Wetter – Fachwerkhäuser in der „Freiheit“ und Friedrich Harkort
- Geschrieben von Portal Editor
Wetter – Schon mehrfach hatten wir von einem Fachwerk-Hausensemble namens „Freiheit“ gehört, dass auf das Jahr 1355 zurückgeht als es das so genannte Freiheitsprivileg erhielt.
Unser dann erfolgter Besuch in Wetter ließ uns aber auch auf den Namen Friedrich Hartkort stoßen, der sowohl bei dem am Stadtrand befindlichen Harkortsee, dem Harkortberg und auch einem Aussichtsturm auf eine wohl bedeutende Persönlichkeit hindeutete. Aber dazu später mehr.
Freiheitsprivileg - Was aber ist das überhaupt?
Ein Freiheitsprivileg ist ein historischer Rechtsbrief aus dem Mittelalter oder der Frühen Neuzeit, mit dem ein Herrscher (wie ein Kaiser oder Bischof) einer Stadt, einer Region oder einer Siedlung besondere Sonderrechte verlieh.
Bekannte Beispiele hierfür sind das Große Freiheitsprivileg für Worms von 1184 oder das Mainzer Privileg von 1244.
Aber auch kleinere, besser dörfliche Einheiten konnten bestimmte Privilege erhalten. So beispielsweise:
Sonderrechte: Befreiung von bestimmten Abgaben oder Frondiensten.
Autonomie: Eigenständige Gerichtsbarkeit und das Recht zur Selbstverwaltung.
Stadwerdung: Grundlage für den Aufstieg zu einer freien (Reichs-)Stadt.
Friesische Freiheit - Ein Beispiel für gewährte Freiheit
In der wahrscheinlich aus dem 13. Jahrhundert stammenden Magnussage wird die Entstehung der „Friesischen Freiheit“ erklärt: Die Friesen hatten demnach unter ihrem Anführer Magnus überraschend die Stadt Rom für Karl den Großen (747/814) erobert.
Als Dank bot der Kaiser Karl den Bewohnern Gold und Gewänder an. Magnus aber verweigerte diese Gaben. Er erhielt stattdessen ein aus sieben Artikeln bestehendes Privileg aus der Hand des Kaisers, das den Friesen ihre Freiheit bestätigt, die „Magnusküren“.
Karl verlieh sie ihnen, wie es wörtlich heißt, „damit alle Friesen frei seien, die Geborenen wie die Ungeborenen, solange der Wind von den Wolken weht und die Welt steht“.
Freiheit Wetter – Stadtteile Wengern und Volmarstein
Bereits im 11. Jahrhundert wurden die beiden heutigen Stadtteile von Wetter, Wengern und Volmarstein, erstmals urkundlich erwähnt. Die Kirche von Wengern wurde um 1080 vom Kölner Erzbischof Sigewin von Are zur Pfarrkirche erhoben. Wetter war, neben Altena, Hamm und Hörde, eine der vier Kreisstädte der Grafschaft Mark. Zwischen 1250 und 1274 wurde dann von den Grafen von der Mark die Burg Wetter wohl hauptsächlich als märkischer Vorposten gegen die kurkölnische Burg Volmarstein errichtet.
Mit der Einführung der märkischen Amtsverfassung kam auch zum Beginn des 14. Jahrhunderts ein Amtmann der Grafen von der Mark, der in der Regel dem regionalen Adel angehörte, nach Wetter. Freiheit und Dorf (ursprünglich Kerckwetter genannt), die eine Verwaltungseinheit bildeten, erhielten 1355 das Freiheitsprivileg. Wetter war ein Mitglied der Hanse, als ein Zugewandter Ort konnte man von den Handelsprivilegien profitieren, hatte aber kein Mitspracherecht.
