können von Necdet abtransportiert werden. Vorsicht ist geboten: Immer wieder reißen die Seile unter den hohen Zugkräften und fliegen dann wie Geschosse durch die Luft. Die Arbeiter stehen deswegen hinter einer Schutzwand.

Manchmal finden in den Steinbrüchen Auktionen statt. Dann reisen Vertreter von Unternehmen an, die keine eigenen Steinbrüche besitzen, und ersteigern die begehrte Ware. Die meisten Blöcke aber landen in den Verarbeitungsfirmen, die sich entlang der Ausfallstraße von Afyon aneinanderreihen. Dort liegen all die riesigen Marmorblöcke zum Teil so bunt übereinander gestapelt, dass sie von weitem aussehen, als hätte Gulliver seine Bauklötze vergessen. Diese "Mermer"-Unternehmen sind alle in Privatbesitz, der größte von ihnen, die FirmaTureks, liefert ausschließlich in die USA.

Seit Generationen im Marmorgeschäft

Auch für "Mermer Reis" sind die USA ein sehr guter Absatzmarkt, eine Tochtergesellschaft in Tampa/Florida kümmert sich um den dortigen Absatz, erklärt Direktor Ibrahim Taschoyan: "Unsere Spezialität 'Reis Golden' ist dort ein Renner." Taschoyan, das bedeutet Steinbohrer. Auch die Großeltern von Ibrahim Taschoyan arbeiteten in der Marmorverarbeitung. Und als Atatürk von allen Türken verlangte, sich nach europäischen Vorbild einen Nachnamen zu nehmen, den es bis zur türkischen Republik noch nicht gab, nannten sie sich Steinbohrer. Ibrahim ist allerdings der erste seit langer Zeit aus seiner Familie, der wieder im Stein bohrt.

Über dem Portal der Fabrik begrüßt den Besucher eine arabische Basmallah, die Segensformel an Allah. Und Gottes Allmacht braucht man bei dem ohrenbetäubenden Lärm auch. Riesige Maschinen schneiden hier die großen Blöcke in etwas handlichere Scheiben, anschließend werden sie geschliffen und poliert und zu Badezimmerplatten, Fensterbrettern, Stufen oder Waschbecken verarbeitet. Aus kleineren Stücken und Schnittabfall entstehen Aschenbecher, Vasen und kleine Gefäße. Es gibt Firmen, die haben sich ganz auf die "Abfälle" spezialisiert, sagt Ibrahim Taschoyan.

Arbeitslöhne sind niedrig in der Türkei, so kann man es sich leisten, eine Arbeitstufe in mehrere Schritte zu unterteilen. Ein Arbeiter hebt die Platte von der Palette, reicht sie einem anderen, der sie jemandem reicht, der sie schließlich auf ein Band legt. Nachdem die Platte poliert ist, reicht sie ein Arbeiter jemandem, der sie wieder auf eine Palette legt. Und so weiter. Bei den meisten Arbeitern liegen die Ohrenschützer irgendwo bei den Maschinen herum, nur nicht auf den Ohren. "Nun ja", sagt Ibrahim Taschoyan, "wer drei Mal ohne Ohrschutz erwischt wird, bekommt eine Verwarnung. Aber wenn sie nun mal nicht wollen? Was soll ich machen?"

Da liegen sie nun auf den Paletten, die Marmorplatten mit den klangvollen Namen "Denizli Light", "Denizli Medium" oder der USA-Renner "Reis Golden", der sich in alle Welt verkauft. "Aber nichts geht natürlich über Afyon Marmor", sagt Ibrahim Taschoyan stolz. Große Hotels seien auch ihre beste Kunden. Im Kempinski Hotel und im Ritz Carlton in Istanbul flanieren die Wohlhabenden der Welt über das edle Weiß, Dubai wird zunehmend ein wichtiger Markt.

Überall dort also, wo Luxus eine große Rolle spielt, liegt mit großer Wahrscheinlichkeit auch immer ein StückAfyon-Marmor.

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