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Schmerzlicher Blick in dunkle Vergangenheit - Zülfü Livaneli

  • Geschrieben von Nevfel Cumart
Ein schmerzlicher Blick in die dunkle Vergangenheit

Zülfü Livanelis bewegender Roman über das Schicksal deutscher Juden in der Türkei - Der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk ist vielen Literaturinteressierten in Deutschland ein Begriff.

Keine Frage. Sein Landsmann Zülfü Livaneli ist hierzulande weitaus weniger bekannt.

Viel zu unrecht, zumal der Nobelpreisträger selbst feststellt: „Livaneli ist eine unverzichtbare Autorität in der kulturellen und politischen Szene der Türkei.“ Diese positive Einschätzung kann man auch anders ausdrücken: Livaneli ist eine schillernde Figur in der türkischen Kulturlandschaft! Die Betonung liegt auf „Kultur“, denn der 1946 geborene Livaneli ist vielseitig.

Als Komponist und Liedermacher hat er mit seinen Alben und Filmmusiken international Renommee und Preise erworben. Als Regisseur wurde er mit seinen Filmen auf diversen Filmfestivals gefeiert. Mit den gemeinsamen Musikprojekten und Konzerten mit den griechischen Stars Maria Farantouri und Mikis Theodorakis hat er wichtige Impuls für die Verbesserung der griechisch-türkischen Beziehungen gegeben. Mit seinen Büchern erobert er regelmäßig die Bestsellerlisten in seiner Heimat. Seit 1995 ist er UNESCO-Botschafter und bis 2007 saß er als Abgeordneter der traditionsreichen „Republikanischen Volkspartei“ im türkischen Parlament.

Livaneli genießt also heute durch die Bank weg hohes Ansehen in der Türkei. Doch das war nicht immer so. Livaneli hat auch andere Zeiten erlebt. Zeiten, in denen seine Musik verboten war. Zeiten, in denen er nur unter Pseudonym Filmmusiken komponieren konnte. Zeiten, in denen er seines Lebens nicht mehr sicher sein konnte und für einige Jahre ins Exil nach Schweden gehen musste. Viele seiner nationalistisch gesinnten Landsleute würden ihn gerne auch heute ins Exil schicken! Denn Livaneli hat sich - wieder einmal - nicht um gesellschaftliche Tabus geschert und für seinen neuen Roman ein Thema ausgesucht, das für Furore sorgt. Eine Tragödie aus der jüngeren türkischen Vergangenheit, an der auch Deutschland, England und Russland beteiligt waren. Dabei siedelt Livaneli die Erzählung in der Gegenwart an und taucht immer wieder in die unaufgearbeitete Vergangenheit ein.

In der Gegenwart stehen zwei Figuren im Mittelpunkt des Romans: Zum einen die junge Maya, allein erziehende Mutter eines 14-jährigen Sohnes und als Angestellte der Universität Istanbul zuständig für die Betreuung ausländischer Gäste. Zum anderen der aus den USA zu einem Vortrag angereiste Professor Maximilian Wagner, der sich in die Obhut von Maya begibt. Recht schnell bemerkt Maya, dass den 87-jährigen Mann mit deutschen Wurzeln eine tiefe Traurigkeit überkommt, wenn sie ihn an bestimmte Orte in Istanbul führt. Dabei stellt sich heraus, dass sowohl der türkische als auch der russische Geheimdienst die beiden auf Schritt und Tritt verfolgen. Der betagte Professor hütet ein Geheimnis, das er der jungen Frau in einer langen Nacht erzählt.

Als politischer Flüchtling kam Wagner einst in die Türkei, suchte Zuflucht vor Hitlers Schergen am Bosporus, so wie viele andere Deutsche auch. Doch seiner Frau Nadja gelang die gemeinsame Flucht nicht. Mit Hilfe engagierter Landsleute fand Wagner einen kostspieligen Weg, um sie nachkommen zu lassen: an Bord des alten Schiffes „Struma“. Mit 761 weiteren jüdischen Flüchtlingen ging Nadja im rumänischen Constanta an Bord mit dem Ziel Palästina. Aber es kam anders. Das altersschwache Schiff hatte einen Motorschaden, wurde am Bosporos vor Anker gelegt. An eine Weiterreise war nicht zu denken. Die Briten verweigerten die Einreise in Palästina und zwangen die Türken, den Landgang zu verbieten. Über zwei qualvolle Monate harrten die Menschen auf dem völlig überladenen Schiff im kalten Istanbuler Winter aus. Später schließlich, am 24. Februar 1942, sank die „Struma“ an der Mündung des Bosporos, wurde nachweislich von einem russischen U-Boot torpediert. Nur ein Mensch überlebte. Und die ganze Zeit war Wagner in der Nähe des Schiffes, konnte seine geliebte Nadja sogar sehen, aber nicht zu ihr gelangen.

Livaneli hat für seine Geschichte sehr viel recherchiert. Sein Verdienst ist es, neben der Struma-Tragödie auch einen Einblick in die Welt der deutsch-jüdischen Emigranten, der vielen Professoren, Politiker und Künstler zu geben, die bis zum Ende des Nationalsozialismus im sicheren türkischen Exil lebten. Unter ihnen befanden sich auch der spätere Regierende Bürgermeister von Berlin, Ernst Reuter, der Jurist Ernst Hirsch oder der Bildhauer Rudolf Belling.

Gleichzeitig führt Livaneli seinen Lesern vor Augen, dass auch viele seiner Landsleute Flucht und Entwurzelung in ihrer Familiengeschichte haben. Exemplarisch hierfür steht Maya, deren eine armenische Großmutter nach dem Genozid die Herkunft verleugnen musste und deren zweite Großmutter als Krimtatarin Verfolgung und Tod als einzige aus der Familie überlebte.

„Serenade für Nadja“ ist ein sehr gelungenes, ein wichtiges Buch. Lediglich mit einem kleinen Manko, dass womöglich Livanelis Übereifer geschuldet ist: Er packt sehr viel thematischen Inhalt in die Geschichte hinein und hat gelegentlich einen überaus aufklärerischen Gestus, als ob er seinen Figuren nicht genug Vertrauen schenken würde. Diese kleine Schwäche ist ihm aber gerne zu verzeihen, denn schließlich hat er uns ein bewegendes, über weite Strecken spannendes Stück Literatur geschenkt und eine bislang totgeschwiegene, dunkle Episode der türkischen Vergangenheit beleuchtet.

Nevfel Cumart

Zülfü Livaneli: Serenade für Nadja. Roman. Klett Cotta Verlag; Stuttgart. 336 S., 21,95 Euro.

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