Über 400 Jahre war die Freiheit Wetter von einer Ringmauer umgeben. Neben einem kleinen Ausgang zur Ruhr führte ein Torgebäude in der Nähe der heutigen Kaiserstraße als einziger Zugang in die Siedlung und zur Burg. Gesichert wurde das Tor von einem rund 16 Meter hohen Wachturm. Jede Person, die hineingelangen wollte, musste an einem Torwächter vorbei. Die innerhalb der Mauern lebenden Menschen genossen im Gegensatz zur bäuerlichen unfreien Landbevölkerung eine vom Landesherren garantierte Sonderstellung.
Im mittelalterlichen Westfalen bezeichnete der Begriff Freiheit auch Orte, deren Rechte denen einer Stadt ähnelten, die jedoch oft kein Marktrecht oder Münzrecht besaßen. Die Bürger einer Freiheit waren von der Pflicht befreit, einem Herren zu folgen und durften ihre Angelegenheiten selbst regeln – eine frühe Form kommunaler Selbstverwaltung mit gewähltem Bürgermeister und Gemeinderat. Im Januar 1355 bestätigte Graf Engelbert III von der Mark diese Rechte und dehnte sie auch auf das Dorf Wetter aus.
Wetter - Leben in der Freiheit
Ende des 14. Jahrhunderts lebten etwa 200 Personen in der Freiheit Wetter. Die Sicherung und Verteidigung der befestigten Siedlung übernahmen so genannte Burgmannen, deren Höfe die Burganlage umgaben. Die bürgerliche Bevölkerung der Freiheit bestritt ihren Lebensunterhalt als Schneider, Schuster, Bäcker, Fleischer, Krämer oder Ackerbürger. Viele hielten zudem Kühe und Schweine zur Selbstversorgung. Die vom Grafen gewährten Bürgerrechte boten Schutz, waren jedoch auch mit Pflichten verbunden. Diese umfassten Abgaben für einen Fährmann an der Ruhr, Arbeiten an den Befestigungsmauern und die Übernahme von Wachdiensten.
Im 17. Jahrhundert hinterließ der Dreißigjährige Krieg tiefe Spuren in der Freiheit Wetter. Umherziehende Truppen verwüsteten die Region, zerstörten Häuser und schlachteten das Vieh. Viele Bewohner verließen die Freiheit. Die verbleibende Bevölkerung bestand größtenteils aus verarmten Maurern und Ackerbürgern. Nur der Richter und die Gerichtsschreiber besaßen am Ende des Krieges noch nennenswerten Besitz.
Grundstein für die Eisenindustrie
Im Jahr 1661 versuchte die damalige Landesregierung mit Initiativen zur Wirtschaftsförderung den Wiederaufbau einzuleiten. Ihre Strategie:
Mit garantierten Sonderrechten sollten Messerschmiede aus Solingen abgeworben und dauerhaft in der Region angesiedelt werden.
Bis 1852 ließen sich in der Freiheit Wetter zahlreiche Messerschmiede nieder. Zu ihren Privilegien gehörten die freie Ausübung ihres reformierten Glaubens in der Burgkapelle, bevorzugte Kohlenlieferungen und die Befreiung von den Kriegsdiensten. Im Jahr 1664 wurde zudem ein reformiertes Schulgebäude errichtet. Mit dem Aufbau der mechanischen Werkstätte erlebte die Freiheit einen rasanten Wandel:
Die Einwohnerzahl stieg bis 1840 sprunghaft von etwa 200 auf über 800 an. Neue Berufe wie Fabrikarbeiter, Kupferschläger, Kaufmann, Ofenschmied und Weinhändler kamen hinzu. Die Bevölkerung lebte dicht gedrängt: In Häusern, die zuvor höchstens 10 Personen beherbergten, mussten nun bis zu 30 Menschen Platz finden.
