So verändern Rückkehrer aus Deutschland / Bassam Tibi

So verändern Rückkehrer aus Deutschland die Türkei / von Bassam Tibi

Eine halbe Million Türken sind seit 1980 aus Deutschland in die Heimat zurückgekehrt. Nicht alle tragen dazu bei, ihr Land offener zu machen.  

"Wir sind eine neue Generation, wir kommen als Eroberer in die Türkei zurück“, sagt Rukiye Caliskan. Die junge Frau ist etwas, was es gar nicht gab, als ihre Eltern als Gastarbeiter in die Bundesrepublik kamen: Sie ist Unternehmerin. Und dass so etwas jetzt möglich ist, das schreibt sie durchaus deutschen Tugenden zu. Das vermitteln zwischen den Kulturen ist ihr Kerngeschäft. Ihr Unternehmen bietet Fachübersetzungen und Incentive-Reisen an. Aber in Sachen Unternehmenskultur hat Caliskan klare Vorstellungen: "Ich nehme grundsätzlich keine in der Türkei ausgebildeten Übersetzer, die sind einfach zu schlecht“, sagt sie. Geschätzte 500.000 Ex-Auswanderer sind seit 1980 aus Deutschland in die Türkei zurückgekehrt. Die Auswirkungen dieses Stroms gehen aber weit über diese Gruppe hinaus. Die Erfahrungen, die sie in Deutschland gemacht hat, prägen ihre alte und neue Heimat heute. Es sind Erfahrungen, die dem Klischeebild von deutschen Sekundärtugenden entsprechen – aber auch noch viel widersprüchlichere. Sie tragen bei zur wilden Moderne, die das Land am Bosporus in ganz eigene Konflikte stürzt. 

Missionare im Autrag der Pop-Kultur

b_450_450_16777215_00_images_kultur_musik_tarkan.jpgIn den 90er-Jahren platzte ein junger Mann aus dem rheinhessischen Alzey in die türkische Musikszene. Tarkan Tevetoglu hieß er, und unter dem Künstlernamen "Tarkan“ wurde er zum ersten international bedeutenden türkischen Popmusiker. Sein Wirken veränderte das türkische Friseurgewerbe – Jugendliche verlangten und bekamen fortan den wuscheligen, zerzausten Tarkan-Look. Er führte erstmals Slang in türkische Texte ein und Ohrringe als modisches Accessoire für Männer. Und er brach ein ehernes Tabu, indem er zunächst den Wehrdienst verweigerte. 

In Interviews hat er gesagt, er verdanke Deutschland viel, vor allem, ein "Weltbürger“ geworden zu sein, jemand, der in verschiedenen Kulturen zu Hause ist. Und dann war da die Musik – "Nena, Falco, Trio“ nennt er als Einflüsse.

Ohne Deutschland wäre er nicht der, der er wurde, und ohne ihn wäre die türkische Popkultur nicht das, was sie wurde. Tarkan ist nur ein Beispiel für die vielen Deutschtürken, die ihre Heimat verändert haben und weiter verändern – die Türkei von heute ist teilweise durch ihre "Almancis“ so geworden, wie sie heute ist. Und sie ist vor allem eines: erfolgreicher und einflussreicher denn je. Aber nicht unbedingt westlicher. 

Nicht jeder lernt in Deutschland das Abendland lieben. Das beste Beispiel ist Necmettin Erbakan, der in den 60er-Jahren in Deutschland studierte und arbeitete und zum maßgebenden Islamistenführer des Landes aufstieg, 1997 wurde er gar Ministerpräsident. Er hat die Türkei dauerhaft verändert: Die heutige Führung des Landes besteht aus seinen einstigen Gefolgsleuten, allen voran Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und Staatspräsident Abdullah Gül.

