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Walser Tracht - Erläuterungen zur Tradition in Mittelberg

Walser Tracht

Schon am Vortag waren uns erste Aktivitäten der lokalen Feuerwehr aufgefallen, die neben dem Walserhaus mit dem Aufbau eines riesigen Baldachins beschäftigt waren: das Dorffest wurde vorbereitet, erste Stände aufgebaut.

Da auch eine Veranstaltung zur Erläuterung der Walser Tracht im Rahmenprogramm angekündigt war, wollten wir rechtzeitig vor Ort sein, einmal mehr im Walserbus unterwegs, war das kein Problem.

Vor Ort angekommen, war die typische Musik in Form einer Blaskapelle schon von weitem zu hören. Unser erstes Interesse galt allerdings dem Stand wo hausgemachte Kuchen und Kaffee angeboten wurde. Mit einem leckeren Stück Walserkuchen und Kaffee gerüstet, nahmen wir unter den Besuchern Platz, die auf Bierzeltgarnituren unter dem Baldachin versammelt waren. Leider gab es zwischenzeitig immer wieder Regenschauer, was die Stimmung ein wenig trübte. Eine helfende Hand sorgte mithilfe eines Besens dafür, dass die Wassermassen auf dem Baldachin ablaufen konnten. Sehr zur Belustigung der Zuschauer, denn manchmal traf der Wasserschwall vom Dach nur knapp neben den Besuchern auf dem Boden auf.

Nach einigen Vorführungen traditioneller Tänze sowie Live-Musik von der zünftigen Kapelle war der große und von uns mit Interesse erwarte Höhepunkt des Festes erreicht: Die Walsertrachten wurden präsentiert und erläutert.

Die Tracht der Kleinwalsertaler gehört zu den altertümlichsten in Vorarlberg. Wann genau diese entstanden ist, kann leider heute nicht festgelegt werden. Sicher jedoch ist, dass das “Walser Häß” von den Männern bis etwa 1870 und von den Frauen bis 1890 täglich getragen wurde. Um die Jahrhundertwende wurde der Einfluss der modernen Kleidung, “Fremd- und Schwabhäß”, zu groß. Die Tracht sah man immer weniger, bis 1926 einige Walser beschlossen, die Wiederauflebung in Angriff zu nehmen. Bestärkt wurde der Wunsch durch die Musikkapellen, die sich bald in der Heimattracht zeigten. Ein sehr großer Beitrag zur Erhaltung der Walsertracht haben die verschiedenen Trachtengruppen des Tales geleistet. Seit 1927 haben sie mit den aufgeführten Heimatabenden das gesamte Trachtenwesen wieder belebt.

Einige Gesichter der Vorführenden waren uns bereits in der Tanzgruppe aufgefallen, die jetzt unter der Moderation ihrer Sprecherin die Trachten vorführten. So wurde uns auch erläutert, das bereits an der Tracht erkennbar war, ob es sich um verheiratete oder unverheiratete Personen handeln würde. Eine recht praktische Einrichtung, die vielleicht auch heute als ein Modell für die moderne Zeit in dunklen Diskos angesagt wäre. Aber jetzt zunächst zu den Männern.

Die jungen Männer tragen in ihrer Tracht schwarze Halbschuhe, die durchaus mit Schnallen verziert sein können, weiße, fast kniehohe Strümpfe, dazu eine schwarze, enge Kniehose, reich bestickte Hosenträger, breiter Ledergurt mit Stickerei, dazu ein weißes Hemd und ein Seidentuch. Die erwachsenen Männer tragen dazu eine ärmellose rote Weste mit Silberknöpfen, ein Kamisol, worunter man einen langen Rock aus blauem, früher auch dunkel- oder rostbraunem Tuch zu verstehen hat. Der verheiratete Mann trägt dazu den Dreispitz, ein Hut besonderer Machart.