Ruhrbesetzung vor etwa 100 Jahren besetzt
Während der so genannten Ruhrbesetzung im Jahr 1923 war das heutige Stadtgebiet von Wetter geteilt: Nördlich der Ruhr (das heutige Alt-Wetter) waren britische und französische Besatzer stationiert, wohingegen der südliche Teil (Volmarstein und Wengern) frei von Besatzern war. So war zum Beispiel die Overwegbrücke, die Oberwengern und Alt-Wetter verbindet, ein Grenz- und Kontrollpunkt, und zur jeweils anderen Ruhrseite mussten auf dem Weg zur Arbeit oder zur Schule lange Pendelzeiten eingeplant werden.
Wetter und seine Beziehung zu Friedrich Harkort
Eine besondere Sehenswürdigkeit der Stadt Wetter ist der so genannte Harkortturm, der 1884 erbaut wurde und 35 Meter hoch ist. Der Turm war zum Gedenken an Friedrich Harkort aus privaten Spenden gebaut worden. Harkort, der häufig als „Vater des Ruhrgebiets“ bezeichnet wird, war ein deutscher Unternehmer und Politiker in der Frühzeit der Industriellen Revolution. Der Kohleabbau im Tiefbau wurde erst durch seine Pumpen, Dampfmaschinen und Eisenbahnschienen möglich. Die Sorge um das nachhaltige Wohl seiner Beschäftigten führte ihn als Abgeordneter des Reichstags (1871–1874) bis nach Berlin.
Sein Kampf galt dem Verbot von Kinderarbeit, der Einrichtung von Krankenkassen für Arbeiter, Schulbildung für alle, Gesundheitsschutz für Werktätige durch die Errichtung von Berufsgenossenschaften.
Friedrich Harkort war maßgeblich an der deutschen Bildungspolitik im 19. Jahrhundert beteiligt. Er gründete den Verein für die deutsche Volksschule und für Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse. Der Verein zählte binnen kürzester Zeit 2500 Mitglieder aus dem gehobenen Bürgertum. Unter diesen fanden sich viele Befürworter einer neuen Schulform, die es den Volksschullehrern ermöglichen sollte, ihren niedrigen Stand zu verlassen. Dies war ein heikles Thema, da weder Staat noch Kirche daran interessiert waren, „mündige Lehrer“ mit dem Bildungsauftrag zu versehen. Vielmehr entsprach das gewohnte Bild des „Katecheten“ nach wie vor den Vorstellungen der Obrigkeit.
Harkort erkannte die entstehenden Missstände bedingt durch die fortschreitende Industrialisierung einerseits und durch unzulänglichen Ausbau der Bildungsmöglichkeiten für das Proletariat andererseits und verfasste eine 1844 veröffentlichte Anklageschrift mit dem Titel „Bemerkungen über die Hindernisse der Zivilisation und Emanzipation der unteren Klassen“, aus der folgende Zitate stammen:
„100.000 Fibeln, die 3000 Taler kosten, haben einen größeren Wert für die Erziehung der Menschheit als 100.000 Bewaffnete, die jährlich 9 Millionen verschlingen.“
„8000 Menschen, die auf einer Quadratmeile leben, bedürfen, um bestehen zu können, eines höheren Grades von Bildung und Kenntnissen, als einige Hirten, die auf wüster Fläche schweifen.“
Der Turm steht seit 1984 unter Denkmalschutz und wird seit Anfang 2011 in der Route der Industriekultur geführt. Der Turm ist nur zu bestimmten Anlässen oder nach Vereinbarung mit dem Heimatverein Wetter begehbar und bietet einen Blick über den Harkortsee bis ins Sauerland.
Harkortsee: Als Ausgangspunkt für Wanderungen, ob per Fahrrad, Inlineskater oder zu Fuß rund um die beiden Ruhrstauseen Harkortsee und Hengsteysee bietet sich Wetter geradezu an.
Harkortberg: Ebenso kann Wetter als Ausgangspunkt für Wanderungen durch das Ardeygebirge mit Fernsicht auf den Harkortsee genutzt werden (Quelle: Wikipedia und Weitere)
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https://www.alaturka.info/de/deutschland/nordrhein-westfalen/7171-wetter-fachwerkhaeuser-freiheit-hark#sigProIdad610d95b3