Heute sagt Erbakan, er habe in Deutschland gelernt, wie man Dinge effizient organisiert: "Diese Ernsthaftigkeit, diese Achtsamkeit bei Details, die Organisiertheit – davon habe ich viel gelernt.“ Aber Deutschland verstärkte in ihm den Wunsch, dem Islam zu dienen. Der Westen, so erlebte es Erbakan, empfand sich als überlegen. Der junge Mann entwickelte die Antithese, der Islam sei "wissenschaftlich und kulturell“ überlegen. Erbakan hatte die Idee, mit dem Geld frommer "Investoren“ islamische Unternehmen zu gründen, und vor allem in Deutschland fand die Idee eifrige Zustimmung. Millionen flossen von dort in die Türkei, und diese Gelder stärkten dort den politischen Islam. Dass viele Migranten fundamentalistischen Strömungen Gehör schenkten, das war ein Ergebnis deutscher Freiheiten und deutscher Achtlosigkeit, wenn es um die religiöse Betreuung von Muslimen ging. So konnten sich radikale Gemeinden und Orden ausbreiten, die in der Türkei weit weniger Freiraum genossen. 

Von Tarkans westlicher Frechheit bis zu Erbakans religiösem Konservativismus ist es ein weiter Bogen. In vielen Rückkehrern verstärkt aber ihre deutsche Erfahrung das Potenzial, das, was in ihnen steckt, erfolgreicher umzusetzen, was auch immer das konkret sein mag.

Von der Reporterin zur Lobbyistin

b_450_450_16777215_00_images_kultur_literatur_pinar_selek.jpgSemiha Öztürk beispielsweise hat mehr oder minder eigenhändig den Frauenanteil im türkischen Parlament verdoppelt. Ihre Kindheit verbrachte sie in Deutschland, und später in der Türkei machte sie Karriere als TV-Reporterin. Ihre Reportagen waren frech und erfrischend. "Ich setzte mich im Südosten manchmal in Teehäuser, wo nur Männer sind, und alle starrten mich an – bis ich sie fragte, ob sie einem Gast nicht Tee anbieten wollten. Später kam dann mein Kamerateam herein, und dann fragte ich die Männer, ob ihre Töchter zur Schule gehen, und ob sie sie eventuell umbringen würden. Ich glaube, das hat hier und da etwas verändert, hat manche zum Nachdenken gebracht.“

Für die Frauenorganisation Ka-Der dachte Öztürk sich eine Öffentlichkeitskampagne aus, die das ganze Land zum Lachen brachte und die Parteien zwang, mehr Frauen ins Parlament zu bringen: "Müssen wir Schnurrbart tragen, um ins Parlament zu kommen?“, lautete der Slogan, zu dem prominente Türkinnen sich mit aufgemalter Barttracht ablichten ließen. Ergebnis: Der Frauenanteil sprang von 4,5 auf 9,5 Prozent. (Im Bild Pinar Selek)

Boxtraining gegen die Prügel, Jura und Regie für die Karriere

Frauen ins Rampenlicht, das liegt immerhin auch im Geist der Zeit, aber der Schauspieler Haluk Piyes verändert sein Land dort, wo kein Zeitgeist weht. Der in Köln aufgewachsene Star des deutschen Kultfilmes "Kanak Attack“, einst gefeiert als "Entdeckung des Jahres 2000“, zudem "Gesicht des Jahres 1995“ und deutscher Box-Jugendmeister, lebt inzwischen wieder in der Türkei. Er spielt in Fernsehserien harte Helden, die gegen das Böse kämpfen. Er ist vielschichtiger als seine Rollen, hat Jura studiert und Regie, und versucht sich neuerdings auch als Regisseur.

Privat kümmert er sich um vernachlässigte Jugendliche. Er ist selbst einer, der sich durchgebissen hat: Boxen lernte Piyes, um sich unter den Türkenkids seiner Heimatstadt Köln behaupten zu können. Als sich später der Erfolg einstellte, begann er nebenbei Streetworker-Projekte, die Auswege aus der Gewalt zeigen sollten – für türkische genauso wie für deutsche Jugendliche.

Heute macht er das in der Türkei, zusammen mit der Polizei. „Der Knackpunkt ist immer ein gebrochenes Verhältnis zum Vater“, sagt Piyes. „Ich frage die Jungs, wann sie ihrem Vater zuletzt gesagt haben, dass sie ihn lieben. Ich ermutige sie, das einfach mal zu sagen, selbst wenn sie es nicht so empfinden. Es ist erstaunlich, was ein einfaches Wort bewirken kann.“

Der Star investiert seine Freizeit und sein Geld in diese Projekte. Das macht kein anderer Filmstar in der Türkei – es ist etwas, was aus ihm selbst kommt, aber vielleicht auch ein wenig aus Deutschland.

Entnommen "Welt" von Bassam Tibi

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