Die Buben und die ledigen Männer tragen eine schwarze Leder- oder Stoffhose mit Silberknöpfen, Hosenträger, breiter bestickter Gürtel und ein “Mäschle”, ein buntes Halstuch. Weißes Hemd, weiße Strümpfe und schwarze Schnallen- oder Bundschuhe sind Grundausstattung.

Die Jacke ist ein weißer Schaflederwams mit roten Tuchärmeln. Kopfbedeckung ist ein weiße, gestrickte Zipfelmütze. Der auch anzutreffende schwarze Wollhut wird nur vom Bräutigam getragen.

Wichtigstes Kleidungsstück der Frauen ist die Juppa, ein schwarzer, plissierter Überrock.   Der Stoff wird von Hand in kleine Falten gelegt - plissiert. Am Saum ist die so genannte “Bsetze”, das ist ein Tuchvollant, der die Falten straff hält und der Tracht etwas Besonderes verleiht; dazu ein Unterrock, der eigentlich ein ganzes Unterkleid ist. Am Oberteil (immer sichtbar) sind Rosen aufgestickt. Dazu trägt die Frau die “Fürsches”, eine Schürze, die in allen gedeckten Farben, außer weiß, möglich ist und an der Oberkante gesmokt und mit Perlen verziert ist. Dazu gehören zur Grundausstattung eine weiße Bluse mit kurzen oder langen Puffärmeln, schwarze Schuhe und weiße Strümpfe.

Die auffälligste Besonderheit der Walser Frauentracht besteht darin, dass der “Fürsches”  über der Brust von den bestickten Samtbändern gehalten wird. Die Frauen haben aufgrund der Bewegungsfreiheit (die Tracht war immer auch Alltagskleidung) aus der Zeit der Empire-Mode, die höher liegende Taille übernommen, sie sogar nochmals höher angesetzt.

Zum Kirchgang und zu festlichen Anlässen stehen verschiedene Hüte und Jacken zur Auswahl. Der “Siidahuat” kann von ledigen und verheirateten Frauen getragen werden. Die “Sometkappa”, die Pelzkappe aus Fischotterfell steht nur verheirateten Frauen zu.

Ein äußerst wichtiges Schmuckstück stellt die Korallenkette dar, die von den Handel treibenden Männern ihren Frauen mitgebracht wurden. Auch Broschen an den Schürzenbändern sind beliebte, zusätzliche Schmuckstücke, wie auch der “Bschlacht” Gürtel über der Brust aus Lackleder mit drei verschieden großen Filegranbroschen am Rücken. Die Mädchen tragen die gleiche Grundausstattung wie die Frauen: Juppa, Unterrock, “Fürsches”, weiße Bluse und Korallenkette.

Zu festlichen Anlässen wird der Chranz, die Krone, getragen. Die “Ärmel” (kurzes Jäckchen) oder das “Schälkle” (Jacke mit Chenille verziert) und der “Blaetteleschgürtl” sind zu dieser Kopfbedeckung Pflicht.

Ein durchaus interessanter Vortrag, der zumindest einen ersten Einblick in die traditionellen Zusammenhänge der Kleidung in Verbindung mit den Gebräuchen im Kleinwalsertal ermöglichte. Erhaltung dieser Traditionen nicht allein für den Tourismus sondern zum Erhalt des Kulturguts tragen zum Selbstverständnis der Volksgruppe der Walser und damit auch zum Selbstbewusstsein bei. Der Integration in die Bevölkerung der Umgebung muss dies überhaupt nicht entgegenstehen, was als gelungenes Beispiel gelten kann. Ganz im Gegenteil, es trägt zur Vielfalt und damit zum kulturellen Reichtum der Menschheit bei.

Schon jetzt sind wir gespannt auf Trachten und Gebräuche der Sorben in der Region um Bautzen und Kamenz, die es als integrierte Volksgruppe sogar verstanden hat, neben ihrem Brauchtum eine eigene Hymne und Flagge zu erhalten.

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